Sommer, Sonne, Satte Sounds Teil 3

Der BLITZ!-Wegweiser zu den Konzert- und Party-Highlights der Saison


R.E.M.

R.E.M.Sie haben es geschafft: Sänger Michael Stipe, Gitarrist Peter Buck und Bassist Mike Mills, zusammen bekannt als R.E.M., wurden im vergangenen Jahr in die Rock-and-Roll-Hall of Fame aufgenommen. Mehr kann man als Rocker nicht erreichen. Und es ist noch verblüffender bei dieser Kapelle, die trotz Millionen verkaufter Alben eigentlich nie den Status einer Indie-Band verloren hat. Auch das neue Album "Accelerate", ihr 14. Opus, hört sich so frisch an wie die Scheiben, mit denen sie in den 80ern begonnen haben. Das Video zur ersten Single "Supernatural Serious" haben sie mitten in New York in einem Sex-Shop aufgenommen. Es soll bei dem dazu inszenierten "Spontan"-Konzert zu einem beträchtlichen Menschenauflauf gekommen sein. Den wird es am Elbufer auch geben!

15.07. Dresden, Elbufer


Seal

Seal Geboren 1963 in London als Sohn brasilianischer und nigerianischer Einwanderer ist Seal (bürgerlich: Seal Henry Samuel) auf dem besten Wege, der Barry White des neuen Jahrtausends zu werden. Der Kuschelrocker mit Feeling und Niveau, der Mann, der mit seiner tiefen Samtstimme ganz weich werden kann, ohne irgendwie in Kitsch abzudriften. In den 13 Karriere-Jahren an der Spitze hat er vier Brit-Awards gewonnen und 15 Millionen Alben verkauft. Das alleine hätte schon gereicht, doch hierzulande sammelte er noch mehr Punkte, weil er sich der vom italienischen Formel-Eins-Boss Flavio Briatore so schnöde verlassenen Heidi Klum angenommen und die einsame, alleinerziehende Mutter geehelicht hat. Wir Deutschen haben eben ein Herz für solche Happy Ends!

17.07. Leipzig, Parkbühne


Kulturarena Jena

Kulturarena Jena - Zdob Si ZdubDas optimale Beispiel dafür, wie eine Stadt auf höchsten Niveau dem Sommerloch trotzen kann, hat bereits begonnen: Seit dem 10. Juli beweist die 17. Kulturarena in Jena wieder in einem ungeheuer dichten, stilistisch breiten, doch immer anspruchsvollem Mix aus Musik, Theater und Kino, dass die Musen nicht schweigen müssen, wenn die Freibäder voll sind. Das gesamte programmatische Spektrum des Festivals auch nur annähernd umreißen zu wollen, gibt an dieser Stelle der Platz nicht her, ein Ausschnitt muss genügen: Unmittelbar nach Erscheinen dieses Heftes werden im Rahmen der Konzertarena auf dem Theatervorplatz Mayra Andrade, Ida Sand, Maceo Parker & Die WDR Big Band, Manhattan Transfer sowie The Crusaders & Nils Landgren Funk Unit auflaufen. Dazu kommen Indie-Pop-Helden wie Frank Spilker, Peter Licht und The Notwist. Und dabei liegt der inhaltliche Schwerpunkt eigentlich auf der osteuropäischen Musik, für die u.a. Zdob Si Zdub (Foto) stehen. Unglaublich, was hier geboten wird!

10.07.-24.08. Jena, Theatervorplatz u.a.


Turm-Brauhausfest

Turm Brauhausfest - Sonic Boom FoundationEin selten stimmiges Line-Up: Die Booker des diesjährigen Turmbrauhaus-Fests haben geschmackssicher und mit ziemlicher Szenekenntnis genau die drei Bands aus Mitteldeutschland auf eine Bühne geholt, die momentan am aussichtsreichsten in den Starlöchern stehen. Zugegeben, die Erfurter Northern Lite sind da schon ein Stück draußen und rasant unterwegs. Ihnen dicht auf den Fersen die Leipziger Sonic Boom Foundation (Foto) und die Dresdner Krieger. Leicht unklar allerdings, wie der geneigte Hörer diese geballte Ladung an musikalischem Druck aushalten soll. Alle drei Bands spielen energetisch am oberen Limit, da gibt es keine Verschnaufpausen. Hintereinander auf der Bühne dürfte sich für die Ohren die Wucht einer Dampfwalze ergeben: Was uns nicht tötet, härtet ab.

