| Melanie Trommer und das Restaurant des Herzens |
Verantwortung übernehmen
Dieses Land ist reich - unbenommen. Aber dieses Land ist auch arm, vor allem
viele Menschen hier. Da stimmt etwas nicht mit der Verteilung und der
Verantwortung füreinander. Melanie Trommer übernimmt Verantwortung, für ihren
Hund, in ihrem Job in einer Buchhandlung und im Leipziger Restaurant des
Herzens, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen Wärme und
Selbstwertgefühl zu vermitteln, Gemeinschaft zu schaffen - und kleine Freuden,
neben dem Lebensnotwendigen, einer warmen Mahlzeit, zu bereiten. Irgendwann fiel
die gelernte Erzieherin über verschiedene andere Stationen, wie z.B. den
Kindernotdienst, in die Arme von Sabine Glinkowski, der guten Seele des
Restaurants in der Bornaischen Straße 120. Und ehe sie sich's versah, war
Melanie Heilig Abend umringt von Tischen und sympathischen Menschen und Feuer
und Flamme für das Projekt. Von dort zum Mittunwollen war es nur noch ein
kleiner Schritt, und nun sammelt die freundliche junge Frau fleißig Geld- und
Sachspenden. Sponsorenakquise heißt das und ist doch vor allem Arbeit. Doch
kommt auch Unterstützung. So hat Eisdom-Geschäftsführer Jens Witt Melanies
Aufrufe über seine Seiten verlinkt und 150 Eintrittskarten für die
Restaurantbesucher kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wichtig sind aber auch
Milch (für die Kleinen, die in Massen ins Restaurant strömen), gut erhaltenes
Spielzeug oder Schulsachen und 50-Liter-Töpfe sowie Kühltruhen für die Lagerung.
Milch, Milch, Milch - da hapert's am meisten in der Ernährung der Kinder, von
denen in unserer Stadt der Superlative, des Citytunnel-Milliardenbaus und der
Schöne-Worte-Politiker leider sehr viele durch den Rost der Aufmerksamkeit
fallen.
BLITZ!: Was genau ist Deine Aufgabe beim
Projekt Restaurant des Herzens?
Melanie Trommer: Eigentlich habe ich gar
keine feste Aufgabe da, ich helfe dort nur öfter mal mit. Jedes Mal wenn ich
dort war, hatte ich vorher in meinem Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis
nach Sachspenden für das Restaurant des Herzens (RDH) gefragt. Und da ich
dadurch merkte, dass mehr Leute helfen wollen und können, als ich und sie selbst
dachten, habe ich mir gedacht, man müsse da mal eine viel größere,
flächendeckendere Aktion auf die Beine stellen können. Wenn man so will, habe
ich mir diese Beschäftigung fürs RDH, nennen wir es mal Sponsorenaqkuise, selbst
gesucht.
BLITZ!: Was machst Du, wenn Du nicht fürs
Restaurant des Herzens tätig bist?
Melanie Trommer: Naja, mal abgesehen davon,
dass ich in einer Buchhandlung arbeite, kümmere ich mich noch um meinen Hund.
BLITZ!: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit
dem Restaurant des Herzens?
Melanie Trommer: Ich bin letztes Jahr
eigentlich eher durch einen Zufall als Helferin im Restaurant gelandet. Nach
erfolglosen Bewerbungen in einigen SOS-Kinderdörfern - bin ja gelernte
Erzieherin - und der Mitarbeit im Kindernotdienst Leipzig, rief ich bei den
„Leipziger Tafeln“ an, um über die Weihnachtsfeiertage zu helfen. Dort wurde ich
dann ans RDH bzw. Sabine, die gute Seele des Restaurants, verwiesen, da die
Tafeln über die Weihnachtsfeiertage geschlossen haben. Und ehe ich mich versah,
stand ich Heilig Abend inmitten von Tischen und servierte warmes Essen an
sympathische Menschen. Nach meinen ersten Erlebnissen im Restaurant war ich
Feuer und Flamme für dieses Projekt, und so sammelte ich eben das Jahr über
primär im Freundes-, Bekannten– und Familienkreis Sachspenden, die ich dann bei
meinen Helfertagen mitnahm. Und vor einigen Monaten reichte mir das nicht mehr.
