| Michael Schwessinger |
Exklusiv-Interview
mit Michael Schweßinger
BLITZ!: Worum geht’s im neuen Buch, wer sind
die handelnden oder beobachteten
Personen?
MS: Das neue Buch „Von Seemännern und
anderen Gestrandeten“ schließt thematisch an „In darkest Leipzig“ an. Es ist
wieder aus der Sicht des Ethnographen geschrieben, der versucht Lindenau zu
verstehen und die Sitten der Eingeborenen zu dokumentieren. Allerdings gerät er
zunehmend auf die schiefe Bahn und seine Forschung führt ihn mehr und mehr weg
von den sesshaften Lindenauer hinein in Absturzkneipen und durch die
Straßenschluchten des Viertels. Dort begegnet er allerhand seltsamen Gestalten.
Er trifft den einäugigen Chronisten der Grauen Perle, der ihm die Legende vom
Käpt’n des Leipziger Westen erzählt; Don Walross, einen aufstrebenden
Alteisensammler, und Ulf, den Mohawk, der meistens „Bei Heinz“ an der Theke
sitzt. Daneben gibt es im neuen Buch noch interessante Gastbeiträge von anderen
Lindenau-Forschern. Allfons Chlucki, der schon bei den nordsüdsibirischen
Wodkaschamanen und unter bayrischen Stammtischen forschte, hat für dieses Buch
einen Artikel über die Bedeutung der verschiedenen Lindenauer Bierfahnen
beigesteuert. Der große britische Astroethnologe Edward Foolship berichtet
ebenfalls über seine Forschungsergebnisse im Leipziger Westen. Beide
beschäftigen sich mit den seminomadischen, meistens vor Kaufhallen lebenden
Straßenlindenauern. Edward war außerdem so freundlich, Tagebuchauszüge aus
seinem noch nicht erschienenen Buch „Travels in Western Leipzig“ zur Verfügung
zu stellen.
BLITZ!: Wie lebt sich’s in der neuen
Umgebung unten am Kanal?
MS: Lindenau ist ein weites Feld kann ich
dazu nur sagen. Wenn ich jetzt aus dem Fenster auf den Karl-Heine-Kanal blicke,
ist es mir manchmal wie Urlaub. Der Blick fällt auf die Uferpromenade mit
flanierenden Liebespärchen, einen idyllischer Kirchturm an der Flussbiegung -
und die MS Weltfrieden schippert mit ihrem Kaffeepublikum über den Kanal.
Richtig schön. Wenn ich dann vor die Wohnungstür gehe, beginnt wieder ein
anderes Lindenau, nicht dieses spießige wie in „In darkest Leipzig“ teilweise
beschrieben, sondern die volle Mischung aus
Hartz-IV-Tragik
und Entsetzen. Unser neuer Nachbar zum Beispiel besitzt nicht viel. Ich glaube
nur einen blauen Jogginganzug, einen uralten Schäferhund mit Rückenproblemen und
einen Fernseher, der den ganzen Tag läuft. Am Monatsende zumindest. Am
Monatsanfang, wenn er seine Bezüge bekommt, hat er für einige Tage noch etwas
mehr. Er holt sich in diesen Tagen immer einen riesigen Sack Kartoffeln beim
Tante-Emma-Laden gegenüber und Unmengen an Fleisch beim russischen Großhändler.
Dann kocht er den ganzen Tag für den Monat vor und gefriert das Zeug ein. Ich
glaube, den Rest der Kohle investiert er in alkoholische Nahrung. Zumindest
riecht er bei den gemeinsamen Fahrten im Aufzug wie eine Schnapsfabrik. Im
letzten Monat wurde ihm kurz nach seiner traditionellen Einfrieraktion von den
Stadtwerken der Strom abgestellt und der ganze Monatsvorrat taute langsam vor
sich hin. Das ist Lindenauer Tragikkomik. Du hast keine Kohle mehr und musst
zusehen, wie deine Essensrationen langsam verrotten. In jedem Fall ein
spannendes Umfeld. In der Nachbarschaft der Nachtclub mit den leichten Mädels.
Am Monatsanfang, wenn das Geld bei den Lindenauern locker sitzt, gehen die
Vorstadtschönheiten immer auf Werbetour in die 24-Stundenkneipe unterhalb
unserer Wohnung. Dann gibt’s gratis Striptease mit DJ-Unterhaltung und Bier zum
kleinen Preis. Später für einige Scheine mehr, die Fortsetzung im Nachbarhaus.
Also richtig was los hier.
BLITZ!: Worum soll’s im nächsten Buch gehen?
