Vorsicht Thiel!

Mario ThielJuli 2008: Jubel!

Fußball ist auch nur legales Glücksspiel. Wie anders konnte die deutsche Mannschaft im Finale landen? Ich meine, ein Team dessen bester Spieler Lahm ist.


Überhaupt, was war das für eine EM? Spanien ist verdienter Europameister! Aber sonst? Die Mannschaften mit dem guten Fußball und den größten Herzen flogen frühzeitig raus. Die Torschützen wussten nicht genau, ob sie jubeln bzw. überhaupt ein Tor schießen durften. Die Türken jammerten rum, dass ihnen die Spieler ausgehen, dabei hatten sie die meisten im Turnier. Nur eben in verschiedenen Mannschaften. Dicht gefolgt von den Brasilianern aus Polen, der Schweiz, Türkei und Spanien. Allerdings hatten diese Teams nur einen oder zwei, die nicht genau wussten, ob sie für ihre Heimat oder ihre Nationalmannschaft spielten. Im deutschen Team hingegen stellte man sich vorm ersten Training gegenseitig die Frage: "Und, wo bist du ursprünglich her?". Dann schoss der Poldi auch noch die Polen ab …
Ich verstehe Poldis Geste, nicht vor Freude darüber auszurasten. Aber, wo soll das mal hinführen? Hat Mario Gomez gegen Österreich das Tor aus zwei Meter Entfernung nur knapp verfehlt, weil er dort eine Brieffreundin hat? Durfte ich als Fan eigentlich bedenkenlos jubeln? Gerade gegen die Portugiesen, die uns doch jahrelang ihre besten Bauarbeiter geschickt haben, bis der Lohn hier selbst denen zu mickrig wurde. Was bin ich für ein Bauarbeiter-Gastgeber? Hätte ich nicht eher das Trostgespräch mit denen suchen müssen? Oder die Fenster schließen sollen, damit draußen keiner meine Torschreie hört?
Okay, das war Quatsch, denn zum Portugal-Spiel war ich in Wien, mit einem Freund und der wiederum mit deutscher Fahne. Wir kamen erst spät von der Autobahn und beim Stand von 3:1 auf der Fan-Meile an, wo mein Freund sofort laut und deutlich "Deutschland ist das geilste Land der Welt!" sang. Dabei hatte ich das Gefühl, das sahen nicht alle so. Wir waren in Österreich! Die hatten wir vorher in einem Grottenspiel besiegt, was das Normalste von der Welt war. Nur sahen das die Österreicher anders, was beweist, dass zu viele Berge den Weitblick verstellen. Der laute Jubel beim 3:2 für die Portugiesen klärte uns auf, wo die vielen portugiesischen Bauarbeiter jetzt sind. Unser Sieg hatte zur Folge, dass sich die Wiener Fan-Meile sehr schnell leerte. Der deutsche Rest sang sturzbesoffen, manchmal kurz vorm Erbrechen, aber in Schwarz-Rot-Gold: "So seh'n Sieger aus!" Wie haben dann wohl die Verlierer ausgesehen?
Am Tag darauf hatten wir Karten für das Spiel Kroatien gegen die Türkei, bei dem normal die Deutschen als Gruppensieger gespielt hätten, was diese durch ihre Leistung gegen Kroatien aber zu verhindern wussten. Danke nochmal! Ganz Wien war darum voller Kroaten und die sahen in uns freundlich lästernd ihren Halbfinalgegner, den sie kurz davor bereits bezwungen hatten, was sie immer wieder gern erwähnten. Wir wiederum wiesen die Kroaten darauf hin, dass sie da erstmal hin müssen, wo wir schon seien. Der Rest ist klar - es kamen die Türken.
Etwas anderes wollte ich anmerken: Nachdem ich anfangs durchaus skeptisch meine Jubelposen in Wien anbrachte, wurde mir nach dem Sieg gegen Portugal und den vielen herzlichen Kontakten mit den Kroaten klar, welchen ehrlichen Respekt man uns Deutschen zollt. Und ich war sehr stolz darauf, Deutscher zu sein! Das wurde noch gesteigert, als wir nach dem Spiel in den türkischen Sieges-Auto-Korso gerieten, der durch Wien fuhr, genauer gesagt, dort stand. Unser erster Gedanke war Deutschland-Fahne weg, Zentralverriegelung rein, Scheiben hoch und so tun, als wären wir vom Mars oder so. Aber die Freude der Türken war so ansteckend ausgelassen, dass wir bald die deutsche Fahne aus dem Auto hielten, auch unerträglich hupten und nachträglich den deutschen Sieg bejubelten, inmitten all der Türken. "Wir freuen uns auf euch!", riefen wir in Vorfreude auf unseren Sieg. Komischerweise sagten die das auch und meinten das ganz ehrlich. Und wie sehr sie Deutschland lieben. Und mal sehen, wer gewinnt. Bauten die auf Jens Lehmann? Jedenfalls haben wir jetzt auch einen Türkei-Schal …
Wenn ich mir überlege, wie friedlich die Türken mit uns feierten, dann frage ich mich nach deren Empfinden zur Art einiger Dresdner (?), deutsche Siege gegen die Türken zu feiern. Wir gewinnen und zur Strafe überfallen wir ein paar Döner-Buden. Was wäre denn bei einer Niederlage gewesen? Pogrome? Gab es Augenzeugen? Nö, war keiner auf der Straße!
Apropos: Die Straßen sind nun wieder frei von Wahlplakaten. In Dresden hat ja Helma Orosz den Wahlkampf um das Oberbürgermeisteramt gewonnen. Glückwunsch, Frau … Wie soll ich es aussprechen? Orosch? Orosssz? Oroz? Auch möchte ich die Frage nach einem fairen Wahlkampf stellen, wenn eine amtierende Sozialministerin zufällig ganz viele Termine in Dresden hat und dabei fast jedes Blumenbeet selbst eröffnet, während es andere Kandidaten nicht mal in die Presse schaffen. Wäre die neue 3. Liga eher gestartet, ich denke, Helma hätte sich bei Dynamo als Sturmspitze angeboten. Allerdings sind 64 Prozent von nur 33 Prozent keine überwältigende Mehrheit der Dresdner, sondern über 70 Prozent Nicht-Orosz-Wähler. Aber ich halte sie für eine gute Wahl, denn sie leitete mal eine Kita, hat also die fachliche Kompetenz, mit dem Stadtrat zu arbeiten. Na ja, vielleicht wäre eine Ausbildung im Umgang mit Schwererziehbaren noch besser …

Voller Hoffnung durch den Sommer,
ciao, Euer Mario

www.vorsicht-thiel.de
 
Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade