| Halbinsel Krim |
Palmen
und ukrainischer Pop
"Taram, taram … taram, taram …" 1.100 Kilometer misst die Eisenbahnstrecke
von Kiew bis auf die Krim. Das Blechschild "VEB Waggonbau Ammendorf 1967" an der
Tür verrät die Herkunft meines Wagens, dessen quietschende Drehgelenke jeden
Schienenstoß weiterreichen. Plötzlich bricht ein Piepton in die Geräuschkulisse.
Ludmilla, Musiklehrerin aus der ukrainischen Hauptstadt und derzeit mit mir im
Abteil, strahlt mir ins Gesicht: "Der Bus nach Kerch fährt morgens um zehn ab
Dschankoj!" Ohne dass ich es ahnte, hatte sie ihre Freundin zum Bahnhof
geschickt. Die SMS durch die ukrainische Nacht ersparte mir den Umweg über
Simferopol und damit zwei Stunden Fahrzeit.
Endlos schiebt sich der graublaue Schlafwagenzug durch die Weite der
ukrainischen Nacht. Nie im Leben hatte ich bisher etwas von Dschankoj gehört.
Mitten im Nirgendwo,
sagt mir mein Gefühl, kommt der Zug am Morgen zum Stehen. "Pünktlich wie die
Eisenbahnen in Deutschland", strahlt mich Ludmilla an. Ich lächle müde. Die
erste Bahnstation jenseits des schmalen Landstreifens Perekop, der das
ukrainische Festland mit der
vorgelagerten Halbinsel Krim verbindet, bildet
einen Verkehrsknoten. Kleine Mädchen mit Zöpfen und großen Schleifen stolpern
aufgeregt über den brüchigen Asphalt des Bahnsteigs. Matkas mit zerfurchten
Gesichtern bieten aus Zellophantüten Piroggen, Plinsen und neuerdings auch
Pizzen feil. Andere preisen dem Fahrgast ihre Kvartiruj für die Übernachtung an.
Vor dem verfallenen Bahnhofsgebäude erwarten die allgegenwärtigen Marschrutkis
und die klapprigen Überlandbusse den ausgestiegenen Fahrgast zur Weiterfahrt.
Durch fliegende Händler und Taxianbieter bahnt mir Ludmilla einen Weg zu einem
Ikarus aus den Siebzigern: Eben schreibt der Fahrer auf die Schiefertafel in der
Frontscheibe mein Reiseziel Kerch, die uralte Hafenstadt auf der Krim. Seit der
Selbstständigkeit der Ukraine rückt auch die ukrainische Sprache auf der stark
russisch geprägten Halbinsel vor. Nur noch selten sind lateinische
Schriftzeichen auszumachen, die in Sowjetzeiten für den Touristen gedacht waren.
Unversehrt überdauerte hingegen das Lenin-Denkmal auf der Promenade des
Künstler-Seebades Feodosija. Auch ohne Kyrillischkenntnisse ist der Name des
weiten Dorfes Lenino in der ukrainischen und russischen Fassung zu deuten.
In Kerch erwarten mich Rustem, ein Krimtatar mit südländischem Einschlag, und
seine blonde, ukrainische Freundin Olga. Der Busbahnhof geht nahtlos in den
orientalischen Markt über. Die monumentale Tafel "Kerch 2600" über dem Gewimmel
meint indes keine Agenda für die nächsten Jahrhunderte: Nahebei führt eine
Prachttreppe mit 450 Stufen auf den historischen Mitridat-Hügel. Dort oben
erinnert eine Ruinenstätte an Pantikapej. Die Stadt wurde im 6. Jahrhundert vor
Christi Geburt von griechischen Kolonisten errichtet. Die antiken Zeugnisse der
mächtigen Akropolis sind kaum gesichert. Der Legende nach liegen hier
Goldschätze vergraben. Frische Spuren verweisen auf nächtliche Raubzüge. Durch
die Säulen und Mauerreste eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf das
Schwarze und das Asowsche Meer. Bei gutem Wetter ist das gegenüberliegende
Festland auszumachen.
