Vorsicht Thiel!

Vorsicht Thiel!Dresden hat kein Verkehrsproblem

Viele Dresdner fragen sich, wie man die gravierenden Probleme der Stadt lösen könnte. Ich auch. Mit Ausnahme der letzten drei Wochen, die ich in Japan verbrachte.


Dort fragte ich mich eher, was für gravierende Probleme das noch mal sind. Ihr glaubt nicht, wie lächerlich der Gedanke an das vermeintliche Verkehrschaos am Schillerplatz ist, wenn man aus einem Hotelzimmer im 30. Stock in Tokio schaut. Zudem ist die Hässlichkeit des Kulturpalastes relativ, wenn man die NHK-Hall oder Bunka Kaikan gesehen hat, zwei der wichtigsten Konzerthallen Tokios. Natürlich wäre es teuer, alle Dresdner in die Welt hinauszuschicken, um ihnen zu zeigen, dass man gelegentlich unterscheiden muss, was es wert ist, diskutiert zu werden und worüber man eher lachen sollte. Aber vielleicht wäre teuer besser als sinnlos, denn …
Unser Landesfürst war neulich auch in Japan, um sich dort davon überraschen zu lassen, dass man auf der Tatami (Fußbodenmatte) die Schuhe auszieht. Was war verzichtbar? Nicht das Weltkulturerbe, sondern Löcher in den Strümpfen! Apropos Kultur: Immer wieder wurde ich nach der Japan-Reise gefragt, wie groß der Kulturschock war. Das kann ich gar nicht so leicht erklären, da die Eindrücke in Japan so fett waren, dass ich noch ein paar Tage brauchen werde, um alles zu verarbeiten. Klar, im Kaufhaus, Supermarkt oder beim Bäcker verbeugt sich kein Mensch vor mir, um mir nach dem Kauf eines Brötchens zu versichern, dass er mich dafür achtet und mir auf ewig dankbar sein wird, um sich hinterher wieder mehrfach zu verbeugen. Auch gilt dort nicht das Prinzip, wer zuerst eine Verkäuferin gefunden hat, ist Sieger - die Geschäfte haben so viel Personal, dass sich der Kunde die Bedienung aussuchen kann. Auch hört man niemals Sätze wie: "Wenn Sie wüssten, für welches Geld ich hier arbeiten muss" oder "Wenn Sie ein Problem haben, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsleitung, ich kann nichts machen". Ihr glaubt gar nicht, wie Einkaufen Spaß macht, wenn die Verkäuferinnen lächeln. Alles ordnet sich lächelnd einem perfekten Service zur Zufriedenheit des Bürgers unter. Das waren für uns Deutsche jetzt mehrere Fremdwörter in einem Satz: Lächeln, Perfekt, Service, Zufriedenheit, Bürger …
Auf Baustellen gibt es Uniformierte, deren einzige Aufgabe es ist, ein- und ausparkenden LKW den Weg freizuhalten. Wenn kein LKW kommt, wird eben der vorbeifahrende Verkehr gegrüßt - mit einer Verbeugung. Stellt Euch mal an die Wilsdruffer und verbeugt Euch vor dem Verkehr. Ohne Verbeugen geht dort gar nichts, selbst am Steuer des PKW! Nach einem Unfall heißt das "Sorry für den Totalschaden". Wenn der Chef geht, sagt die Verbeugung "Danke fürs Gehen". Und nach dem Sex heißt das "Danke fürs Kommen".
Überall ist es trotz Mangels an Papierkörben sauber, weil ganz viele Menschen den Dreck wegmachen, den es noch gar nicht gibt. Die U- oder S-Bahn fährt aller vier Minuten, immer pünktlich und ist sauber. Ich höre schon deutlich die stöhnende Frage nach den Personalkosten, übrigens immer aus dem Mund von Managern, die scheinbar selbst gar keine Personalkosten verursachen. In Japan wird das Geld eben nicht in Nicht-Arbeit gepumpt, sondern in Arbeit. Auch wenn die erwähnte Ausparkhilfe eher lächerlich bezahlt wird, ist sie integriert und keiner hält sie für verzichtbar. Das Größte waren für mich die ganz vielen öffentlichen Toiletten, die niemals Eintritt kosten und fast alle sauber sind, was fließendes Wasser einschließt. Wie geht das denn? Ich glaube, in den riesigen Ballungszentren gibt es ein paar Notwendigkeiten, die das Leben am Laufen halten, quasi Vernunft durch Erfahrung. Man stelle sich vor, von den geschätzten 30 Millionen Menschen im Großraum Tokio-Yokohama hat jeder zweite einmal am Tag auf der Straße den Drang, mal zu müssen. Das bedeutet entweder 15 Millionen stinkende Häuserwände - Bäume gibt es nicht! - oder eben öffentliche Toiletten. In Deutschland käme noch eine Logik hinzu, die lautet 15 Millionen mal 50 Cent wären 7,5 Millionen Euro Einnahme. Wären! Es fehlen ja die Toiletten.
Ich muss aber genauso ehrlich sagen, wenn man aus Mega-Städten wie Tokio oder Yokohama in unser beschauliches Dresden zurückkommt, dann weiß man wieder, warum man diese Stadt liebt, warum die Touristen hierherkommen und Dresden als einmalig bezeichnen. Darum macht es mich nur noch wütender zu sehen, mit wie viel Kleingeist unsere Einmaligkeiten zu Beliebigkeiten werden, weil unsere (oftmals zugereisten) Entscheidungsträger noch nie die Welt gesehen haben. Ich sage es ganz offen: Unsere Elbwiesen sind einmalig! Dresden hat kein Verkehrsproblem! Und das auf dem Foto, die Yokohama-Bay-Bridge, das ist eine Brücke! Alles andere ist eine …
… schöne Bescherung, meint
Euer Mario


Vorsicht! Thiel liest
Am 10. Januar, ab 20 Uhr im Dresdner Comedy- & Theater-Club
www.vorsicht-thiel.de
www.dresdner-comedy-club.de
 
Wort: Mario Thiel / Bild: privat