| Sommernachtsträume |
Ich
erwarte eine gewisse Risikobereitschaft
Wir sind in einer Traumwelt der Nachtgeister und Elfen. Über uns der
Sternenhimmel und milde Luft.
Hinter uns der Tag, vor uns eine lange Nacht
voller Überraschungen. Die Liebenden wechseln ihre Geliebten schneller, als die
Elfen zaubern können und die losgelassenen, enthemmte Gefühle lassen aus
Menschen Esel werden. Dann geht die Sonne geht auf, und wir feiern Hochzeit und
Versöhnung. So sind sie, die Sommernachtsträume.
Mareike Mikat (29), die vielbeachtete und wohlwollend kritisierte
Regieabsolventin der Berliner Hochschule für Schauspielkunst, der Shooting-Star
der deutschen Theaterkunst, ist wieder in der Stadt und träumt uns eine
Sommernacht. Das tut gut bei den aktuellen Temperaturen. Shakespeares zeitloser
Klassiker feiert am 23. Februar im Großen Thalia Theater Premiere. Die Erwartung
sind hoch, kennen und lieben wir Mikats Regie doch spätestens seit ihrer
"Widerspenstigen", die im vergangenen Sommer auf dem Uniplatz gezähmt wurde. Nun
kommt die freie Regisseurin auf persönlichen Wunsch von Thalia-Intendantin
Annegret Hahn erneut nach Halle. Wir trafen Mareike Mikat zum Interview.
BLITZ!: Shakespeares "Sommernachtstraum" haben wir, übertrieben gesprochen,
schon in allen Varianten vorgesetzt bekommen. Gibt es zu wenig Gutes aus den
Autorenfedern der Gegenwart?
M.M.: Shakespeare ist in seinen Texten und seinem Theaterverständnis hochmodern.
Ich finde, es ist ein geeignetes Stück, um das neue Ensemble in der Gänze
vorzustellen und außerdem mit seiner Umweltproblematik geradezu tagesaktuell.
BLITZ!: Wo bleibt denn da die klassische Romantik und dramatische Liebe, die wir
von Shakespeare erwarten?
M.M.: Ich breche konventionelle Romantikvorstellungen auf und hinterfrage sie.
Liebe ist etwas sehr Wandelbares - mit zunehmendem Alter verlagern sich die
Ansprüche. Im "Sommernachtstraum" kann man der Liebe in unterschiedlichen Masken
begegnen - auch darauf will ich mich konzentrieren.
BLITZ!: Du nennst Dein gesamtes Schaffen "Pop-Theater". Wie poppig wird Dein
Shakespeare?
M.M.: Wer im Sommer meine Inszenierung "Der Widerspenstigen Zähmung" gesehen
hat, wird sich vielleicht etwas vorstellen können. So weit wir uns das leisten
können, versuchen wir alles aufzufahren, was ein Theater bieten kann. Für so
einen "Sommernachtstraum" muss man schon richtig zaubern. Nur soviel sei
verraten: Für mich sind Motive japanischer Mangas und Reality-TV
Hauptinspirationsquellen. In Zeiten von MTV und blauen Showmännchen kann man
nicht mehr mit dem Aufsagen klassischer Texte das Theater unverzichtbar machen.
Vielmehr sind wir Theatermacher - und damit meine ich alle Beteiligten - bereit,
bis an die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft zu spielen. Mit der Welt, mit
den Medien, mit aktuellen Ereignissen. Das Verarbeiten bekannter Motive oder
Symboliken zu einer neuen These ist in Comics wie "South Park" oder "Drawn
Together" nicht oberflächlicher Witz, sondern notwendiges Spiel mit der
Realität. Ehrliche Schauspieler besetzen damit für mich die letzte freie Zone
dieser Gesellschaft. Wir machen unsere Regeln selbst. Und mit diesem Herangehen
bin ich auch Shakespeare und seinem Verständnis für Theater ganz nah, denn auch
Shakespeare ist Pop seiner Zeit.
BLITZ!: Was bitte sind ehrliche Schauspieler?
M.M.: Ehrlich ist ein Schauspieler, für dessen Darstellung ich mich als
Zuschauer nicht schämen muss, weil er sich hinter einer Technik oder falschen
Tönen versteckt. Ein spielendes Kind denkt auch nicht darüber nach, wie es wirkt
und ob es moralisch korrekt ist. Ich sehe als Regisseur sehr genau, wer nur "so
tut, als ob" und wer wirklich spielt.
BLITZ!: Suchst Du Dir die Werke, die Du auf die Bühne bringst und das Ensemble
dazu selbst aus?
M.M.: Ja. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich mir die Stoffe selbst
wähle. Wobei der "Sommernachtstraum" ein Vorschlag von Frau Hahn war, den ich
richtig gut fand. Die Besetzung der Rollen ist ein Teil der Inszenierungskonzeption und unterliegt somit dem Regisseur.
BLITZ!: Was ist Theater für Dich und was willst Du damit erreichen?
M.M.: Theater ist für mich in erster Hinsicht meine Arbeit. Inszenieren ist
nicht so glamourös, wie das Spielen später eventuell erscheint. Ich habe eine
Vorliebe für die Dramatisierung von eigentlich nicht für die Bühne geeigneten
Stoffen, zum Beispiel Paperback-Romanen. Meine Theatervorlieben sind eher an
einer Spielweise festzumachen als an bestimmten Stoffen. Ich langweile mich
furchtbar schnell im Theater, wenn die Schauspieler nicht an ihre Grenzen gehen.
Beim Fußball interessiert ja auch niemanden die technisch perfekte Ballabgabe
zwischen Libero und Torwart - das ist doch nur Handwerk. Ich erwarte eine
gewisse Risikobereitschaft von einem Schauspieler. Als Regisseur wie als
Zuschauer. Im zweiten Teil Deiner Frage ist es für mich vielmehr wichtiger, wen
ich erreiche ... Menschen unter 20 sind für mich das interessanteste Publikum,
die müssen schließlich noch am längsten hier leben. Am schönsten wäre es für
mich, wenn ich bei diesen jungen Leuten erreiche, dass sie Spielen nicht als
Lügen verstehen und Schauspieler des Thalia Theaters genau so verehren wie
Christian Ulmen oder Sascha Baron Cohen.
BLITZ!: Theaterschauspieler als Popstars. Poptheater. Danke für Deine Antworten.
Bis bald in Halle und viel Erfolg!
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| Wort: Thomas Leibe / Bild: P.D. |
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