Die Partymacher, Teil II

Halles kreative Köpfe

Hallesche Partyveranstalter, getrieben von eigener Kreativität, begeistern ihr Publikum. Sie dekorieren Volkspark, Steintor oder Stadtbad für eine Nacht, bestücken alte Fabriken mit modernster Ton- und Lichttechnik. Wir stellen sie vor.



Sebastian Seidler
Trockendock, Schlafstörung

Sebastian SeidlerAls DJ Sea Kell legte der Hallenser seit seinem 16. Lebensjahr auf. Beginnend in einer Zeit, in der die Eissporthalle noch E-Halle hieß und auf Floors namens Manhattan und Tropical zum Zappeln lud. Im Manhattan dieser E-Halle legt er als Frühpubertärer bis zu elf Stunden in der Nacht auf. Ist das nicht Kinderarbeit? Wohl eher grenzwertige Auslebung von Hobby und Leidenschaft und lukrativer als Rasenmähen beim Nachbarn. Wer sich noch persönlich an das Elixier, das Flatline oder die Bunkerparties im Bauern-Club erinnert, hat schon zu Sebastian Seidlers Musikgeschmack getanzt. Lediglich an Platten zu drehen, reichte ihm aber irgendwann nicht mehr und so wurden eigene Clubs aufgebaut wie das Paradox im Waldkater oder das erfolgreiche Trockendock in Trotha. Dieser Erfolg wuchs nicht allein auf seinem Mist, es war die Arbeit vieler Hände im Verein.
Doch mit dem Erfolg kam die Arroganz, und als sich so ziemlich jedes Vereinsmitglied als Chef aufspielte, wurde es feucht im Trockendock. Der mittlerweile gelernte Möbeltischler machte alleine weiter, nannte sich nun DJ S'tian Donar, betrieb zwei Jahre lang eine Event- und Deko-Agentur und produziert seit fünf Jahren eigene Tracks, die er nächstes Jahr mit eigenem Label auf den Markt werfen will. Ein Projekt, das er seit längerem immer wieder verschiebt, aus Zeitmangel, auch auf Grund von Schlafstörung. Nein, nein, er schläft zwar wenig aber nicht unruhig. Schlafstörung heißt sein jüngstes Projekt. Eine Elektroparty, die seit September in der Lampenfabrik Frohe Zukunft ihr Zuhause hat und viermal jährlich die Tore öffnet. "Schlafstörung ist ein Event mit dem Anspruch, die Qualität der lokalen Parties wieder anzuheben", sagt Sebastian. Es stößt ihm auf, dass die regionalen Veranstalter die Quantität der ihm so wichtigen Qualität vorziehen. "Die Besucher unserer letzten Schlafstörung werden wissen, was ich meine." Nicht nur für die Ohren, auch fürs Auge sollten Parties seiner Meinung nach sein. Alle, die im September keine Schlafstörung hatten, haben nichts erlebt vom wertvollen Sound, von den überdimensionalen Videoanimationen, von der gewaltigen Lichtanlage und der extravaganten Dekoration, die es so in Halle noch nicht gegeben hatte - schwört der 28jährige. Eine Menge Geld wurde und wird dafür investiert. Nicht seins, das eines guten alten Freundes. Sebastian kümmert sich ums Programm, das Booking, Technik, Deko und alles weitere. Nebenher betreibt der Cola-und-Fast-Food- Junkie seine Künstleragentur, die ausschließlich DJs vermittelt, und lässt es sich nicht nehmen, regelmäßig und höchstpersönlich hinter den Turntables der Region aufzutauchen.
Die nächste Schlafstörung erwartet Euch am 29. Dezember mit Tok Tok, Hardy Hard, Fengari, mit Denard Henry aus New York und vielen anderen. "Wir werden noch mal eins drauf setzen", beschreibt Sebastian die nahe Zukunft und macht ansonsten ein großes Geheimnis daraus.


