| Local Hereos |
Die kommenden großen Erfolge
Die Mitarbeiter unserer fünf Lokalredaktionen halten Augen und Ohren
offen, um unter anderem mitzubekommen, wer die nächsten erfolgversprechenden
Acts im BLITZ!-Verbreitungsgebiet in Sachsen,
Anhalt und Thüringen sind. Von den hier vorgestellten Bands werdet Ihr sicher
schon bald mehr hören.
Leipzig
Daniel Dexter + Schrödingers Katze
G anz
sicher einer der bemerkenswertesten Singer/Songwriter der Region. Mit
unglaublich hohem Wiedererkennungswert, egal, ob man eines der (bis dato noch)
sehr wenigen Konzerte oder die eben erschienene erste Platte "Dienstag vor der
Revolution" gehört hat. Dabei tut der Mann eher alles, um nicht aufzufallen, ein
charismatisches Understatement durchzieht seine Lieder und die Performance, auch
wenn er gelegentlich ganz aus sich rausgeht. Dexter macht kein großes Gewese um
sich und seine Lieder. Auch nicht um seine Begleitband, die mit ihrem Namen
vielleicht das Spektakulärste am Ganze ist: Sie heißen Schrödingers Katze nach
jenem berühmten Experiment aus der Quantenphysik, das untote Katzen zeitigt und
wohl nur vom Namensgeber und Albert Einstein wirklich verstanden worden ist.
Wenn man Dexter sieht und/oder hört, hat man manchmal das Gefühl, dass auch er
eine tiefe Ahnung von solch grundsätzlichen Dingen haben könnte. Das meint
nicht, dass seine Lieder sehr philosophisch sind. Im Gegenteil: Auf seiner
Platte handeln alle Songs von der Liebe und der Revolution, was für Dexter
weitgehend das Gleiche ist. Die Texte benutzen einfache Worte und malen schöne
Bilder, die Refrains haben eingängige Melodien und Zeilen, die hängenbleiben.
Eigentlich könnte das jedem gefallen, doch irgendwie hat es auch etwas ganz
Eigenes, Sperriges, das wahrscheinlich den Durchbruch ins Formatradio verhindern
wird. Keine Ahnung, ob Dexter davon träumt, als Künstler wäre es ihm und uns
eher nicht zu wünschen.
www.loewenzahn-verlag.com
Leipzig
Zin
Lange ist auf dieses Debüt gewartet worden. Man kannte die Protagonisten dieser
Band, das schraubte die Messlatte hoch: Der androgyne Exzentriker Iven Cole, bei
Zin am Gesangsmikro, war vorher bei Ballentine (davor Deep Inside) ,
Markus Eastbourg, der coole Elektroniker im Hintergrund, hat mal bei Loom programmiert.
Vincent Oley an der Gitarre, vorher bei Projekten wie God Is Gay oder Lizard
Pole, ist niemand anderes als der Sohn von Die-Art-Frontmann Holger "Makarios"
Oley. Es schien, als türmte sich die Erwartungshaltung zu einer Hürde auf, die
kaum zu überwinden sein würde.
Zunächst: Sie sind an der Erwartungshaltung nicht zerbrochen. Sie haben sich
nicht irre machen lassen und ihr Ding durchgezogen. Es war klar: Hier würde es
britisch werden, melancholisch, melodiös. Iven Cole sorgt stimmlich und
habituell immer für einen gewissen Placebo-Effekt. Vincent bringt schon
genetisch diverse Postpunk-Affinitäten ein, seine Wurzeln reichen zurück zu Joy
Division, kein Wunder bei dem Vater. Am Ende macht's die Mischung. Vor allem
Eastbourgs Electronics sorgen dafür, dass die Band tatsächlich eigenständig
klingt. Gitarre und Gesang schaffen Melodien, die echt ins Ohr gehen. Nahezu
jeder Song auf diesem Debütalbum könnte für sich als Single ausgekoppelt werden,
es gibt kaum Schwachstellen. In diesem Bereich liegt aber auch das Manko des
Debüts: Jedes Stück für sich ist klasse, hintereinander gehört, lässt das Album
jene energetischen und dynamischen Unterschiede zwischen den Songs vermissen,
die normalerweise den Spannungsbogen einer Platte ausmachen. Das ist aber zu
vernachlässigen. Diese Lieder haben Substanz, das ist klar. Und Gott sei dank
haben das auch ein paar Entscheider in der Düster-Indie-Szene erkannt. Es wurden
eine Promotion- und eine Booking-Agentur mit gutem Namen gefunden, ein paar
Vollprofis werden das erste Video besorgen. Achtung, dieses Ding startet durch!!
