Guerilla-Gärtner in Chemnitz

Guerilla-GärtnerSamenbomben bei Nacht und Nebel

Schon bald schleichen sie wieder durch unsere Stadt. Guerilla-Gärtner nennen sich die Umweltaktivisten, die heimlich und ohne Erlaubnis Straßen und Plätze verschönern.


Sie kommen im Schutze der Dunkelheit zu. Mit Spaten, Gießkanne, Samen und Setzlingen. Ihre Mission: Kampf dem trostlosen Grau! "Wir verwandeln Chemnitz in eine blühende Oase", sagen zwei, die anonym bleiben wollen. Denn "ganz ungefährlich ist die Sache nicht - offiziell ist es ja verboten und auch wenn wir die besten Absichten haben, schützt uns das leider nicht vor Strafe. Das Ganze gilt als Vandalismus! Dabei wird doch gar nichts beschädigt, sondern verschönert. Die Stadt jammert immer, sie habe keine Gelder zur Bepflanzung, aber wenn jemand etwas selbst unternimmt, ist es verboten ..." Die Guerilla-Gärtner starten ihre Aktionen immer bei Nacht. Ziel sind Baumscheiben, unbepflanzte Blumenkübel, leere Hinterhöfe oder Abrissgrundstücke.
Die Idee ist den beiden Chemnitzern vor zwei Jahren beim Besuch einer Industriebrache gekommen. Inmitten der Ruine wuchs ein kleines Bohnenfeld! Irgendjemand hatte wohl altes Saatgut gefunden und es einfach hingestreut. Die Samentüte war an einem Stöckchen befestigt. Ablaufdatum: April 1985! Obwohl erntereif, haben die zwei die Früchte nicht mitgenommen. "Man weiß ja nie, was bei so einer Industrieruine alles für Schadstoffe im Boden sind. Außerdem fanden wir die Sache so genial - wir haben es einfach nicht übers Herz gebracht, auch nur etwas daran zu verändern. Das war für uns der Startschuss: Voriges Jahr säten wir Sonnenblumen in Industriebrachen und Leinsamen in leeren Blumenkübeln, die dann in wunderschönem Blau erstrahlten." Brachen und Kübel sind Chemnitz reichlich vorhanden und niemand kümmert sich darum. "Wozu leere Beete im stadtnahen Bereich? Chemnitz braucht blühende Landschaften!"Guerilla-Gärtner
Guerrilla Gardening nennt sich das Ganze und kommt wie so vieles aus den USA. Dort begrünen Aktivisten bereits seit 30 Jahren ihre Städte. Die Bewegung entstand in den 1970ern in New York. Damals erhöhte die Stadtverwaltung die Mieten und viele zogen weg, die Häuser verfielen und Grundstücke wurden zu illegalen Müllkippen. "Also begannen die Leute, die Stadt zu begrünen, ohne sich dafür Genehmigungen zu holen. Mittlerweile dürfen sich Guerilla-Gärtner für einen Dollar pro Monat verlassene Grundstücke mieten, so haben beide Seiten etwas davon. Die Grundstücke werden gepflegt, und die Bürger haben ihren eigenen kleinen Garten", erzählt der Nachmacher aus Chemnitz. Seine Mittäterin ergänzt: "Schön wäre es, wenn die Stadt auch solche Angebote machen würde. Viele junge Menschen hätten gern einen kleinen Garten, können sich aber die Pacht in den Kleingartenanlagen nicht leisten. Warum also nicht für einen gewissen Zeitraum die Brachflächen Guerilla-Gärtnern zur Verfügung stellen?"
Für dieses Jahr planen unsere Gärtner etwas Verrücktes. Sie haben im Herbst Kürbiskerne getrocknet und werden diese bald in Chemnitz verteilt! "Natürlich müssen dazu etwas geschütztere Standorte her, denn manche - sehr dumme - Leute zerstören auch Pflanzen aus Langeweile. An sichere Standorte ist meist nicht so leicht ranzukommen. Aber dafür gibt es ja Samenbomben!"
Die Verwendung dieser ist eine einfache Methode, um Samen an unzugänglichen Stellen auszubringen. Es handelt sich dabei um kleine Kugeln, die - bestehend aus Samen, Komposterde und Tonpulver - beliebig und direkt auf den Boden gestreut werden können. Es ist nicht nötig, sie einzupflanzen. Im Gegensatz zur direkten Bepflanzung mit Setzlingen kann man auf diese Art einfacher, schneller und kostengünstiger "ackern". "Einfach über den Zaun werfen und abwarten", erklärt die junge Frau lächelnd.
Die Ergebnisse haben schon öfter für Staunen gesorgt. Da rätselte eine Mutter mit ihrem Kind, was für eine merkwürdige Pflanze da an der Baumscheibe wuchs ("Es war Fetthenne, eine äußerst robuste Pflanze"), ein Rentner wunderte sich, wie mitten in der Stadt Senf gedeihen konnte, und eine Kindergartentruppe bestaunte eine einzelne Sonnenblume, die auf einem alten Dach blühte.
Wer jetzt auch Gartenpirat werden möchte, findet unter www.gruenewelle.org und www.guerillagardening.org Foren, Anleitungen und Fotos. Einige Aktivisten aus Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln haben ihre Ergebnisse bereits veröffentlicht. Vielleicht steht Chemnitz auch bald im Netz?
"Das Schöne an der Sache ist, dass es praktisch nichts kostet, eine Menge Spaß macht und man im Herbst auch etwas ernten kann beziehungsweise das Ergebnis bewundern." Wer also wilden Kümmel, Senf, Lein oder Mohn in der Stadt entdeckt, kann sich sicher sein: Hier waren Gartenpiraten am Werk!
 
Wort: Lilian Merrick / Bild: Frank Thiele