Wagners Open Corner

Wagners Open CornerDer Deal mit dem Zufall

Findet man in Veranstaltungs-magazinen den Verweis auf die "Open Corner" im Café Wagner in Jena, erinnert man sich am besten Forrest Gumps weiser Lebens-philosophie.


Denn ähnlich dem umfangreichen Angebot einer Pralinenschachtel wird dem Besucher der Abend hier mit einem bunten Mix kultureller Beiträge versüßt. "Open Corner" bedeutet: Jeder kann, jeder darf, keiner muss. Die Bühne ist frei, für Profis oder Laien, ohne Voranmeldung und Vertragsabschlüsse.
Seit 2003 bedient sich das Jenaer Lokal einmal monatlich des unkomplizierten Konzeptes der Offenen Bühne. Einmal monatlich, meist an einem Donners- oder Samstag, verlassen sich die Wagner-Verantwortlichen auf den Zufall, die Spontanität der Künstler und die Ungewissheit, wie sich der Abend entwickeln wird. Früher hat man es mit Anmeldelisten probiert, doch dies lohnte sich nicht, da immer wieder Leute spontan auftreten wollten. Die Veranstaltung ließ sich einfach nicht in planbare Schranken weisen. Doch wer will das auch? Wäre doch sonst der reizvolle Überraschungseffekt dahin. Am Einlass entscheidet sich das Programm, Klavierstücke und Lesungen werden vorangestellt, Bands kommen zu späterer Stunde. Lockmittel für Unschlüssige sind zwei Freigetränke und freier Eintritt, was sich schon des öfteren bewährt hat. Mitarbeiter Norman Herzog erinnert sich zurück und erzählt Stories aus der langjährigen Open-Corner-Geschichte. "Einmal kamen drei Musiker, ohne zu wissen, was an diesem Abend im Wagner los ist. Prompt entschloss man sich, weil man den einen Euro nicht löhnen wollte, selbst zu musizieren. Und die Jungs haben dann so die Bude gerockt!"Wagners Open Corner
Der Beginn der Veranstaltung, meist gegen 22 Uhr, kann nach Lust und Laune der Künstler variieren. So ist es vorgekommen, dass die Band, die sich angemeldet hatte, zu spät kam. Der Raum war schon gut gefüllt, und die Wagner-Leute mussten zittern. Doch das in der Regel nicht sonderlich argwöhnische Publikum nimmt auch Verzögerungen locker in Kauf, kommen doch auch viele einfach nur zum Quatschen hierher.
Hauptsächlich wird auf der Open Stage Musik geboten. Stammgäste sind die Improvisations-Jazzer der Jenaer Band Seelenküche. Doch liegt derjenige falsch, der denkt, man muss eine Band mitbringen oder zwangsläufig ein Instrument spielen. Es wurden auch schon selbstproduzierte CDs eingelegt. "Im Grunde genommen kann alles unterhaltsam sein, man muss nur wissen, wie man es präsentiert", weiß Norman Herzog. Und so können sich die Abende zu ungezwungenen Jam-Sessions entwickeln, die Punkkapellen der Mitarbeiter treten auf, und die Stühle müssen Tanzwilligen weichen. In diesem Falle gilt: Nicht zu früh gehen! "Denn je später der Abend wird, desto extremer und teilweise besser die Musik", gibt der Kenner zu verstehen und lacht über den zweiten Teilsatz. Selten vor 4 Uhr lichtet sich die Menge.
Eigentlich war das Konzept für Nachwuchskünstler gedacht, denen die Chance gegeben werden sollte, sich das erste Mal vor Publikum zu beweisen. Doch häufiger nutzen Bands die Bühne zum Ausprobieren neuer Songs oder zum Ankündigen nächster Gigs. Norman Herzog wünscht sich manchmal Beiträge anderer Art: "Ein Komödiant wäre nicht schlecht!" Doch gleich darauf lenkt er ein, dass meist die Bands diesen Part kurzerhand mit übernähmen.
Die Vorteile der Offenen Bühne liegen klar auf der Hand. Für Künstler, und solche, die es werden wollen, ist sie ein schneller und einfacher Weg zum Publikum. Die anschließenden Jams bieten die Möglichkeit, sich neu zu formieren und Kontakte zu knüpfen. Ein Sprungbrett also. Als Gast wird man durch ein breitgefächertes Angebot unterhalten. Und wenn sich die Erwartung nicht bestätigt, tut einem der eine Euro Unkostenbeitrag auch nicht weh.
Die Resonanz zeigt, dass der Deal mit dem Zufall aufgeht. Seit 2003 treffen sich ausreichend Künstler und Publikum zu "Wagners Open Corner". Auf der Homepage wird die Veranstaltung mit den Worten "eure heiß geliebte Open Corner" angekündigt. Fürs nächste Jahr ist angedacht, das Konzept um Nachwuchs-DJs zu erweitern. "Open Turntables" sozusagen.
Am 20. November wird die Pralinenschachtel wieder geöffnet, und man darf gespannt sein, auf mutige Künstler, ein gutgelauntes Publikum und auf das, was der Zufall uns bringt.


Termin:
20.11. Jena, Café Wagner
 
Wort: Sina Griebenow / Bild: Tom Hofmann