MS: Das nächste Buch wird in eine ganz
andere Richtung gehen. Nach zwei Büchern über Lindenau muss ich mal ein bisschen
Abstand gewinnen. Es ist ja nicht so, dass mich das kalt lässt. Der tagtägliche
Anblick dieser Tragödien schlägt schon aufs Gemüt. Wenn ich dann beginne darüber
zu schreiben, beschwöre ich diese Erlebnisse wieder herauf. Wenn ich also eine
Geschichte vielleicht zwanzig Mal überarbeite, dann halte ich mir diese Szenerie
zwanzig Mal vor Augen. Da muss man irgendwann sagen: Es reicht fürs Erste. Sonst
hocke ich auch bald in einer dieser Absteigen und ein Anderer schreibt dann über
mich irgendwelche Geschichten.
Das nächste Buch heißt „Aus dem Leben eines Tagelöhners“. Mein letztes festes
Beschäftigungsverhältnis liegt mittlerweile zehn Jahre zurück. Seitdem habe ich
neben Schule und Studium immer nur gejobbt. Unzählige verschiedene Tätigkeiten.
Kühlturmreinigung in Atomkraftwerken, Inventuren in staubigen Ramschläden,
Steineschleppen auf Baustellen, Baumpflege auf Friedhöfen und am Fließband in
der Brauerei, um nur einige zu nennen. Ich mag die Tagelöhnerei, da man mit ganz
unterschiedlichen Menschen in Berührung kommt und Dinge erlebt, die einfach nur
crazy sind. Außerdem kann man immer gehen, wenn man die Schnauze voll hat.
BLITZ!: Gab’s Komplikationen mit Lesern oder
Betroffnen nach dem letzten Buch?
MS: Meine persönlichen Erfahrungen bei
meinen Lesungen waren eigentlich sehr positiv. Allerdings sagte mir ein
Lindenauer Buchhändler, dass viele Kunden nach der Lektüre von „In darkest
Leipzig“ äußerst entrüstet waren, weil ich die Lindenauer als Eingeborene
bezeichnete und sie mit „den Wilden“ auf eine Stufe stellte. Manche Menschen
verstehen eben keinen Humor. Leider kommen diese entrüsteten Menschen selten zu
meinen Lesungen, so dass wir auch nicht darüber diskutieren können. Bei meiner
letzten Lesung in Lindenau gab es einen, der mir vorgeworfen hat, ich würde mich
über die Menschen lustig machen. Ich denke, genau das mache ich nicht. Etwas mit
Humor zu verkleiden, ist etwas vollkommen anderes, als über Menschen zu lachen.
Dann gibt es die, die sagen, ich schreibe nur Vorurteile und Klischees nieder.
Eine Rezensentin schrieb, ich behandle die Lindenauer wie Versuchsratten. Aber
ich schreibe ja nur meine Beobachtungen nieder.
„In darkest Leipzig“ ist sicherlich überzeichnet, aber man muss doch nicht lange
suchen, um im realen Lindenau diese angesprochenen Phänomene zu entdecken. Wenn
ich schreibe, dass die Lindenauer elende Schnäppchenjäger sind, ist mir schon
klar, dass dies etwas mit Armut zu tun hat und nicht mit der Freude an
abgelaufenen Fleischpaketen. Ich dachte, dieser geistige Transfer wäre für alle
Leser machbar. Meine Intention war es, auf humorvolle Art kritische Fragen
aufzuwerfen. Ist es normal, dass Menschen Mitte Vierzig in unserer Gesellschaft
keine Aufgabe mehr haben, außer den ganzen Tag zu rauchen? Ist es normal, dass
ein Vierzehnjähriger sein Praktikum in einer Abstiegskneipe ableistet, ohne dass
die Eltern dies besorgniserregend finden? Ist es normal, dass Menschen, die Tür
an Tür wohnen, nicht mehr miteinander kommunizieren? Ist es normal, dass man
seinen Hund vor die eigene Haustür kacken lässt? Diese Fragen wollte ich durch
die ethnographische Brille stellen. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gelungen
ist. Ich habe das Gefühl, dass bei vielen überhaupt kein Interesse besteht,
unbequeme Fragen zuzulassen. Mir geht es gut und was ich nicht sehen will, das
gibt es auch nicht. Ich wünschte, diese Menschen, die diese von mir beschriebene
Welt so hartnäckig negieren, würden wenigstens den Mumm haben, jeden Einzelnen
dieser Gestrandeten an den Straßenrändern von Lindenau zu sagen, dass sie nur
ein Klischee sind. Dass es sie eigentlich nicht gibt, weil sie nicht in ihre
schöne Welt passen. Aber daneben hat das Buch für mich auch noch ganz andere
Konnotationen. „In darkest Leipzig“ war für mich nicht nur ein Buch über soziale
Verwerfungen, sondern auch über die faszinierende Ästhetik dieses Viertels.
