| Literaturlounge |
Jamsession
junger Dichter
Literaturlounge. Wer hinter diesem Wort einen exklusiven Club arroganter
Möchtegern-Dichter vermutet, liegt falsch. Die von dem Studenten Tony Pacyna
initiierte Lesebühne Lilou will junge Schreibende ermutigen, ihre Texte einem
interessierten Publikum vorzustellen, das überwiegend aus 20- bis 30jährigen
besteht, die in der Regel keine zu hohe Erwartungshaltung haben. Man kann sich
ausprobieren, Reaktionen testen und bei gemeinsamen Gesprächen nach der Lesung
Kontakte zu "Kollegen" knüpfen.
Seit April 2007 wird Lilou von der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V. in
Zusammenarbeit mit dem Mon Ami in Weimar veranstaltet. Das Konzept - bekannte
Autoren moderieren die Auftritte (noch) unbekannter Autoren - ist ungewöhnlich
und scheint aufzugehen. Schriftsteller wie Clemens Meyer oder Slam-Berühmtheiten
wie Ahne & Spider von den Surfpoeten aus Berlin sollen ermutigen, unterstützend
wirken und nicht als Stars gesehen werden. Anders als bei einem Poetry Slam wird
niemand ausgebuht oder gefeiert. Es herrsche "eine entspannte Bar- und
Wohnzimmeratmosphäre", so Jens Kirsten von der Literarischen Gesellschaft. Zur
Lounge gehört auch Musik - nicht als Untermalung, sondern als Teil des Abends.
Passend zum Auftritt der Surfpoeten zum Beispiel gab es ein Konzert der
Surfrockband Endlich frei. Ansonsten kann man eher Jazz oder Elektro hören, die
Texte sollen im Vordergrund stehen.
Jeder Abend verläuft anders und überraschend, fest stehen nur die Teilnahme
eines noch nicht lange bekannten Autors, einer musikalischen Begleitung und die
Texte des Nachwuchsdichters, weil diese Texte zuvor an die Adresse
literaturlounge@gmx.net
geschickt und dann ausgewählt werden. Auch ein kurzer Lebenslauf sollte gemailt
werden, damit die Moderatoren wissen, wen sie vorstellen.
Da die Lilou kein Wettbewerb, sondern ein kreativer Treffpunkt ist, bietet sie
für viele die Chance, sich weiter zu verbessern und mitzubekommen, wie andere
schreiben. So werden Ängste abgebaut und Netzwerke gebildet. Auch Musiker und
Sänger werden oft erst durch Auftritte in kleinen Bars und Clubs sowie häufiges
Üben richtig gut. Nimmt man als Musiker an einer Jamsession teil, steht nicht
Perfektionismus, sondern der Spaß am gemeinsamen Tun im Vordergrund. Außerdem
dient die Sache - genau wie Lilou - als Kontaktbörse.
Im Gespräch mit Jens Kirsten wird deutlich, dass es ihm Spaß macht, neue Talente
zu fördern: "Wir bieten gern unsere Hilfe an und freuen uns über jeden Text.
Doch leider trauen sich noch viel zu wenig Schreibende, ihre Texte zu
präsentieren - über die Gründe kann man nur mutmaßen. Sicher gibt es viele
talentierte Schreiber, denen ein Feedback von Leuten aus der eigenen Szene mehr
bringen würde als das Urteil von Eltern und Freunden. Wichtig für einen guten
Text ist, dass er vom persönlichen Erleben abstrahiert werden kann." Denn erst
das Umsetzen-Können von Alltagserfahrungen in Lyrik oder Prosa mache eigene
Texte für andere interessant und das Schreiben zu einem lebendigen Prozess.
Bevor Lilou in Weimar startete, gab es in Halle eine ähnliche Reihe, begründet
ebenfalls von Tony Pacyna. "Auch der 'Blaue Karton' war eine Lesebühne für junge
Autoren", erzählt der, "für Autoren, die sich gar nicht oder erst wenig
etablieren konnten. Doch ebenso lasen Leute, die bereits das eine oder andere
Buch veröffentlicht hatten. Ich lud meist unbekanntere Verlage ein, weil ich
diese präsentieren wollte. Auch heute laden wir oft Autoren kleinerer Verlage
ein. Eine andere Parallele liegt in der Durchführung. Mir kam und kommt es
darauf an, dass sich sowohl die Autoren als auch das Publikum wohlfühlen."
www.literarische-gesellschaft-thueringen.de
Lilou-Termine:
08.05. Weimar, Mon Ami
13.06. Jena, Café Wagner
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| Wort: Ulrike Melzer / Bild: Marcel Krummrich |
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