Neuanfang der Neubauten

Die Einstürzenden NeubautenDas hat was für sich, was wir tun

Die Einstürzenden Neubauten gehören zu den wenigen deutschen Bands, die es geschafft haben, über alle Szene- und Ländergrenzen hinweg Fans zu gewinnen. Dabei hebt sich die Band nicht nur durch ihren ganz eigenen Sound und die intelligenten Texte Blixa Bargelds hervor, sondern auch durch innovative Ideen der Platten-produktion. Wir sprachen mit Gitarrist Alexander Hacke (Foto, rechts), anlässlich der Tour zum neuen Album "Alles wieder offen".


BLITZ!: Ende vergangenen Jahres ist Euer aktuelles Album "Alles wieder offen" erschienen. Der Titel klingt wie ein Neuanfang. Was ist wirklich dran?
A. Hacke: "Alles wieder offen" ist kein durchweg positives Bild. Es gibt, wie es im Text auch vorkommt, die Operation am offenen Herzen. Es gibt die offene Rechnung oder andere negativ belastete Bilder, wo das Wort "offen" drin vorkommt. Oder die offenen Wunden zum Beispiel.

BLITZ!: Wie muss man sich Euren Kompositionsprozess vorstellen?
A. Hacke: Wir sind eine recht traditionelle, altmodische Band. Wir sind einfach fünf Leute, die zusammen in einem Raum stehen und musizieren. Also, es wird so gut wie nichts an den Rechnern hergestellt, das überlassen wir unseren Ingenieuren. Die beauftragen wir, damit wir möglichst wenig Zeit damit verschwenden, einen Computermonitor anzustarren. Wir spielen lieber miteinander.

BLITZ!: Wie waren am Anfang Eurer Karriere die Reaktionen auf die zugegebenermaßen sehr andersartige Musik?
A. Hacke: Am Anfang haben wir bewusst einen gewissen Sensationalismus ausgelöst, der dann im Laufe der Jahre einer wirklichen Begeisterung für unsere Musik gewichen ist. Wir haben uns weiterentwickelt.

BLITZ!: Ihr habt das Supporter-Modell gewählt, bei dem Fans Eure Arbeit vorfinanzieren und dann exklusives Material erhalten. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, wie hat sich das Prinzip bewährt?
A. Hacke: Auf die Idee sind wir anlässlich unseres 20. Jubiläums im Jahr 2000 gekommen. Wir hatten zu dieser Zeit keinen Plattenvertrag, und dann kam die Idee, das Internet für unsere Zwecke nutzbar zu machen. "Alles wieder offen" war quasi der Abschluss der dritten Runde dieses Supporter-Projekts. Die erste Runde haben wir 2002 begonnen als kompletten Testballon. Alles hat sich im Laufe der ersten Phase geklärt. Das totale Chaos und die Anarchie, die anfangs herrschten, sind irgendwie einer Ordnung gewichen.

BLITZ!: Ihr habt auch sehr viele Fans außerhalb des deutschen Sprachraums. Wie erklärt Ihr Euch dieses Phänomen?
A. Hacke: Das erklär ich mir damit, dass wir einfach etwas anderes bieten als das, was man aus dem englischen Sprachraum erwarten kann. Ich meine, es gibt ja eine Tradition von deutscher Musik. Es gibt auch eine Tradition, wie gerade im englischsprachigen Raum deutsche Musik aufgenommen wird. Es gibt halt "Krautrock" und Kraftwerk und Can, Amon Düül und diese Bands. Na und dann steht halt Neubauten für verschiedene Dinge, die auch im nichtdeutschsprachigen Raum gern aufgenommen werden. Individualismus zum Beispiel. Das hat was für sich, was wir tun.

BLITZ!: Auf welche Stationen Eurer Europatour freut Ihr Euch besonders?
A. Hacke: Wir werden seit 1985 das erste Mal wieder in Finnland spielen, in Helsinki. Da kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Da freu ich mich besonders drauf, auch auf den Mittelmeerraum jetzt im Frühling.

BLITZ!: Die Einstürzenden Neubauten haben viel mit Theaterleuten zusammengearbeitet und in Kunstprojekten mitgewirkt. Was ist da anders, im Vergleich zur Produktion für den "Pop-Markt"?
A. Hacke: Es gibt natürlich einen Unterschied zwischen Auftragsarbeiten und den Dingen, die wir für uns tun. In unseren eigenen Platten ist es unsere eigene Vision, die wir möglichst ungefiltert und kompromisslos ausführen. Wenn man in einem Auftragsverhältnis steht, muss man die eigene Vision dem Auftrag anpassen. Insofern unterscheiden sich diese Arbeiten auch. Wobei viele unserer Stücke auch aus abgelehnten Auftragsarbeiten entstanden sind.

BLITZ!: Was dürfen wir in der näheren und fernen Zukunft von Euch erwarten?
A. Hacke: Wir gehen erstmal auf diese Tour und dann schauen wir, ob wir danach wieder aufstehen können. Dann pausieren wir auch ein wenig, und die Bandmitglieder werden an ihren eigenen Karrieren weiterschrauben. Das heißt für mich: Arbeiten wie ein Tier. Es ist ja nicht so, dass die Neubauten ausreichen würden, um mich und meine Familie zu ernähren. Abgesehen davon gibt es auch noch ganz viel andere Musik, die ich machen muss, weil ich als Künstler keine andere Wahl hab.


Termin:
16.05. Haus Auensee
 
Wort: Ullrich Bemmann / Bild: P.D.