PS.: Record-Release-Party am 24. November in Leipzig, in McCormacks Ballroom.
www.brachialpop.de
Nordhausen
Maroon
Die volle Breitseite aus dem schönen Harzvorland. Maroon bieten einen
unglaublich
energiegeladenen Mix, ganz im Sinne des heute gängigen Crossover aus
dem Härtesten und Besten, das der Metal zu bieten hat: HardCore trifft auf (Melodic)
Death Metal, auf Nu Metal und Metalcore. Da wird wüstes Geprügel plötzlich von
einem pathetisch-melodiösen Refrain abgelöst, da erklingt mitten im
Riffdauerfeuer auf einmal ein richtiges Old-School-Gitarrensolo durch die Boxen
(gleich im Opener wird unverschämt Edvard Grieg zitiert). Dann hastet die
Maroon-Dampfwalze gnadenlos weiter. Mit 130 auf der Überholspur und unter
infernalischem Gebrüll. Das stammt von Andre Moraweck, der sich seit einiger
Zeit als einer der führenden Metal-Shouter dieses Landes empfiehlt.
Die fünf verrückten Harzer halten ihr höllisches Tempo schon ein paar Jahre
durch. Seit 2000 veröffentlichen sie Tonträger, mit "The Cold Heart Of The Sun"
liegt in diesem Herbst bereits das vierte Album vor. Spätestes mit "When Worlds
Collide" aus dem Vorjahr erzielten sie ihren Durchbruch in der Szene. Schon im
Vorfeld waren sie auf Europa-Tour mit den Szenegöttern Samael und Obituary,
danach war die Fachpresse voll des Lobes. Sie haben inzwischen das Rock-Hard
Festival und das Full Force gespielt, sie waren in Wacken und auf dem Summer
Breeze - die höheren Weihen der Szene haben sie also schon empfangen.
Man muss das laut hören, ganz klar. Auf der 10. Dann wirkt diese Musik wie eine
Flasche echter Nordhäuser Doppelkorn. Die einem von hinten über den Schädel
gezogen wird. Besser, man hat sie vorher intus!
www.maroonhate.com
Leipzig/Nordhausen
Mister Sushi
Ihre Namen sind Al Forno (Gesang), Todd Rigatoni (Gitarre), Born Pesto
(Keyboards),
Ice Garcia (Schlagzeug) und The Ad (Bass). Die Band, die sie im
Vorjahr gründeten, müsste nun wenigstens The Cannelonis oder Lady Lasagne
heißen. Doch nein, das Ensemble hört auf den Namen Mister Sushi. Ihre Musik ist
dabei alles andere exotisch: Sehr bodenständiger Rock mit deutschen Texten. Ganz
ohne Posen, mit viel Herz; nicht schrille Originalität um jeden Preis heißt die
Devise, sondern Ehrlichkeit. Keine überdreht-verquaste Spätpubertantenlyrik,
sondern Geradeaustexte aus dem Hier und Jetzt zu schnörkellosem Rock. Die Jungs
nennen das Powerpop. Gefühls-Rock passt besser, Al Fornos warme Stimme ist der
Dreh- und Angelpunkt. Auf jeden Fall wissen sie sehr genau, wohin sie wollen und
sie marschieren mit Riesenschritten. Wenige Monate nach Gründung liegt bereits
die erste, sehr überzeugende EP "Wir dreh'n uns im Kreis" vor, der Song "Wenn Du
gehst" wurde zum Newcomer der Woche bei NDR 2. Sie supporteten Scooter bei der
Jump-Arena (wegen der vielen Menschen, ihre Musik ist so ziemlich das direkte
Gegenteil von dem, wofür Scooter stehen). Dafür spielt Sputnik jetzt ihre
Lieder. Andere zogen nach. Und vielleicht sind diese sympathischen Herren mit
dem Fischnamen schon bald in aller Ohren. Lecker Futter jedenfalls!
