| Party-Insel Mykonos |
Vollmond
über Mykonos
Weiß für die Häuser, grün für die Balkons und blau für den Himmel - die
markanten Farben von Mykonos könnten der Farbpalette eines Impressionisten
entstammen. Dazu ein bisschen Folklore, wenn der Bergbauer in einer der schmalen
Gassen frisch geerntetes Obst gleich vom Maulesel herunter verkauft. Ganz im
Kontrast dazu steht ein ausgelassenes Nachtleben, welches in der Ägäis
unerreicht ist. Mykonos ist vielleicht nicht das wahre Hellas, dafür ist es
kosmopolitisch und einfach schön: Ein Paradies für Verliebte und Fotografen.
Das griechische Eiland Mykonos befindet sich rund 150 Kilometer südöstlich von
Athen in der Inselwelt der Kykladen. Es erstreckt sich auf einer Fläche von
gerade
mal 86 Quadratkilometern - Rügen ist zwölfmal so groß. Doch das
geheimnisumwitterte wie verführerische Mykonos lockt Besucher aus aller Welt.
Dabei kann es weder mit berauschenden Naturwundern noch mit den sonst in
Griechenland reich gesäten antiken Stätten aufwarten. Seit alters her wird den
Bewohnern von Mykonos hingegen ein besonderes Maß an Gastfreundschaft und
Toleranz bescheinigt. Das erleichterte zweifellos seine Entwicklung zum
Reiseziel für Partysüchtige, Lesben und Schwule.
Schon die gleichnamige Inselhauptstadt Mykonos ist einen Besuch wert. Die
malerischen Pflasterstraßen sind so eng, dass Autos notgedrungen aus dem
Ortskern verbannt sind. Die Verkehrsbedürfnisse lösen sich einfach durch kleine
Dreiräder, Mofas und natürlich dank der Maultiere. Wie dahingestreute
Spielzeugklötze reihen sich die kubischen Häuschen mit ihren flachen Dächern
aneinander. Idyllische Plätze und malerische Kapellen
locken die
Touristenscharen zur Entdeckungstour. Sie sollten allerdings eine gewisse
Vorliebe für hängige Wege mitbringen: Obwohl die Insel gar nicht mit besonderen
Bergen aufwartet - die höchste Erhebung ist 364 Meter über dem Meeresspiegel
hoch - ist hier außerhalb der Uferzone alles steil.
Einen besonderen Charme entfaltet Mykonos in den verschlafenen Nebengassen. Das
traditionelle Ortsbild wird nicht durch Hochhäuser oder abweisende Glasfassaden
entstellt. Die südliche Sonne hebt den Kontrast zwischen den farbigen Holztüren
und Fenstern sowie der Blütenpracht der windschiefen hölzernen Balkone noch
hervor. Dank der vorherrschenden Hanglage erfreuen sich die Bewohner
zauberhafter Ausblicke.
An der Haupteinkaufsstraße Mandojannis bedienen Filialen exklusiver Athener
Juweliere, bekannte Künstler in ihren Ateliers, Boutiquen mit hipper Mode oder
Bäcker mit ihren süßen Pastelli und Amigdalotas ein kauflustiges Publikum.
"Sehen und gesehen werden" lautet das Motto an der Uferstraße zwischen dem Hafen
und dem Fähranleger. Mykonos ist ein Ort der Schönen und Reichen.
Schnäppchenangebote sind hier nicht zu erwarten.
Auf einer kleinen Erhebung über dem Meer thront über Mykonos-Stadt die
Panagia-Paraportiani-Kirche. Der Sakralbau entstand seit dem Mittelalter aus
fünf einzelnen Kapellen, darunter die 1425 errichtete Agii Anargyri. Die
Marienkirche mit ihrem weißgetünchten Mauern gehört zu den beliebten Fotomotiven
der Insel. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr besorgniserregender
Bauzustand derzeit Besichtigungen verbietet.
Im 14. Jahrhundert gehörte Mykonos zu Venedig. Eine reizvolle Erinnerung an
diese Epoche ist mit dem Viertel Klein-Venedig überkommen. Die Häuser stehen
hier direkt am Wasser. Ihre Architektur erinnert verblüffend an die große Mutter
an der Adria, wären da nicht als landesübliche Zutat die vielen blauen Balkone.
Ein anderes Aushängeschild von Mykonos sind die Windmühlen auf dem Ano Mili. Im
Mittelalter sollen sich von hier aus sogar die Piraten der Ägäis mit Mehl
versorgt haben. Von seinerzeit zehn Windmühlen haben am oberen Ortsrand
fünfeinhalb die Zeiten überdauert.

In der Hochsaison tummeln sich zeitgleich 40.000 Urlauber auf der Insel. Es
scheint, dass sie tagsüber alle an die populären Strände Paradise Beach, Super
Paradise oder Elia entschwinden. Neben bunten Sonnenschirmen, kristallklarem
Wasser und fitnessgestählten Körpern erfreut sich das jugendliche Publikum dort
an regelmäßigen Parties und Live-Musik. Dabei kann Mykonos noch immer mit
verträumten Buchten und einsamen Stränden aufwarten. Zu erreichen sind diese
direkt vom Hauptort mit Booten und Bussen, Mofas oder Quads. Theoretisch gibt es
auch ein paar Autos zu mieten, aber wo sollte man die parken?
Während die Jugend am Strand liegt, erobert eine Schar kamerabewehrter
Silberlocken die verwinkelten Gassen von Mykonos. Der örtliche Guide nahm sie
auf dem Kreuzfahrtschiff in Empfang, das wie gestern und morgen auch
obligatorisch in der Morgenstunde für ein paar Stunden am Pier vertäut wurde.
Schwer kann er sich mit seinen Erklärungen der langen Inselgeschichte
durchsetzen, wenn an der Uferpromenade Pelikane als Fotomotiv locken.

