Tanzen in Buenos Aires

Annett tanzt TangoTango dort, wo er herkommt

Der Tango sei ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann, habe mal ein Dichter gesagt. So erzählt der erste Tanzlehrer, dem ich in Buenos Aires begegne, Andreas Erbsen aus Hamburg.


Da stehe ich nun in frischgeputzten Schuhen in Argentiniens Hauptstadt, bereit, die verwegensten Tango-Figuren zu erlernen - und der Lehrer ist ein blonder Deutscher. Ich will im Mutterland des Tangos tanzen. Ich will die verruchten Kneipen finden, in denen das Bandoneon von Liebe erzählt und verschlungene Paare ihren leidenschaftlichen Tanz tanzen. Seit knapp zehn Jahren erlebt der Tango hier eine Art Reanimation. In den 1880er Jahren in den Hafenvierteln der Stadt geboren, galt er später als Tanz für die Alten. In Europa aber ist Tango seit den 90ern Kult bei den Jungen und schwappt so mit den Touristen zurück nach Buenos Aires.
Über mein Hostal buche ich eine private Tango-Stunde. Umgerechnet 30 Euro. Preise wie zu Hause und dann auch noch ein deutscher Lehrer. Was soll's? Wenn die Qualität stimmt ... Sie stimmt! Beim ersten Probetanz merke ich, was ich alles nicht kann. Andreas ist 43 und eigentlich Architekt. "Ein Freund schenkte mir Musik von Astor Piazzolla. Da wusste ich, dass ich danach tanzen muss." Seit elf Jahren lehrt der Deutsche in Argentinien Tango. "Ich arbeite mit meiner Partnerin Angela. Sie ist von hier. Aber Argentinier unterrichte ich selten. Es sind schon eher Deutsche oder Holländer, die anfragen."
Am nächsten Tag treffe ich in einer Bar eine junge Argentinierin. Cynthia und AnnettCynthia kann nicht vor lachen, als ich ihr von Andreas berichte. Vor allem kann sie nicht vor lachen, als sie hört, wie viel ich bezahlt habe. Aber wo bekomme ich einen günstigeren Kurs? Die falsche Frage. "Lange Kurse macht bei uns kaum einer. Die sind selten und zu teuer. Aber ich geh heut Abend zum typisch argentinischen Unterricht, da kommst du mit." In Buenos Aires gibt es jeden Abend irgendwo Kurse - wer Lust hat, der kommt.
Im "La Viruta" im Ausgeh-Stadtteil Palermo fängt der Unterricht 22 Uhr an. Mit Europäerschlafgewohnheit und Jetlag eine Herausforderung. Ich zahle 10 Pesos Eintritt - das sind zwei Euro! - und betrete einen riesigen, vollen Saal. Die Merengue-Schüler gehen gerade. Hunderte Salsa-Tänzer sind noch im Hüftschwung. Mitropa-Tische stehen zusammengeschoben am Rand. Dazwischen jede Menge Säcke von der Art DDR-Turnbeutel mit den Tango-Schuhen. Wenn ich da an die feinen weißen Leinen-Säckchen in meiner Dresdner Tangoschule denke ... Außerdem stehen Einkaufstaschen, Büchermappen und was nicht alles herum. Die meisten der Salsa-Tänzer in Shirt und Sneakers bleiben gleich da - ohne sich irgendwie umzuziehen. Ich bin die Einzige im Kleid. Zur Erwärmung tanze ich mit einem dicken Kolumbianer auf Urlaub, einem kleinen Brasilianer im Studium und einem dünnen Stuttgarter auf Sprachkurs. Deutsch? Kleiner Scherz. Kommt nicht gut an. Ich wechsle den Tanzpartner und bin im Glück! Mein Argentinier! Alessandro, 45, Kardiologe in Hemd und Schlips. Die Gruppe Fortgeschrittene mit Alessandro und mir zieht nach dem Eintanzen um in eine Turnhalle. Über uns leuchten Neon-Röhren, es sind gut 40 Grad und riecht nach Sport. Entsprechend sportlich auch die Figuren. "Eigenkreation", rufen die Lehrer. Rechts vor, drehen, links drübersteigen, drehen, rechts drüber, kick beide (verhackte Beine - blaue Flecke). Hä? 100 Wiederholungen. Dann noch mal 100. Stress pur. Romantik null.
Zur anschließenden Milonga füllt sich der Saal mit jeder Menge Porteños und Touristen. Wir Touries sind leicht zu erkennen: Wir tragen Abendkleidung. Die Einheimischen komplett im Freizeit-Look. Außerdem bemühen sich die Touristen um den perfekten Tango. Ernstes Gesicht, die Frauen mit krampfhaft geschlossenen Augen. Die Argentinier variieren eher. Ein älterer Herr tanzt sich in weißen Ballettschuhen allein in merkwürdigen Stampfschritten voran. Cynthia sagt: "Das ist hier normal. Du kannst eigentlich tanzen, wie du willst." Ich werde aufgefordert und komme in Fahrt. Dann übernehmen auch noch zehn Musiker mit vier Bandoneons die Szene. Der Saal kocht. Ich gehe, als ich eigentlich kaum noch gehen kann. Alessandro versucht sich zu verabreden, ich versuche nach Hause zu humpeln. So einen beschwingten Tango-Abend hatte ich selten. Und so soll es bleiben. Die nächste Nacht, der nächste angesagte Tango-Club. Turnschuhe, Stimmung und Party.
Schön, aber wo ist mein romantischer Tango? Ich finde ihn nach einem Tipp von Andreas. "Confiteria Ideal", Mittwochnachmittag. "Hier gehen die Älteren hin", hat er gesagt. Und wirklich. Im schummerigen Raum zwei Paare. Anzug, schwarzes Kleid, weißes Haar. Sie tanzen. Verschlungen, versunken, einig. Ich traue mich nicht zu ihnen. Ich stehe und staune. Und bin angekommen.

www.tres-tangos.de 
www.dresden-tango.de
 
Wort und Bild: Annett Meltschack