| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
jeder, aber auch wirklich jeder stellt in diesen größtenteils dunklen, an Kürze
nicht zu überbietenden Tagen fest, dass die Jahre immer schneller vergehen, dass
so ein Jahr überhaupt kein Jahr mehr ist, dass das, was man heutzutage ein Jahr
nennt, bestenfalls noch ein halbes Jahr ist oder ein Viertel, dass man, wenn man
ein Jahr meint, unmöglich noch von einem Jahr sprechen kann, von sonstetwas,
aber nicht von einem Jahr, dass es kaum, dass der Sommer vorbei ist, schon
wieder zu schneien beginnt, kaum, dass es taut, schon wieder gefriert, und dass,
wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, irgendwann alles gleichzeitig geschehen
wird, dass eines Tages, nur weil die Zeit nicht reicht, große weiße Flocken aus
einer hell strahlenden Sonne fallen werden, oder eine Eiszeit anbricht, nur,
weil wir keine Zeit mehr für den Sommer haben. Die Zeit reicht nicht mehr aus,
gerade noch hat man die Schule besucht - zack - schon ist man ein alter Mann,
eben noch hat man seine Ausbildung zum Pionierleiter bestanden - peng - schon
gibt es diesen Beruf nicht mehr. Aber wer nimmt sich denn noch die Zeit, sich
dieser Tatsache zu vergegenwärtigen? Niemand! Und warum? Weil man nicht weiß,
woher! Wo um alles in der Welt soll das noch hinführen, wenn nicht in das
absolute Chaos? Aber möglicherweise reicht die Zeit ja nicht einmal dafür, und
es wird kein vollständiges Chaos, nur ein halbes, und das haben wir ja schon.
Ist das nicht furchtbar? Man weiß einfach nicht mehr, wo einem der Kopf steht,
weil so vieles innerhalb kürzester Zeit, beinahe ohne Pause erledigt werden
muss, unentwegt ist man ausschließlich am Erledigen, weil das zu Erledigende
wesentlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, als uns zur Verfügung steht. Die Lage
ist dramatisch. Konfusion macht sich breit, Irrwitz, Ratlosigkeit. Wie gern
möchte man sich einmal zurücklehnen und Luft holen. Aber wann? Uns fehlt einfach
die Zeit. Vielleicht haben wir früher, als sie uns noch in unendlicher Menge zur
Verfügung stand, zu viel von ihr verbraucht. Nun stehen wir da, und müssen uns
mit dem kläglichen Rest begnügen. Was für eine aussichtslose Lage. Weil einen
alles derartig zur Eile drängt, müssen wir uns auf das Wesentliche beschränken.
Vielleicht sollte man seinen Urlaub gleich auf Arbeit verbringen oder nur noch
arbeiten oder nur noch Urlaub machen oder weder das eine noch das andere?
Vielleicht sollte man so weit gehen, dass man nur noch das Allernötigste in
Angriff nimmt beziehungsweise sich damit begnügt, nur noch die Hälfte des Ganzen
zu bewältigen. Wer weiß? Eines Tages werden wir zum Äußersten gehen müssen, wird
es so weit kommen, dass wir uns die Zeit stehlen müssen. Aber wo? Bei wem?
Keiner kann uns hierbei einen guten Rat verabreichen, und keiner kann diese
bedenkliche Entwicklung stoppen, und doch sollten wir uns gerade jetzt, an
diesen letzten Tagen des Jahres, woher auch immer, ein wenig Zeit nehmen, uns
der allgegenwärtigen Hektik entledigen, um in aller Beschaulichkeit die
Weihnachtszeit zu genießen, zurückzudenken an heimelige Tage voller Wohlgeruch
und Kerzenschein. Denn gab es damals einen Tag, der länger war, als der
Weihnachtsabend? Niemals! Allein die Stunden, die man warten musste, bis die
Bescherung begann, dehnten sich in endlose Längen. Ich zum Beispiel denke in
einem solchen Augenblick an die 30 oder 40 Jahre, die ich - meine Mutter wollte
es so - Kind sein durfte. Wie viel Zeit besaß ich in jenen Kindertagen, wie
bedächtig ging jeder Handgriff vonstatten, wie schleichend bewegte sich der
Uhrzeiger! Das war am Weihnachtsabend nicht anders. Unvergesslich ist mir bis
heute jene Begebenheit mit einem Zigarre rauchenden Weihnachtsmann im Gedächtnis
geblieben, einem paffenden Knecht Ruprecht, an welchem ich mir, als ich ihn
voller Dankbarkeit für die in großer Zahl empfangenen Geschenke umarmte, in
aller Ruhe mehrmals das Gesicht verbrannt habe. Ja, damals hatte man eben noch
Zeit! Ich wünsche Euch allen ein frohes Weihnachten und ein glückliches Neues
Jahr
Euer Doktor Hawkins Einstein Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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