| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
also ich weiß auch nicht, da sitze ich nun, den Kopf auf meine Hände gestützt,
vor meinem Fenster, und glotze vollkommen teilnahmslos hinunter auf die Straße.
Ein Vogel, der sich nicht so recht entschließen kann, ob er nun fliegen oder zu
Fuß gehen soll, humpelt vorüber. Eine Schneeflocke segelt in Zeitlupe vom grauen
Himmel und ein Junge steht apathisch an der Straßenbahnhaltestelle und zieht den
Reißverschluss seines Anoraks auf und zu. Mehr ist nicht los. Ich gähne. Seit
Stunden sitze ich hier mit weit aufgerissenem Kiefer und gähne. Es will gar
nicht wieder aufhören. Mir ist so furchtbar langweilig. Wenn doch irgendetwas
Spannendes passieren würde, wenn das Ordnungsamt diesen falsch geparkten Fiat
vor der Einfahrt des Staatlichen Katasteramtes abschleppen oder sich der
Reißverschluss des Jungen an der Haltestelle verklemmen würde! Aber nichts
dergleichen geschieht. In den Nachbarhäusern hocken sie auch hinter den Gardinen
und langweilen sich. Die meisten haben bei dieser Beschäftigung einen wirklich
hohen Grad an Perfektion erreicht, aber ich bin mir absolut sicher, keiner ist
darin so gut wie ich. Allerdings ist es eine entsetzlich öde Angelegenheit, der
Beste im Sich-Langweilen zu sein. Irgendetwas muss geschehen!
Im Augenblick wäre mir tatsächlich an einer Revolution gelegen, nach einem die
Lage gravierend ändernden Aufstand, keinem Staatsstreich, keinem Putsch, nein,
nur ein wenig Aufruhr, eine klitzekleine Revolte. Ich denke, eine Revolution
würde uns heute Nachmittag wieder zu ein wenig Schwung verhelfen. Leider ist
derzeit weltweit ein katastrophales Desinteresse an Revolutionen festzustellen.
Das war nicht immer so. In der Mitte des 20. Jahrhunderts brachte man es im
Durchschnitt auf zwei, drei Revolutionen pro Tag. Kaum war eine Revolution zu
Ende, begann die nächste. Da war was los! Wenn man am Morgen aufwachte und
nirgendwo auf der Welt eine Revolution stattgefunden hatte, fehlte einem etwas.
Jede Regierung zitterte vor umstürzlerischen Bewegungen im eigenen Land. Und das
völlig zu Recht. Die Umstürzler sahen größtenteils wahnsinnig gut aus,
jedenfalls so lange, bis neue, noch besser aussehende Umstürzler die alten, fett
und behäbig gewordenen Umstürzler umstürzten. Danach begann alles wieder von
vorn: Es war so abwechslungsreich! Nahezu jeder hatte etwas zu tun. Die einen
bildeten ein Komitee, die anderen eine Übergangsregierung, wieder andere
errichteten Barrikaden, druckten Flugblätter und Transparente oder sangen
Protestsongs. Ich frage mich, woran es liegt, dass diese schöne Angewohnheit in
Vergessenheit geraten ist. Die letzte mir bekannte Revolution in unseren Breiten
ist die friedliche von 1989. Aber diese unterschied sich meiner Ansicht nach in
einem Punkt gravierend von all den vorherigen: Beide sich feindlich
gegenüberstehenden Seiten wollten damals im Grunde dasselbe: In den Westen! (Die
einen haben es bloß nicht zugegeben!) Dort angekommen war es dann vorbei mit den
Revolutionen, und heute fehlt es diesbezüglich an allem, an den großen Utopien,
an den Rebellen, vor allem fehlt es an Elan. Die Leute sind so träge, sie
glotzen aus ihren Fenstern und freuen sich, wenn das Ordnungsamt einen falsch
geparkten Wagen abschleppen lässt. Dabei könnten sie auf der Seite des
Fortschrittes stehen und sich in einen Marsch für eine bessere Welt einreihen!
Naja, nicht gleich, nicht sofort, nicht bei diesen Temperaturen. Übrigens sehe
ich soeben, dass sich der Reißverschluss des Jungen tatsächlich verklemmt hat.
Der Nachmittag verspricht doch noch unterhaltsam zu werden. Unter diesen
Umständen wäre es natürlich idiotisch, völlig überstürzt eine Revolution vom
Zaun zu brechen! Ruhig Blut, Genossen! In diesem Sinne verabschiede ich mich für
heute und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Leo Che Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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