18.07. Chemnitz, Hauptmarkt


In Extremo

In ExtremoLest noch einmal die Rezension auf unseren Plattenseiten vom Juni und überzeugt Euch, mit welch großartigem musikalischen Angebot In Extremo aus Berlin zu den Konzerten der Sommersaison antreten. "Sängerkrieg" heißt das neue Album der Berliner, die alle über eine lange Rock'n'Roll-Erfahrung verfügen. Sänger, Mastermind und Bandmotor Michael Robert Rhein, der den Spielmannsnamen Das letzte Einhorn trägt, war schon zu Ostzeiten mit der rüden Anarchoband NOAH unterwegs (Nachwende-Kultalbum "Hilf deiner Polizei, schlag dich selbst!"). 1997 waren sie als eine der ersten dabei, als man begann, Rock mit Mittelalter-Instrumentarium zu verbinden, schon zwei Jahr später ging Album Nummer 3 in die Charts. Das aktuelle Werk marschierte ohne Umschweife auf Platz 1. Na also!

18.07. Creuzburg, Burg
29.08. Merseburg, Schloss
30.08. Chemnitz, Klaffenbach


Willy De Ville

Willy De VilleDer wohl legendärste Rock-Club aller Zeiten ist schon ein paar Jahre zu, sein Betreiber Hilly Kristal starb im vergangenen Jahr: Im New Yorker CBGBs begannen die Karrieren der Ramones, von Patti Smith, Blondie (mit Debbie Harry) oder den Talking Heads. Jede Band, die dort in den letzten 30 Jahren mal spielen durfte, schreibt sich das ganz oben in die Vita. Weniger bekannt ist, dass auch die New Yorker Band Mink De Ville in dem angesichts seiner Bedeutung lächerlich kleinen Club ihre ersten Schritte ins Biz machte. Nicht die schlechteste Startplattform: Bereits das allererste Album wurde 1976 von der Musikpresse der ganzen Welt gefeiert. Der Macher der Band hieß und heißt Willy De Ville, er war es auch, der die Fahne nach dem Split in den 80ern weiter oben hielt - ein Rocker mit Charme und Benehmen.

18.07. Leipzig, Parkbühne


The BossHoss

The BossHossSie heißen Alec "Boss Burns" Völkel (Gesang), Sascha "Hoss Powers" Vollmer (Geang, Gitarre), Stefan "Russ T. Rocket" Buehler (Gitarre), André "Guss Brooks" Neumann (Kontrabass), Malcolm "Hank Williamson" Arison (Mandoline, Waschbrett, Mundharmonika, Stylophon), Ansgar "Frank Doe" Freyberg (Drums) sowie Tobias "Ernesto Escobar Tijuana" Fischer (Percussion) und sind so unbeschreiblich lässig, dass es, wenn es das Wörtchen "saucool" nicht schon gäbe, "bosshoss" an dieser Stelle heißen würde.
Die Idee, bekannte Hits im Country-Style zu veralbern, ist nicht ganz neu, die Schweizer Handsome Hank & His Lonesome Boys haben das schon vor ihnen und auch sehr witzig gemacht. Aber die Berliner sind unerreicht saucool dabei, eben Bosshoss!

19.07. Wernesgrün, Brauerei


Love Parade

Love ParadeGestern 500.000 auf der Fanmeile zum Public Viewing, heute eine Million zum Public Raving auf der Bundestraße 1 an den Dortmunder Westfalen-Hallen. Die B1 wird kurzfristig in "Highway Of Love" umbenannt. Es ist die Liebe der modernen Zeit, urbane Dance-Kultur umarmt ländlichen Massen-House (beziehungsweise umgekehrt). Eine Liebe, die durch das richtige Styling erst schön wird und die sich ganz gut in kurzen bunten Promospots transportieren lässt.
Die Love Parade war immer auch eine Marketing-Parade, aber die Commercials wirken hier nicht aufgesetzt, weil sie von Anfang an integrierter Bestandteil der großen Party waren. Und in diesem Jahr kommt er tatsächlich: Moby, der größte Popstar, den die Techno-Bewegung hervorgebracht hat, wird die Bundesstraße 1 adeln.

19.07. Dortmund, Bundesstraße 1


Söhne Mannheims

Söhne Mannheims Er kam im Auftrage des Herrn und hatte die Sache gut eingefädelt: Im wahren Zion unweit des gleichnamigen Berges (vorüberhegend umbenannt in Mannheim und Königsstuhl) hatte Xavier bereits einige Jünger um sich geschart. Sie waren angetreten, die neuen Zeiten mit herrlichen Songs zu preisen.
Der Meister selbst beschäftigte sich gleichzeitig im fernen Rödelheim mit dem Projekt, bekannt zu werden. Was ihm dank seiner messianischen Ausstrahlung und der Beziehungen seines Kumpels Moses P. auch schnell gelang. Es ging ihm dabei jedoch nie um Geld und Ruhm. Wichtig war die Mission in Mannheim, die er gleich nach Erlangung einiger Berühmtheit wieder mit aller Kraft verfolgte. Das nahm ihm Moses sehr, sehr übel. Doch, mein Gott, wer spricht heute noch von Moses?

