| Thomas Schmidt und Steffen Barnikol |
"Wir
brauchen ein neues Stadion"
Es regnet draußen vor sich hin. Welch Glück, dass ich drinnen bin! Die
Straßen sind überschwemmt, nur ein paar einzelne Schirme huschen durch die kalte
Suppe. Plötzlich ein Anruf aus der Redaktion: "Hallo Niklas, vergiss nicht, du
hast in einer Stunde einen Interviewtermin im café togo mit den Jungs von infern!"
Erster Gedanke: Scheiße, ich werde nass! Zweiter Gedanke: infern, café togo. Das
wird Spaß!
So schlendere ich los, im Erfurter Regen, ohne Schirm. Der Weg ist nicht allzu
weit, Neuwerkstraße um die Ecke. Nass bin ich allemal. Gut ist, Thomas Schmidt
und Steffen Barnikol sind schon da. Wir sitzen am Fenster - der Regen
plätschert, die Scheiben sind beschlagen - trinken Kaffee und plappern los.
Steffen Barnikol (35) und Thomas Schmidt (36), die beiden Köpfe des Projektes
Arbeit und Leben, Kommunikation und Sein, sitzen vor mir und ich frage und frage
und trockne.
Im Juli 2004 hat alles begonnen, mit ihrem Architekturbüro im Auktionskomplex
des ehemaligen Weinreiterhauses in der Neuwerkstraße. Die Architekten, beide
Südthüringer, Thomas Schmidt aus Suhl, Steffen Barnikol aus Sonneberg, haben
sich gefunden, gefunden nach Umständen der Eigenart, eigenartig wie sie selbst
sind.
"Eigentlich wollte ich Model werden, mit drei, als Zehnjähriger dann
Generaldirektor bei Carl Zeiss. Ich bin ein Plattenbaukind, habe in meinem
Zimmer immer Büro gespielt und viel genäht." Aber es kam alles anders. "Nach
meinem Fachabitur las ich eine Liste mit möglichen Berufen. Ganz oben auf dem
Register bei A stand Architektur. Da habe ich Architektur studiert", so Thomas
Schmidt.

Steffen Barnikol hingegen studierte nach dem Abi Betriebswirtschaftslehre und
schloss dies gar ab. "Ich wollte nie einen Anzug tragen. Also war das alles
eigentlich nichts für mich. So bin ich nach zweieinhalb Jahren Job in Weimar zur
Architektur gekommen, studierte, schloss ab."
In genau dieser Zeit, der Zeit des Studiums der Architektur, lernten sich zwei
Typen kennen, unterschiedlich wie sie unterschiedlicher nicht sein können - auch
rein äußerlich - und haben zusammengefunden, da sich Antagonismen bekanntlich
anziehen, haben den ersten Architektenwettbewerb zusammen gestrickt und gemerkt:
Das passt. Das Architekturbüro infern war getauft.
Noch im gleichen Jahr, im November 2004, wurden die Nebenräumlichkeiten des
Weinreiterhauses in ein Gesamtkonzept - das café togo - involviert, weg vom
Autismus des sterilen Büroarbeitens hin zur Existenz der Verständigung, alles in
allem: Ort der Kommunikation zwischen Arbeit und Leben.
"Wir sind an vielen Sachen interessiert. Ein Anliegen davon ist natürlich die
Architektur, aber weg vom Klischee des schwarzen Rollis und vom 'Schönen Tun'",
so Thomas Schmidt.
Dazu Steffen Barnikol: "Wir haben viele Träume, die ineinander wirken sollen.
Die Architektur ist die eine Sache, das café togo an sich eine weitere. Ich
würde auch gern mal mit einem LKW in den Sommerferien quer durchs Land fahren.
Habe aber weder einen LKW noch Ferien. Vielleicht arbeite ich irgendwann auch
mal für UPS. Die tragen tolle Klamotten und die Tür des Transporters ist immer
offen - stets frische Luft."
Thomas Schmidt fügt hinzu: "Tellerwäscher in New York ist auch schon immer ein
Traum von mir. Ohne Millionär zu werden." Das versteht sich!
Aber abseits ihrer kleinen Spöttereien träumen die beiden Zugezogenen nachts
stets ihren infiniten Traum: RWE! Rot-Weiß Erfurt, man mag's kaum glauben, ist
die heimliche Liebe der Infernos. Wie kam es bloß dazu?
Steffen Barnikol: "Ich war schon immer vom Fußball begeistert. Habe zwölf Jahre
lang als Verteidiger in Sonneberg gespielt." In der Bezirksliga also. Und Thomas
Schmidt? Der hat eine Klasse höher gespielt, aber dafür nicht so lang: "Ja, Post
Suhl, drei Monate. Ich wollte immer Stürmer sein, durfte aber nicht. Da bin ich
gegangen. Motor Suhl war zu Oberliga-Zeiten mein Verein. Seit 1999 ist es RWE".
Fast ein Quantensprung!
"Es sind die Rituale, die die Faszination ausmachen. Treffpunkt 13 Uhr, Anger,
Bier, Quatschen über das letzte Spiel und über das bevorstehende, dann Spiel und
Bier. Und das immer, zu jeder Jahreszeit, vor und nach guten und schlechten
Spielen", so Thomas Schmidt.
Das ist wohl Treue! Aber Rot-Weiß habe diese Treue auch verdient, mittlerweile
wohl mehr als jemals zuvor. Denn es werde gute Arbeit geleistet. Aber es fehlt
an Einem, am Wichtigsten, am Nonplusultra, an der Weiterentwicklung und dem
Fortbestand des Erfolges: Stadionneubau! Da sind sich die Architekten einig,
stimmen mit all denen überein, die am Erfurter Fußball hängen und sich seit
Jahren Hirn und Gemüter zerbrechen.
"Wir brauchen ein neues Stadion", so Steffen Barnikol, "das Steigerwaldstadion
ist für Leichtathletik konzipiert. Du stehst weit weg. Die Atmosphäre siedet."
Da muss bald eine Lösung her, eine Lösung, um die sich viele Menschen rund um
den Erfurter Fußball seit Jahren bemühen, Lösungen, die in Leipzig, Dresden und
gar Magdeburg unlängst gefunden wurden. Es ist ein Hinkefuß, dem zwei kreative
Köpfe zum Gehen verhelfen wollen und könnten. In der Ruhelosigkeit ihres
Enthusiasmus, vor Ort, inmitten der Landeshauptstadt, in Erfurt, in der
Neuwerkstraße, bei infern …
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| Wort und Bild: Niklas Hoffa |
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