Marc Beyer und Matthias Warmholz
Ton Aus Strom

Marc Beyer und Matthias WarmholzEs muss so etwa um das Jahr 1994 gewesen sein, als Matthias "Matze" Warmholz (heute 27) begann, sich für Musik zu interessieren, eine Zeit, in der Scooter und Mark 'Oh in den Charts lungerten. Im Neustädter Technokeller begann Matzes Laufbahn als DJ Pulque, als der er regelmäßig hinter den clubeigenen Turntables eines Kellers stand, der bald zu klein wurde. Die ersten Außerhaus-Veranstaltungen in Merseburgs Wärmetauscher wurden gefeiert. Matze immer vorne mit dabei. Im Sommer 1998 krachte die allererste Ton-aus-Strom-Party in den alten Messehallen, und ganz unerwartet kamen 900 Gäste, wo doch das Line-Up lediglich aus lokalen Plattenspielern und Kellerkindern bestand. Jetzt kommt Marc Beyer (29) ins Spiel, der sich zu eben jener TAS-Premiere um die Technik kümmerte, ein Job, in dem er Matze nur flüchtig kennenlernte. Der gelernte Maurer Marc arbeitete sich vom Dorf-DJ hoch bis zum Projektleiter von Konzerten der Rolling Stones oder der Wildecker Herzbuben. Anfang 1999 aber verpflichtete man ihn als Zivi im Neustädter Club Dornrös-chen, zu dem der Technokeller gehört. Matze trifft Marc, beide erinnern sich an das jeweils andere Gesicht, und so kam Marc zum Team und blieb. Die Motivation der TAS-Premiere steckte man ein knappes Jahr später ins Capitol, um den Erfolg weiterzuleben, nur blieb der aus. Ein Jahr später zog man in die alten Messehallen zurück, wusste Känguruh-Productions als Mitveranstalter im Portmonee und feierte mit 2.500 Menschen einen kommerziellen Achtungserfolg. Ab hier spielte Geld eine wichtigere Rolle. Kaum was davon floss in die Taschen von Matze und Marc oder die der vielen anderen Mitwirkenden, deren Zahl mitunter die Hunderter-Marke überschritt. Zudem feierten sie den Ton aus Strom nun alle halben Jahre. 2001 mit Marusha und über 3.000 Tanzwütigen. Ton aus Strom Nummer 7 füllte schon zwei Messehallen. Nummer 10 feierte man im SAX Dölzig und die Events Nummer 11 und 12 in den Sandsteinhöhlen Halberstadts. Hier merkten sie, wie überregional das Projekt doch schon geworden war. Seit der 13. Ausgabe trifft sich Ton aus Strom mit HAL-ucination in der Frohen Zukunft. Das liest sich, als würden Marc und Matze nur TAS machen und ihr Geld alle halben Jahre einstreichen, dabei ist es fast als ehrenamtlich zu bezeichnen. "Das Geld stand nie im Vordergrund", sagt Matthias. "Jeder, der es nicht glaubt, ist angehalten, einmal mitzuhelfen." Es nimmt Zeit und Kraft in Anspruch, die Matze gerne in sein Jurastudium investieren würde oder in sein Musikprojekt 43gMeer, auch beim Booking greift man gern auf diesen Hans Dampf zurück. Marc ist angestellter Spezialist für interkulturelle Events und verdient sich als DJ Marc ein paar Brötchen nebenbei. Nichtsdestotrotz ist Ton aus Strom das Baby der beiden und all derer, die sich für den Erfolg der Reihe gegenseitig die Hände schütteln können. Sie kommen jedes Mal regelrecht ins schwärmen, wenn sie von TAS erzählen: "Eine Party von allen für alle" ...


Tibor Folmer
HAL-ucination, Sternstunden, Schranzkraft, Highland Games, Endlich Hardcore

Tibor FolmerSeit dem 14. Lebensjahr organisiert Tibor Folmer seine Geburtstage im großen Stil. Angefangen mit zehn Mark, die er pro eingeladener Nase einsammelte und in Getränke, Essen, Technik und DJ investierte, mauserte er sich zum Partygarant im Freundeskreis, auf dessen 19. Geburtstag etwa 150 Gäste und gegen 3 Uhr früh auch ein paar Polizisten zugegen waren. Dabei basierten alle Parties lediglich auf einem Kassettenrecorder vom Vater aus Ungarn, selbstgebastelten Kofferboxen, einem riemenbetriebenen Plattenspieler und selbstaufgenommenen NDR-Hitparaden-Tape in bester früher Schuldiskotradition. So entdeckte er sein in die Wiege gelegtes Geschäftsführertalent. Erstes Geld, welches er als Barmann im Leipziger Haus Auensee verdiente, investierte er in einen eigenen Plattenladen im Erdgeschoss des Eldorado Halle. Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, dachte sich Tibor und etablierte eine Kinderdisco im Auensee. Schichtweise übernahm er auch Nachtschichten als DJ für erwachsene Parties im gleichen Haus und mutierte so zum "Nummer-1-CD-Diskjockey". Die Easy Schorre in Halle rief - und letzten Endes war und ist es unter anderem Tibors Schulter, die wir dafür klopfen, dass der HipHop seinerzeit Einzug in die Schorre fand. Damit traf der Mann den Nerv der Zeit und füllte das Haus freitags mit bis zu 2.000 Gästen (zuvor kamen 300). . Sein Erfolg begründete sich nicht zuletzt auf seinem Fundus im eigenen Plattenladen mit den stets aktuellsten Scheiben. Mit HAL-ucination und der Zusammenarbeit mit den Ton-aus-Strom-Menschen betrat Tibor im November 1999 ein neues Level, das nach zehn erfolgreichen Events und einem spektakulären Comeback in den Fabrikgebäuden der Frohen Zukunft auf dem Höhepunkt endete. Man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am besten ist.
Neue Party-Konzepte wie Sternstunden und Schranzkraft wurden erfolgreich umgesetzt. Zwischendurch blieb nicht mehr viel Zeit, um Platten zu verkaufen, Zeit, die benötigt wurde, um Plakate zu kleben. Aus Not wurde Tugend, aus Plattenladen wurde Plakatpromotion. Wir erinnern uns an den Sommer 2006, als die Veranstalter der Highland Games jeden freien Werbeplatz mit baumstammwerfenden Schotten füllten. Die ganze Stadt war damit zugepflastert und Tibor und sein Trupp waren die Pflasterer. Seitdem ist Tibor auch der Marketingstratege der Hochland-Spiele. Nächstes Jahr gibt es aber erst mal wieder eine neue, tanzbare Event-Reihe unter dem Namen Endlich Hardcore. Die Endstation des Techno will damit erreicht werden, denn der "Krach", der mit der Thunderdome-Serie vor einigen Jahren explodierte, kommt angeblich als Trend zurück.
 
Wort und Bild: Thomas Leibe