Die Stunden vergehen und lassen den Abend näher rücken. Mittlerweile taucht die
Sonne die Häuser von Mykonos in ein vibrierendes Licht. Die Strände leeren sich,
das Völkchen vom Paradise Beach rückt ins teure Hotel Elysium oder ins Castro
ein. Von den Fensterplätzen der Bar lässt sich der berühmte Sonnenuntergang bei
chilliger Musik am besten genießen. Ein buntes Sprachgemisch flirrt durch den
Raum - Frank aus München trifft auf Torsten aus Leipzig, während Alan aus
Washington durch seinen farbenfrohen Cocktail der Stranderrungenschaft Andy aus
Sydney tief in die Augen schaut. Längst haben die Kreuzfahrtschiffe wieder ihre
Silberlocken getankt. In Little Venice ist Warm-Up für die bevorstehende lange
Nacht angesagt. Im magischen Licht der weit hinten im Meer versinkenden Sonne
erwacht die Stadt mit ihren unzähligen Restaurants, Clubs und Bars zur Nacht.
Es begann schon in den 1960ern: In jener Zeit riss die Berliner Sittenpolizei
noch küssende oder eng umschlungen tanzende Männer aus den Lokalen und schleppte
sie auf die nächste Polizeiwache. Den Einwohnern von Mykonos war die klassisch
griechische Toleranz näher als nationalsozialistische Propaganda, kurz: Sie
störten sich nicht an dem bunten Treiben der Schwulen. In wenigen Jahren wurde
Mykonos rund um den Globus zum Geheimtipp der homosexuellen Szene. Inzwischen
wirbt selbst der biedere Neckermann mit Hotels für Schwule und Lesben. Ein
populärer Treff am Abend ist Pierros Bar.
Zu später Stunde steigt das Publikum
dann eine Etage höher ins Ikaros. Von der Dachterrasse genießen Frischverliebte
den Blick auf Mykonos. Von Stunde zu Stunde steigert sich die Laune, bis zwei
Uhr morgens die Drag-Queen-Show startet.
Warum brauchen die Partygänger in ihrem Leben zwischen Strandliege und Barhocker
überhaupt ein Bett? Zumal dieses auf Mykonos wirklich teuer sind und nicht
unbedingt dem geläufigen Preis-Leistungsverhältnis entsprechen? Zugegeben, das
Hotel Elysium hat neben dem atemberaubenden Preis auch seinen Charme. Zimmer
ähnlichen Standards gibt es jedoch zum halben Preis auch an anderer Stelle, etwa
in den Hotelanlagen Kalypso oder Kohili & Korali. Ähnliches trifft auf die Bars
und Restaurants zu. Empfehlenswert ist es auch hier, den Einheimischen zu
folgen, die kleine Lokale in Seitenstraßen bevorzugen. Dort ist die Küche meist
besser und das Essen dann trotzdem bezahlbar.

Für so manchen der Feier- und Strandfreaks ist Mykonos damit am Ende. Dabei
lockt auf der Insel auch das pittoreske Dorf Ano Méra. Der harte Granitboden
lässt hier im Inselinneren kaum einen Baum gedeihen. An seinem Hauptplatz tönt
aus bunten Tavernen die übliche Bouzuki-Musik. Nebenan steht das reiche Kloster
Panagía tis Turlianís, das bereits 1542 gegründet wurde. Die sanierten Bauten,
der üppige Schmuck der Ikonostasen wie der verzierte Glockenturm stammen jedoch
aus dem 18. Jahrhundert. Ein beliebtes Fotomotiv ist der Marmorbrunnen im Hof.
In der Antike war Mykonos verschlafen, während die kleine Nachbarinsel Delos als
das kultische und wirtschaftliche Zentrum der Kykladen galt. Nach der
griechischen Mythologie wurden dort die Götter Apoll und Artemis geboren. In
seinen Glanzzeiten zählte Delos 30.000 Einwohner. Nicht zum Nachteil der Insel
huldigten die damaligen Herrscher den Göttern mit zahlreichen Geschenken, wie
Skulpturen oder weihevollen Bauten. In hellenistischer und römischer Zeit
entwickelte sich die Delos zum bedeutendsten Hafen der Region. Zu den traurigen
Seiten gehörte der Sklavenmarkt, an dem bis zu 10.000 Menschen am Tag den
Besitzer wechselten!
Auf Delos verblieben sind heute einige Familien, die das bedeutendste
archäologische Grabungsfeld der Ägäis bewachen. Tagsüber durchstreifen Scharen
kulturbeflissener Touristen die Ausgrabungsstätten um die berühmte
Löwenterrasse. Die Übernachtung hingegen ist auf Delos untersagt. Die Fähre
bringt den Tagesbesucher nach kurzer Überfahrt wieder nach Mykonos zurück.
Einmal mehr betört die untergehende Sonne, die an der Reeling lehnenden
Touristen können ihre Augen nicht abwenden. Wie von Zauberhand gezündet,
schicken zahlreiche kleine Lampen aus dem in abendliches Rosa getauchten
Häusermeer ihr lockendes Licht. Und wieder steht eine lange Nacht in Mykonos
bevor …
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| Wort: Uwe Schieferdecker, Torsten Reineck / Bild:
Tom, Ottmar Hannemann |
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