Da musste doch mehr möglich sein. Denn viele Leute wollen helfen und wissen nur
nicht wie oder haben Angst, dass sie dabei übers Ohr gehauen werden. Da das RDH
sehr direkt an den Menschen dran ist, kommt ja die Hilfe auch sofort an. Ich
rief Sabine an und holte mir ihr begeistertes Okay und legte los. Ich entwarf
einen Flyer, ließ ihn über 100 Mal drucken und verteilte ihn in Leipziger
Briefkästen, an Straßenlaternen, Fahrrädern und Autos. Ich schickte ihn per
E-Mail an sämtliche großen und kleinen Unternehmen, an die Pressestelle der
Agentur für Arbeit und die Rentenversicherungen. Ich involvierte Molkereien -
wir brauchen dringend Milch für die Kids! - und stand in Supermärkten auf der
Matte. Ich debattierte mit störrischen Bezirksleitern und kämpfte mit meinem
schrillenden Handy, welches mir vom ersten Tag an durch das Feedback meiner
Aktion die Ohren sausen ließ. Vom Geschäftsführer des Leipziger Eisdoms bis hin
zur ältesten Oma Leipzigs bekomme ich Hilfe für mein „kleines Projekt“. Herr
Witt, der Eisdom-Geschäftsführer, gönnte seinem silbernen Kugelschreiber während
unseres Treffens keine Pause, und nun ist mein Spendenaufruf auf seiner Website
verlinkt. Außerdem stellte er großzügigerweise 150 kostenlose Eintrittskarten
für die Besucher des Restaurants zur Verfügung und sammelte während der
Öffnungszeiten seines Hauses Sachspenden der Besucher.
Also hab ich mir zur Aufgabe gemacht, meine Mitmenschen über die Armut dieser
Stadt – und primär über das Tun des RDH in Kenntnis zu setzen und aufzufordern
bzw. zu bitten, gemeinsam etwas für die Bedürftigen und damit gegen Hunger und
Ausgrenzung zu unternehmen. Es wird am 24. Dezember eine ganz normale
Weihnachtsfeier für die Besucher des Restaurants geben und neben musikalischem
Rahmenprogramm werden zwei Weihnachtsmänner die anwesenden Kinder beschenken.
Aus diesem Grund habe ich auf dem erstellten Flyer ausdrücklich darum gebeten,
gut erhaltenes Spielzeug und Schulsachen zu spenden. Aber wir brauchen für den
Alltagsbetrieb auch zwei neue Tiefkühltruhen, 50-Liter-Töpfe und vor allem
Milch!
BLITZ!: Hast Du eine ganz persönliche Idee,
wie das Problem der Kinderverarmung zu lösen ist?
Melanie Trommer: Also, wenn es eine
Patentlösung gäbe und ich sie hätte, würden wir jetzt nicht darüber reden,
sondern ich wäre irgendwo anders, um sie umzusetzen. Aber im Ernst, die
Kinderarmut ist ja kein Phänomen, das man allein aus dem Kontext herausgelöst
betrachten kann. Zur vollständigen Lösung des Problems bedarf es sicherlich auch
der Beseitigung jeder Menge anderer Defizite in unserer Gesellschaft. Armut wird
vererbt. Das heißt, man muss auf sozialpolitischem Weg versuchen, den
Entwicklungsdefiziten, der Unterversorgung und sozialen Ausgrenzung durch die
beschränkten finanziellen Verhältnisse zu Leibe zu rücken. Ich befürchte, dass
sich das Problem der Kinderverarmung nie ganz lösen lassen wird. Ziel muss es
daher sein, dass jeder seinen Teil der Verantwortung übernimmt, um das Maximum
des Möglichen zu erreichen und unseren Kindern eine bessere Zukunft zu
ermöglichen.