Diese bauliche Zerrissenheit zwischen Sanierung und Verfall. Diese harmonischen
Disharmonien. Dieses unsanierte und oft unbequeme Menschsein. Auch wenn es viele
nicht glauben: Ich mag Lindenau. Dennoch bin ich der Meinung, dass man sein
Viertel auch kritisch sehen kann. Das schließt sich doch nicht aus.
BLITZ!: Warum schreibst Du sowas, was ist
Dein Antrieb?
MS: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht genau.
Vielleicht eine eigene Zerrissenheit oder eine gewisse Affinität zu den Rändern.
Ich gehe durch die Straßen und sehe gewisse Dinge und dann drängt es mich
darüber zu schreiben. Es würde mich langweilen über hippe Koksnasen,
Hochglanzvisagen oder irgendwelche Krawattentiere zu schreiben. Ich brauche
Menschen, die etwas zu erzählen haben. Menschen, in die sich das Leben
eingeritzt hat wie eine unfreiwillige Tätowierung. Es interessiert mich nicht,
warum ein Mensch super im Leben klar kommt, aber ich horche auf, wenn
Gescheiterte zu erzählen beginnen. Der letzte Satz, den ich zu „In darkest
Leipzig“ geschrieben habe – „Auch wenn viele hier am Ende sind, ich stehe gewiss
nicht mehr am Anfang“ – hat nach wie vor Bestand, vielleicht sogar noch mehr als
damals.
BLITZ!: Deine Sicht auf die derzeitige
literarische Landschaft in Deutschland?
MS: Ich fürchte, dazu kann ich nicht viel
sagen. Das letzte zeitgenössische Buch, das ich zu Ende gelesen habe und das
mich sehr beeindruckt hat, war „Als wir träumten“ von Clemens Meyer. Ansonsten
lese ich eher ältere Jahrgänge. In den letzten Wochen hab ich zum Beispiel Henry
Miller wiederentdeckt. Ich las ihn schon einmal ohne große Begeisterung vor
Jahren. Wenn ich jetzt seine beiden Wendekreise zur Hand nehme, bin ich manchmal
schon nach wenigen Seiten erschlagen von der Kraft seines Ausdrucks, seiner
ungeschminkten Ehrlichkeit, seiner Wut und seiner Liebe zum unaufgeschobenen
Leben. Für manche Bücher muss man erst reif sein.
BLITZ!: Kann Literatur etwas bewirken?
MS: Ich glaube schon, dass Literatur etwas
bewirkt. Sicherlich dreht sich die Welt nicht wegen eines einzigen Buches
anders. Die entscheidenden Dinge im Leben lernt man meines Erachtens nicht durch
Buchlektüre, sondern durch eigene Erfahrung. Dennoch entdeckt man manchmal
Bücher, die einen wie Offenbarungen durchdringen, die Augen öffnen und in denen
man sich selbst wiederfindet. Mein erstes Buch dieser Art war „Der Fremde“ von
Camus. Müsste ich eine literarische Person wählen, der ich mich verwandt fühle
so würde sie immer noch Mersault heißen. Ähnlich ergeht es mir bei Fernando
Pessoas „Buch der Unruhe“. Ich kenne keinen Autor, dem es gelingt, existentielle
Traurigkeit besser in Worte zu fassen. Es sind zum größten Teil Fragmente, aber
ich lese vier, fünf Zeilen, klappe das Buch zu und sage mir: So ist es. Mehr
muss nicht gesagt werden. Ich bewundere diesen Autor, der existentielle
Stimmungen in wenigen Sätzen heraufbeschwören kann. Andere benötigen dafür
hunderte von Seiten.
BLITZ!: Wo siehst Du Deine Wurzeln?
MS: Die einzige Verwurzelung, die ich spüre,
ist eine musikalische. Wenn ich zum Beispiel eine Platte von Joy Division oder
The Sound auflege, spüre ich: Ja, bei diesen Klängen bist du ganz nah an dir
selbst. Egal, ob ich diese Musik in Bangkok, Nairobi oder Lindenau höre, sobald
die Stimme von Ian Curtis oder Adrian Borland mich durchdringt, denke ich mir:
Damn, das ist es! Das ist dein innerstes Weltgefühl. Und mehr an Verwurzelung
braucht es nicht.
BLITZ!: Danke für das kurzweilige Gespräch
und alles Gute fürs neue Buch.
www.michaelschwessinger.de
www.teamofdestruction.de
Buchpremiere: 03.12. Moritzbastei
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| Wort: Volly Tanner / Bild: Ernie Le Coq |
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