| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
soeben, als beim Anlegen des die Befeuchtung meiner Nasenschleimhäute
befördernden Inhalationsapparates ein Schwall heißen Wasserdampfes die Gläser
meiner Brille beschlagen ließ, und mich kurzzeitig das akute Panik hervorrufende
Gefühl heimsuchte, von nun an nichts mehr sehen zu können, kam ich nicht umhin,
zu bedenken, wie dünn doch das Eis ist, auf dem wir uns bewegen, wie schmal der
Grat zwischen Unversehrtheit und Beschädigung ausfällt, welch geringe Distanz
zwischen dem Gewohnten, Normalen, und dem Ungewohnten, Unnormalen besteht.
Tatsächlich bedarf es oftmals lediglich des Bruchteils einer Sekunde, um eine
solch einschneidende, kategorische Veränderung unseres Lebens hervorzurufen, man
stelle sich nur einmal vor, meine Brille wäre urplötzlich an einem anderen Platz
beschlagen, am Steuer eines Rennwagens beispielsweise oder als Sporttaucher in
Sichtkontakt mit dem weißen Hai! Die Folgen sind nicht auszumalen! Nun, uns
allen ist daran gelegen, dass es uns gut geht, niemandem ist damit gedient, sich
selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Die meisten von uns sind harmoniebedürftig
und ruheliebend, und wünschen eine permanente Verstärkung dieser Empfindungen.
Ich entsinne mich hierbei meines Patienten Julius M., der aus diesem Antrieb
heraus bereits im Alter von zwei Jahren sein Laufgitter selbst reparierte, und
sämtlichen von ihm verursachten Schmutz aufzuessen pflegte. Später begann er
seine Wäsche zu waschen, noch bevor sie schmutzig war, und durchsuchte den
Pelzmantel seiner Mutter nach Fremdhaar. Seine Eltern verstanden diese Neigung
zu nutzen und übertrugen ihm noch vor der Einschulung sämtliche häusliche
Pflichten bis hin zu Behördengängen und der Bearbeitung wichtiger Korrespondenz.
Auch wenn es sich hierbei um einen Extremfall handelt, eine
behandlungsbedürftige Absonderlichkeit glaube ich, überspitzt formuliert, sagen
zu dürfen, dass wir uns alle auf irgendeine Weise in dieser Geisteshaltung
bewegen, und nur dann bereit sind, etwas zu ändern, wenn es unseren Komfort,
unser Glücksgefühl erhöht. Man denke nur an die mit beständiger Regelmäßigkeit
zum Jahreswechsel gefassten guten Vorsätze.
Diese millionenfachen Gelübde, an die sich bereits am Neujahrsmorgen kein Mensch
mehr erinnert, werden schließlich immer einer Verbesserung unserer
Lebensqualität, einer noch rosigeren Zukunft wegen abgelegt. Kaum jemand fasst
ja den Vorsatz, im neuen Jahr mit großen Sprüngen die Karriereleiter
abzusteigen, endlich weniger zu verdienen, sich in jeder Hinsicht zu
disqualifizieren, sich den guten Ruf zu versauen, gesellschaftlich geächtet zu
werden, sich gnadenlos zu ruinieren, nicht sesshaft zu werden, völlig zu
verwahrlosen, zum Gespött der Menschheit zu werden. Und warum? Weil es unbequem
ist, keinen Spaß macht, weil man sich dabei nicht wohlfühlt, unglücklich ist.
Dabei kann ein solches Dilemma schneller eintreffen, als gemeinhin angenommen
wird, man braucht nur ein paar Mal von einem Bulldozer überrollt zu werden, bei
Gewitter einen Blitzableiter zu installieren, ständig die falschen
Entscheidungen zu treffen, sich ein Rudel Löwen als Haustiere zu halten, vom
Geheimdienst verwechselt zu werden oder mehrmals täglich vollkommen widersinnige
Börsenspekulationen zu tätigen. Schon ist es passiert! Allerdings kenne ich
niemanden, dem ein solches Verhalten vorzuwerfen wäre. Natürlich nicht. Den
meisten Bewohnern unseres Planeten bereiten Dinge dieser Art übermenschliche
Anstrengungen. Welche ernstzunehmenden Rennfahrer oder Sporttaucher benutzen
schon einen Inhalationsapparat? Die wenigsten, nehme ich an. Nein, im Normalfall
umschiffen wir die Klippen unseres Daseins auf eine durchaus komfortable und
angenehme, mitunter sogar glückliche Weise, und daran sollte sich auch 2008
nichts ändern.
Euer Doktor Niki Jacques Winter
|
| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
|