www.mistersushi-band.de
Chemnitz
Bombee
De Flandre, Kaiser und R0eder sind nach zwei Jahren gemeinsamen Musizierens als
Bombee mehr Band als zuvor, so "richtig mit Rumtouren, CDs-Herausbringen und
allem was dazu gehört". "Jeder macht das, was er am besten kann. Wir versuchen
aus maximaler Einfachheit Schönheit zu schaffen." Wobei sich die von Bombee
erstrebte Einfachheit keinesfalls in ihrer musikalischen Technik niederschlägt,
sondern in der Instrumentierung. Eine Stimme am Mikrofon, zwei Hände am Cajon
und zwei an der Gitarre. Wer die drei Chemnitzer kennt, weiß, dass bei ihnen
Späße auf eigene Kosten keine Seltenheit sind. Doch im Gegensatz dazu
präsentieren sie auf ihrem zweiten Album "Bombee+" elf sehr ruhige,
gefühlvoll-melancholische Songs. Das war nicht immer ihr Metier. "In früheren
Bands ging es einzig und allein um Kraft, Hass und darum, so krass wie möglich
zu sein. Aber Bombee ist was komplett anderes. Es geht darum, schöne Musik zu
machen, um Harmonie", erklärt Gitarrist R0eder. In ihrer Musik lassen die drei
verschiedenste Richtungen miteinander verschmelzen, Pop, Blues, Country und
exotisch anmutende Swing Terracotta Styles. Und das rein akustisch. "Wir könnten
auch als Straßenmusiker unser Geld verdienen, was wir auch wirklich machen,
meistens donnerstags." Wenn man Sänger Alex auf die inhaltliche Deutung seiner
Lieder anspricht, zeigt er sich wortkarg. "Es gibt Lieder, da ist die Message
offensichtlich, ansonsten ist der Interpretationsspielraum frei wählbar." Es ist
also an jedem selbst, zu hören, wovon da gesungen wird. Was man im Vergleich zum
Vorgängeralbum "Beachboys Back From Anchorage" jedoch eindeutig wahrnimmt, wenn
auch eher auf der Gefühlsebene als der des Verstandes, ist, dass viel weniger im
Selbstmitleid gebadet wird und sich die Songs emotional um einiges freier
anhören. Das Album gibt es beim Chemnitzer Label Sweet Home Records, auf welchem
zeitgleich ein Sampler erschienen ist, zu dem Bombee einen brandneuen,
exklusiven Song beigesteuert haben.
www.70-10.com
www.sweethomerecords.com
Dresden
Krieger
Eine slidy Gitarre eröffnet ein sattes heavyeskes Blues-Rock-Riff, das Billy
Gibbons &
Dusty Hill auch nicht besser hingekriegt hätten. Wow! Und das aus
Dresden und auch noch mit deutschen Texten. Was das Verrückte ist: Es gilt als
das nächste große Ding der Elbmetropole und ist ebenfalls beim Mythen-Label
Motor gelandet. Wobei sie mit ihren Signing-Vorgängern Polarkreis 18 ungefähr
soviel zu tun haben wie die Arktis mit der kalifornischen Wüste. Krieger spielen
erdigen Southern Rock mit expressiven (neu)metallischen Einsprengseln und
Eastern-Texten. Der neue South-Eastern-Sound für die Männer auf den heißen
Maschinen aus den Motorradwerken in Zschopau? Nee, nee, keine Zeit für
Witzeleien. Der Krieger-Rock 'n Roll steht felsenfest, sie waten knietief und
sehr genüsslich in den Klischees. Auch und gerade, wenn sie von der Liebe
singen, was sie oft und ausgiebig tun. Die Texte handeln von Kriegern und Heimat
(manchmal hört man in der Sprache den trotzigen Onkelz-Duktus), von geteiltem
Leid, Brot und Wein und von der Liebe, für die man sterben will. Das passt alles
recht gut zusammen, das schiebt ziemlich gnadenlos nach vorne. Aber up to date
ist diese Musik nicht gerade. Und wird trotzdem gefeiert. Es bleibt etwas
Geheimnisvolles um diese Band. Woher der plötzliche Erfolg? Von Null zu Motor?
