Volly Tanner

Volly TannerMit 40 bin ich hier weg!

Volly Tanner, geboren 1970, gilt seit Jahren als Leipziger Original. Der Schreiber (regelmäßig auch für uns), Sprecher und Fädenzieher brachte unlängst sein siebentes Buch heraus. Wir schwatzten mit ihm darüber und über alles andere.


BLITZ!: Dein aktuelles Buch heißt "Lasst mein Volk ziehen" und nimmt Bezug auf den jüdischen Humanisten Victor Gollancz, 1893-1967. Bist Du ernsthafter geworden?
Volly Tanner: Na ja, ernsthaft war ich eigentlich schon immer. Das etwas Kabaretteske in meinen Lesungen war ja nur der Faden, der alles zusammenhielt. Das Publikum hält heutzutage anderthalb Stunden Wahrheit gar nicht mehr aus. Da brauchen die immer mal etwas zum Luftholen. Aber solange die Zustände so hart sind, müssen auch die Texte so hart sein. Ich mach halt keinen Pop!

BLITZ!: Stell Dir vor, das Literaturinstitut bietet Dir eine Stelle als Dozent an ...
Volly Tanner: Die würd ich natürlich annehmen. Das DLL an sich ist doch gar nicht das Problem. Das Problem ist das Bildungskonzept hierzulande. Ich möchte das Recht haben, nachzufragen, was mit den Geldern geschieht, die Menschen ja erstmal erarbeiten müssen, damit Entscheider sie ausgeben können. Was kommt für die Gesellschaft zurück? Auch ideell! Verstehen die dortigen Studenten, dass andere Menschen ihnen das Studium finanzieren? Wie gehen sie damit um? Fragen über Fragen!

BLITZ!: Das klingt moderat. Bist Du - insgesamt gesehen - heute milder als vor fünf oder zehn Jahren?
Volly Tanner: Ich glaube eher, ich bin härter geworden. Mittlerweile muss ich keine Rücksichten mehr nehmen. Außerdem werden die Absurditäten der Jetztwelt durch vermehrtes Wissen eher noch absurder. Und deshalb die Kritik ebenfalls eindeutiger! Der Schreibstil ändert sich natürlich permanent. Wär ja auch schlimm, wenn nicht. Heutzutage weiß ich, mit welchen technischen Mitteln ich welche Ergebnisse erziele. Früher war das eher instinktiv.

BLITZ!: Du warst jahrelang Aktivist im Bachviertel und bist seit einiger Zeit engagierter Lindenauer. Wie geht es weiter?
Volly Tanner: Weltherrschaft! Quatsch. Ich versuche mich halt zu engagieren, dort wo ich lebe. Um das große Ganze ins Wanken zu bringen, reicht manchmal ein kleiner schiefer Stein an der richtigen Stelle. Es geht immer wieder um die Möglichkeit des Individuums, zu zweifeln, nachzufragen, dahinter zu blicken. Bewegung ist nötig, Stillstand ist Rückschritt. In den knapp 70 Jahren Zeit auf diesem Planeten sollte jeder Mensch versuchen, das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen, sich zu entwickeln, menschlich zu werden. Die Dämmernden, die TV-Süchtels und Nachplapperer agieren nicht mehr. Leider!

BLITZ!: Wo in Leipzig bist Du am liebsten?
Volly Tanner: Helheim! Helheim! Helheim! Und dort direkt an der Theke. Und ansonsten bin ich sehr gerne zu Hause mit Katze und Frau oder spazieren. Unsere Stadt hat schöne Ecken. Durch die zur Neddens ist zwar die Innenstadt zur Touristenfalle verkommen und für hier Lebende nicht mehr interessant, aber es gibt Gegenden, auf die die Augen unserer Stadtväter glücklicherweise nicht gerichtet sind. Dort ist Leben statt Glitzerkonsum.

BLITZ!: Willst Du immer noch nach Gomera auswandern?
Volly Tanner: Mit 40 bin ich hier weg! Im Mai geht's mal wieder für 'ne Weile auf die Insel. Da stehen auch Gespräche an mit einem dortigen Radiosender.
Volly Tanner
BLITZ!: Was liest Du gerade?
Volly Tanner: Philip K. Dick, alle 118 Kurzgeschichten in fünf Bänden, 3.216 Seiten, gerade bei Zweitausendeins erschienen. Und ich danke dem Schöpfer jeden Tag, dass Kölmel diesen Verlag hierher geholt hat.

BLITZ!: Letzte Frage: Was isst Du am liebsten?
Volly Tanner: Chinesisch! Und alles mit Hühner- oder Putenfleisch. Da bin ich ein Süchtel.

BLITZ!: Dann essen wir das nächste Mal genau das...


Termine:
23.01. Flowerpower
04.02. Moritzbastei
13.02. FHL-Club, anschließend Flowerpower
 
Wort und Bild: ELC