26.07. Dresden, Elbufer


Eric Clapton

Eric Clapton Hinter vielen Songs stehen fantastische oder tragische Geschichten: 1966 lernt der frisch berühmte Beatle George Harrison das traumhaft schöne und ausnahmsweise intelligente Model Patricia Anne "Pattie" Boyd kennen. Er verliebt sich unsterblich, wirbt erfolgreich mit dem Song "Something". Drei Jahre später stellt er seine junge Frau dem Musikerkumpel Eric Clapton vor. Der verfällt ihr sofort, schreibt ihr "Layla". Boyd verlässt Harrison schließlich und zieht zu Eric. Der ist im siebenten Himmel und widmet ihr "Wonderful Tonight". Nach dem Ende der großen Liebe schlingert Eric, kriegt zwei Kinder aus Kurzbeziehungen. Sein Sohn Conor stürzt 1991 aus Claptons New Yorker Appartement im 53. Stock. Clapton verarbeitet das Trauma mit dem Stück "Tears In Heaven" und wird ein anderer Mensch.

12.08. Leipzig, Arena


Chris de Burgh

Chris de BurghDer englische Diplomatensohn mit sanfter Stimme und Bilderbuchkarriere überzeugte in den 80ern er mit anspruchsvollen Pop-Hits wie "Don't Pay The Ferryman" oder "High On Emotion". Er brach die Herzen aller (wirklich aller!) Frauen mit "Lady In Red". Und er mischt sich sehr wohl ein in die Konflikte unserer Zeit, auf seine Weise: Gemeinsam mit der Band Arian, der einzigen offiziell genehmigten Pop-Band in Iran, hat er ein Lied aufgenommen. Der Text wurde auf Englisch und in der iranischem Mundart Farsi gesungen und dort ein Riesen-Hit. Die Botschaft: Ausgrenzen hilft niemandem, Völker sind nicht schuldig an der Politik ihrer Regierungen, Musik ist für alle Menschen da. Dafür uneingeschränkten Respekt, Chris de Burgh!

12.08. Weimar, Stadtschloss
22.08. Leipzig, Völkerschlachtdenkmal
23.08. Klingenthal, Arena


Clueso

Clueso Der freundliche Star von nebenan, der Erfurter, der es geschafft hat. Man will es gerne glauben, dass es diese sympathische Unkompliziertheit ist, die zwischenmenschliche Wärme und die Sensibilität für das, was seine Hörer für Probleme haben - eben dass es das typisch Ostdeutsche an Clueso ist, das ein großes Stück seines Erfolges ausmacht. Vor allem steckt selbstverständlich viel Können und noch mehr Arbeit dahinter. 2001 das erste Album "Text und Ton", 2004 der Nachfolger "Gute Musik", nach Traum-Deal mit Four Music, gefolgt von der Stadion-Tour mit Grönemeyer. Aktuell: "So sehr dabei".
Clueso ist uns so nah wie nie, mit einem kleinen unschuldigen Schulterzucken singt er sich direkt in die Herzen der Fans. So sind sie eben, diese Thüringer ...