Unüberhörbar ist: Diese Jungs sind eindeutig keine Anfänger! Doch es gibt keine
Namen auf der Homepage. Wenigstens bei MySpace: Dort outen sich Rammstein und
die Queens of the Stone Age als Fans ... Hm. Vielleicht des kriegerischen Namens
wegen?
Die Anfänge liegen tatsächlich weiter zurück. Die Baumgärtel-Brüder an Gesang,
Gitarre und Schlagzeug haben etwa 1990 mit zehn und zwölf Jahren ihr erstes
Konzert als Punkrock-Band Young Rebels gespielt. Damals mit Unterstützung von
Feeling B., von denen Gitarrist Paul und Keyboarder Flake später Rammstein (mit)begründeten.
Aus dem Baumgärtels wurden 1998 die Kalony Brüder, man nannte sich Chicago Jazzz
und spielte eine mächtig druckvolle Mugge. Damit war im Jahre 2004 Schluss, das
Konzept hatte sich nicht durchgesetzt. Sie brüteten was Neues aus ...
Basser Rajko Gohlke hat ebenfalls eine lange musikalische Vergangenheit hinter
sich. Er stand mit den Leipziger Thrashern The Art Of The Legendary Tishvaisings
zur Wende ganz oben, war danach mit Think About Mutation auch schon bei Motor
unter Vertrag. Und dann das Pilgrim-Logo auf der Information: Ja, diese Jungs
werden tatsächlich vom Rammstein-Management betreut. Hier schließt sich der
Kreis und Einiges wird klarer. Na dann: Freie Fahrt für Krieger!
www.krieger.eu
Halle
The Headless Horsemen
Sie spielen nach eigenem Bekunden Hard Rockin' Psycho Boogie. Das meint wohl
eine
Mischung aus Rocka- und Psychobilly mit Boggie und Hard Rock. Es geht
jedenfalls komplett die Post ab, wenn Fisch (Gitarre und Gesang), Sicki
(Kontrabass) und Bax (Schlagzeug) loslegen. Vom ganzen Druck und Groove wippt
fröhlich die Elvis-Tolle, aber gelegentlich hört man auch, dass Fisch früher mal
Metal und Punk gespielt hat. Seit zwei Jahren macht diese Trio nun schon die
halleschen Tanzböden unsicher, seit ein paar Monaten liegt ihr Debütalbum "Bonebreaker
Boogie" vor. Und das rockt und rollt, dass es nur so eine Freude ist! Tempo und
Beat werden ein ganzes Dutzend Stücke lang durchgehalten, das Album lässt sich
problemlos durchhören und ist immer viel zu schnell zu Ende. Dabei ist der Sound
keinesfalls ein nostalgischer Ausritt in die 50er, die kopflosen Reiter greifen
das Feeling und den Rhythmus der Zeit lediglich auf, um sie ins Heute zu holen.
Dank moderner Möglichkeiten lässt sich einfach viel mehr instrumentaler Druck
erzeugen als damals, und die Band reizt diese Möglichkeiten voll aus. Die
Rockabilly-Variante der Headless Horseman ist also keine Oldie-Show. Sie kommt
sehr gegenwärtig und strotzt nur so vor Vitalität. Saucool!
www.theheadlesshorsemen.net
|
| Wort: FW, Jan Soldat / Bild: Maxi Holland; Nina
Stiller; Jan Soldat; P.D. |
|