Dazu gehört soziales Engagement genauso wie eine sozialverträgliche
Familienpolitik. Diese sollte z.B. Eltern von ihren Alltagssorgen entlasten,
damit Väter und Mütter, egal ob alleinerziehend oder in Partnerschaften, sich
bestmöglich um ihre Kinder kümmern können. Dabei geht es nicht alleine um die
finanzielle Entlastung, sondern um die Veränderung der Rahmenbedingungen wie
z.B. die Verbesserungen bei der Suche der Eltern auf dem Arbeitsmarkt, die
Verbesserung in der Familienbetreuung oder bei der Schaffung von Kita- und
Kindergartenplätzen. Kurzfristig gilt es ebenso, verbesserte Hilfestellung und
Kontrolle von Familien in sozialen Problembereichen zu bieten, denn Statistiken
zeigen, dass gerade in sozial schwachen Strukturen das Problem der
Kinderverarmung häufiger auftritt. Langfristig sind Maßnahmen gefordert, die
Ursachen in den Familien aufspüren und bekämpfen, denn die Kinderverarmung ist
nur eines von vielen Symptomen einer krankenden Gesellschaft, die unser aller
Hilfe bedarf.
Wichtig wären Überlegungen bezüglich erneuter Einführung von Einmalleistungen
für Schulbedarf bei bedürftigen Familien, sowie ein Rechtsanspruch auf
KOSTENLOSE Ganztagsbetreuung für jedes Kind. Man könnte eine Art Sozialfonds
einrichten, aus dem das Land bzw. die jeweilige Stadt das komplette Schul- und
Kita-Essen bezahlt. Dass Hartz IV komplett abgeschafft werden müsste und das
Kindergeld nicht mehr auf die Grundsicherungsleistungen der Familien angerechnet
werden dürfte, muss ich sicher nicht extra betonen.
Der Weg von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zum Gesetzentwurf zur
Einführung eines Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz ab 2013 ist ein Schritt
in die richtige Richtung, jedoch sollte dringend von der durchaus zu recht
umstrittenen „Herdprämie“ Abstand genommen werden. Derlei Zahlungen setzen bei
Familien die am Existenzminimum leben (müssen) die völlig falschen Prioritäten
und gefährden nicht nur die Sicherung der Finanzierung des Ausbaus der
Krippenplätze, sondern setzen auch die falschen Bildungs- und
gesellschaftspolitischen Anreize. Indem man Müttern das Zuhausebleiben
schmackhaft macht, führt man nicht nur die Frauen unversehens in die Armut (nach
einer „normalen“ Babypause stehen die Chancen auf Wiedereinstieg in den Beruf
schon schlecht genug), sondern nimmt außerdem auch deren Kindern die
Möglichkeit, gesunde soziale Erstkontakte zu knüpfen und kompetente Betreuung
und Bildung zu erfahren. Derlei Gelder sollten besser in das direkte Leben der
Kinder investiert werden (mehr Kitas, betreute Freizeitangebote, Ganztagsschulen
und kostenlose Bildungsangebote). Betriebskindergärten und Ganztagsschulen
einzuführen, hätte sogar einen doppelten Effekt: Die Kinder armer Mütter würden
betreut und deren Mütter könnten einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen.
Durch Sach- oder Geldspenden Initiativen wie z.B. das Restaurant des Herzens zu
unterstützen, die direkt und zuverlässig helfen, ist dabei eine der zahlreichen
kurzfristigen Möglichkeiten, die sich jedem bietet. Langfristig wäre es mir
lieber, man könnte auf Einrichtungen dieser Art verzichten, weil die
Notwendigkeit nicht mehr bestünde. Aber es ist auf jeden Fall ein Anfang, bei
dem jeder mithelfen kann, der das Bedürfnis verspürt, zu helfen.
Wer einmal in die Augen eines Kindes gesehen hat, das strahlende Augen bekommt,
wenn man ihm ein Glas Kakao auf den Tisch stellt, den überflutet das Gefühl
unbändiger Wut und hilflosen Mitgefühls - obwohl es doch eigentlich schön ist,
wenn Kinder sich noch freuen können. Nur sollten es in einem Wohlstandstaat wie
unserem doch eigentlich Dinge wie ein neues Fahrrad oder eine neue Puppe sein
statt selbstverständlicher Nahrungsmittel.
Spendenkontakt fürs Restaurant des Herzens: (0163) 6012542 oder
melanietrommer@gmx.net
www.restaurant-des-herzens.de
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| Wort: Volly Tanner / Bild: ELC |
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