22.08. Leipzig, Parkbühne


Video Games Live

Video Games Live Die Deutschlandpremiere in Leipzig: Video Games Live, der bis dato weltweit größte multimediale Event, der sich der Musik von bzw. für Video-Games widmet. Diese Kunstform ist ein Paradox unserer Zeit: Musik, die von Millionen gehört wird, aber nie in irgendwelchen Hitparaden auftaucht. Songs, die in Tausenden von Jugendzimmer rauf und runter gespielt werden, aber in keinem Plattenladen erhältlich sind. Da stehen Gruppen von Teenies zusammen, die alle bestimmte Melodien pfeifen können - auf der ganzen Welt! - aber nirgendwo sind diese Stücke jemals im Radio gelaufen: Es geht um die Musik von Computerspielen, den Sound der Konsolen. Vor etlichen Jahren schon hatte man begonnen, in der Musik zu Filmen nicht mehr nur Geräuschkulissen zu sehen, sondern sie als Kunst ernst zu nehmen. Soundtracks wurden veröffentlicht, Komponisten wie Morricone wurden zu Kultfiguren eines eigenen Genres. Inzwischen erleben weit mehr Kids ihre Abenteuer an den heimischen Rechnern als im Kino. Sie werden bei ihren rechneranimierten Adventures ebenfalls von komplexen Soundtracks begleitet, die mit Ohrwürmern nur so gespickt sind. Populäre Musik in des Wortes eigentlicher Bedeutung, die aber noch lange nicht in der Welt des Pop angekommen ist.
Guru der Branche ist der Amerikaner Tommy Tallarico. Er darf - obwohl er gar nicht so aussieht - als der große alte Mann der Video-Game-Musik gelten. Seit 18 Jahren im Geschäft, war er in dieser Zeit am Soundtrack von 275 Video Games Live Videospielen beteiligt, u.a. schuf er den Soundtrack zum ersten "Prince Of Persia". Tallarico und sein Partner Jack Wall stehen hinter dem Konzept, dem künstlerischen Entwurf und der technischem Umsetzung von Video Games Live. Dieses bombastische Spektakel, das die Musik für Computerspiele endlich auf den Platz hebt, wo sie, folgt man ihren Machern, hingehört, steht zur diesjährigen Leipziger Games Convention auf dem Programm. Bei dieser spektakulären Inszenierung spielen ein Sinfonieorchester und eine Rockband die Musik der großen Games-Klassiker, unterstützt von einer opulenten Licht-Show und einer aufwändigen Projektion auf riesigen Screens. Ein interaktives Spektakel, eine Mischung aus Musical, Sinfoniekonzert und Multimediainszenierung.
Und wie ist das mit der Gewalt in Video-Games? Der Meister antwortet selbst: "Wir sollten erwachsen damit umgehen. Natürlich ist Gewalt schlecht. Aber sie ist Teil der Gesellschaft. Es muss gesichert werden, dass Kinder keinen Zugang zu einschlägigen Games haben, ebenso wie das bei Filmen der Fall ist. Es hat darüber hinaus ernstzunehmende Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen dem Anwachsen des Spielmarktes und der Gewalt unter Jugendlichen gegeben. Das Ergebnis dieser Langzeitstudie, die in den USA 15 Jahre lang verfolgt wurde, ist eindeutig: Die Gewaltbereitschaft unter echten Gamern ist deutlich geringer als im Durchschnitt. Offenbar bauen sie mit Hilfe der Spiele ihre Aggressionspotenziale ab. Doch abgesehen davon: Im Rahmen von Video Games Live zeigen wir keinerlei Gewalt auf den Bildschirmen. Kein Blut, keine Schießereien, definitiv nichts dergleichen!"

20.08. Leipzig, Arena


Ich + Ich

Ich + Ich Sie sind die Überflieger des letzten Jahres. Schon als 2005 ihr Debütalbum erschien, stand die Nation einigermaßen Kopf: Ein Pop-Duo mit einem Altersunterschied von fast 30 Jahren hatte es bis dato nicht gegeben. Genau diese Konstellation aber erwies sich als Erfolgsrezept: Annette Humpe mit ihren reichhaltigen Erfahrungen im Pogeschäft als Sängerin der NDW-Ikone Ideal und erfolgreiche Produzentin (der u.a. die Leipziger Prinzen ihren Erfolg zu verdanken haben) traf auf den jungen Adel Tawil mit sanfter Stimme und einschlägiger HipHop-Vergangenheit. Tawil war klug genug, der aus seiner Perspektive sehr betagten Dame zu vertrauen und seine stimmlichen Qualitäten einzubringen - der Erfolg hat beiden recht gegeben, sie sind offenbar vom selben Stern!

23.08. Halle, Peißnitz
29.08. Dresden, Junge Garde verlegt zu den Filmnächten am Elbufer
06.09. Plauen, Parktheater
10.10. Erfurt, Messehalle


Die Fantastischen Vier

Die Fantastischen Vier Diese Stuttgarter Band ist über jeden Zweifel erhaben, ihre Verdienste um die deutschsprachige Pop-Musik können gar nicht genug gerühmt werden. Smudo, Thomas D., Dee Jot Hausmarke und Produzent And. Ypsilon haben 1992 mit ihrer Single "Die da" Weichen gestellt - nicht nur für den deutschsprachigen HipHop. Das Video dazu wurde seinerzeit übrigens in Leipzig gedreht. Auf dem eigenen Label Four Music haben sie seit 1996 einer ganze Reihe junger Künstler aus den Startlöchern geholfen, zum Beispiel dem Erfurter Clueso.
Inzwischen sind sie auch im Filmgeschäft: Sie liehen ihre Stimmen den animierten Helden des Streifens "Madagascar". Ihr aktuelles Album "Fornika" ging im vorigen Jahr fast schon planmäßig auf die Spitzenposition der deutschen Album-Charts.

24.08. Dresden, Elbufer
 
Wort: F.W. / Bild: Thommy Mardo, Anna Wolf, Tine Acke, P.D.