| Vorsicht Thiel! |
Boykottieren hilft
Viele Menschen fragen sich, wie man Gutes tun, helfen und mitbestimmen kann,
ohne sich selbst zu überfordern. Dabei kommen sie auf die wunderlichsten
Einfälle, um ihr soziales Gewissen zu beruhigen.
Für nur 5 Euro im Monat glauben sie, einem afrikanischen Kind das Leben
gerettet, ihm täglich genug zu Essen organisiert und später ein Studium
finanziert zu haben. Andere glaubten, durch den Kauf von Hektolitern Bier den
Regenwald bewahrt zu haben. Wieder andere spendeten für UNICEF… Dabei ist es so
einfach, am Rad der Gesellschaft mitzudrehen! Ich tue es schon länger und bin
glücklich, endlich gebraucht zu werden. Wie? Indem ich boykottiere! Ja, immer
öfter stehen die Regierenden vor den Kameras und müssen zugeben,
handlungsunfähig zu sein. Und immer folgt daraus die Bitte an die Konsumenten,
diesen Makel durch das Kaufverhalten auszugleichen. Angefangen habe ich mit
Nokia. Demonstrativ habe ich mein Motorola-Handy behalten und das den Finnen per
E-Mail mitgeteilt, worauf die prompt nach Rumänien flohen. Oder, als
City-Tunnel-Tiefensee auf horrende Spritpreiserhöhungen kraftlos reagierte, er
wolle die Preise prüfen und sich das nicht länger bieten lassen, dachte ich mir:
Okay, Mario, hilf der armen Sau. Ich tanke darum immer nur für 20 Euro und
nirgends zweimal. Das wirkt. Gestern sank der Preis wieder um einen Cent.
Übrigens hat die Kartellbehörde festgestellt, dass es keine Preisabsprachen
zwischen den Ölkonzernen gibt … Nö, natürlich nicht. Die stehen ja groß an den
Tankstellen dran; die spielen quasi Tankstellen-Stille Post! Erwähnen muss ich
sicher nicht meinen Boykott gegen das MDR-Fernsehen, weil es immer
offensichtlicher zur ABM für anderswo Chancenlose bzw. Gescheiterte wird. "Haut
ab", möchte man rufen, "wir haben genug eigene Verlierer!" Italiener boykottiere
ich, weil die ihren Müll hier abladen. Die Türkei boykottiere ich, weil die
"unseren" Marco vor Gericht gestellt haben. Liechtenstein boykottiere ich, weil
die den Trick mit den Stiftungen nicht allen verraten haben (was ich unfair
finde). Und dann noch China! Die haben in Tibet die Menschenrechte missachtet
und werden darum von der Welt angeprangert. Okay, in China selbst werden die
Menschenrechte schon lange missachtet, aber da trifft es nur Chinesen. Wer kennt
schon einen Chinesen? Aber in Tibet hat es die Leute vom Dalai Lama erwischt,
und den kennt jeder. Der Dalai Lama ist ja so was wie das positive Gegenteil von
George W. Bush, der will nämlich Frieden und Freiheit mit Worten erreichen.
Allerdings ist der Dalai Lama auch ein intelligenter Mann. Durch den Mangel auf
diesem Gebiet ist George W. regelrecht gezwungen, mit Waffen statt Worten zu
kämpfen. Der kann im Prinzip gar nicht anders. Übrigens hat jeder einzelne
Tibeter höhere Sympathiewerte als Kurt Beck. Na gut, das ist nicht schwer. Aber
die sind überall beliebter als Kurt Beck in der eigenen Partei. Der ist wie der
Transrapid: Noch gar nicht richtig in Fahrt, schon gestoppt. Im Gegensatz zum
Transrapid ist das bei Kurt Beck aber fast allen egal. Vielleicht können
deutsche Sportler bei Olympia mal mit einem deutschen Transrapid in China
fahren. Müssen sich nur noch qualifizieren und bis dahin die Klappe halten,
sollten sie eine eigene Meinung zu China und Menschenrechten haben. Hilfe, bloß
keinen Boykott! Wir brauchen praktisch "mündige Sportler", die auch mal still
sind. Wie früher. Übrigens ist Boykott etwas anderes, als nicht hingehen. Darum
boykottieren Kanzlerin und Präsident die olympische Eröffnungsfeier nicht,
sondern gehen da einfach nicht hin. Da Olympia 2008 in Peking diesmal so
kurzfristig festgelegt wurde, kommt es einfach zu Terminproblemen. Die Kanzlerin
muss eine Legebatterie in Buxtehude eröffnen (sie darf das erste Ei legen) und
der Bundespräsident ist auf Staatsbesuch in Samoa (er will die
Transrapid-Technologie verkaufen). Seit kurzem boykottiere ich einige
Discounter, wie zum Beispiel Lidl, weil die ihre eigenen Mitarbeiter
ausspioniert haben! Total stutzig machte mich die Entschuldigung der Lidl-Spitze
in den Anzeigen in den Tageszeitungen, die auf riesige Inventur- und
Diebstahlsverluste hinwies. Wenn also diese Verluste durch Kameras in den
Umkleidebuchten und Berichte über das Privatleben der Angestellten eingedämmt
werden konnten, dann heißt das ja, bei Lidl wurden wissentlich Kleptomanen
eingestellt, die man durch Bespitzelung unter Kontrolle halten wollte. Freut
sich der Ossi: "Jetzt haben sie nach dem Grünen Pfeil noch etwas übernommen. Es
war eben nicht alles schlecht …" Vielleicht sollten an Lidl-Filialen Schilder
angebracht werden: "Unser Personal wird videoüberwacht!" Da bekommt man als
Kunde gleich ein sicheres Gefühl, wenn man weiß, das Personal beklaut einen
nicht.
Allerdings wird es für mich immer schwerer, den Überblick zu behalten, was und
wo ich moralisch bedenkenlos konsumieren kann. Dazu kommt die inzwischen große
und ständig wachsende Zahl von mir boykottierter Firmen, weshalb ich oft einfach
gar nichts mehr kaufen kann und manchmal sogar Hunger leiden muss. Nun könnte
ich hoffen, dass Moral und Ethik in der Wirtschaft siegen, aber bis dahin ist
selbst in Dresden eine Brücke gebaut. Darum komme ich wahrscheinlich nicht
umhin, meinen eigenen Boykott zu boykottieren und gelegentlich auf die Moral zu
pfeifen.
Ciao, Euer Mario
Thiel liest:
17.04. Comedy & Theater Club
30.04. PI-Haus Freiberg
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| Wort: Mario Thiel |
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