Auf der Leninstraße zu Füßen des Mitridat promeniert die Jugend zu später
Stunde. Aktuell angesagte Locations sind der Club "Flibuster", die Bar
"Prestige" sowie die Disko "Kleopatra". Letzter Schrei der Mädels sind
hochhackige weiße Lackstiefel mit langgezogener Spitze, so wie sie hierzulande
eher die Damen des horizontalen Gewerbes tragen. "Auf die Gesundheit, den Rest
kaufen wir uns", prostet mir ein 25jähriger Business-Man zu. Er vertickt
Fernseher und Waschmaschinen zu abenteuerlichen Preisen. Den ganz großen Reibach
aber machen die Banken, die für Kredite jährlich 25 Prozent Zinsen und dazu noch
25 Prozent Provision kassieren. Wie meinte doch schon Brecht: "Was ist ein
Banküberfall gegen die Gründung einer Bank?!"
In eilig errichteten Neubauten der Kercher Innenstadt mit
Plaste-und-Elaste-Zuckerbäckerfassaden wohnen die Neureichen. Werbetafeln
rühmen: "Deutsche Qualität - sowjetische Preise". Rustem hingegen wohnt in einem
typisch russischen Häuschen am Stadtrand, die Fassade taubengrau getüncht mit
folkloristischem Schmuck. Der junge Seemann schwärmt von der Sanierung mit
dicken Schaumstoffplatten, wie er es in Deutschland gesehen hat. Seine Mutter
wehrt sich dagegen, sie will die Seele des Gebäudes bewahren.
Die Gastfreundschaft in einer Familie zu erleben, bringt tiefere Einblicke in
die Kultur und Küche eines Landes als jede Studienreise. Plötzlich schlagen die
beiden Hunde vor und hinter dem Haus an. Hupend steht Igor mit seinem knallroten
Moskwitsch 68er Baujahr vor dem Tor. Angeln - Rybalka - steht heute auf dem
Programm. Schon die normalen Landstraßen stellen für Limousinen westlicher
Herkunft eine Herausforderung dar.
Der
rustikale russische PKW trägt uns hingegen anstandslos über abenteuerliche
Feldwege bis zu einem kleinen See. Während ich meinen ersten kleinen Fisch aus
dem Wasser ziehe, läuft Rustem mit der Säge los und holt totes Holz von den
umliegenden Bäumen. Olga widmet sich dem mitgebrachten Grill, eigentlich doch
nur ein Gitter, was auf zur Glut gebrachten Holzscheiten ruht. Alsbald
verbreiten Hähnchenschenkel, Tomaten, Kartoffeln und Brot einen würzigen Geruch
und rufen zur Mahlzeit.
Während in Kerch die Uhren stehengeblieben scheinen, tobt im berühmten Seebad
Jalta bereits der russische und ukrainische Geldadel. Die palmenbestandene
Promenade wurde 2005 edel in Marmor saniert. Nur der graue Kiesstrand ist
gewöhnungsbedürftig. Längst hielt McDonalds zwischen dem Hotel Bristol und dem
Casino Einzug. Sonst aber blieb Jalta von den Segnungen der Globalisierung noch
weitgehend verschont. Wer ein Filialen- und Marken-Einerlei wie in Nizza, Hong-Kong
oder Miami erwartet, wird hier angenehm enttäuscht. Noch herrscht eine
überraschende Vielfalt und regionale Prägung der Läden und Restaurants vor. Die
Preise aber können durchaus mitteleuropäisches Niveau erreichen. Der
obligatorische Tee kostet im alteingesessenen Kaffeehaus Ljuks umgerechnet 20
Cent, ein paar Schritte weiter im trendigen Bistro Teatralnuj bereits gut das
Zehnfache.
Aus den gestylten Bars tönen westliche Rhythmen und ukrainischer Pop und mischen
sich im Meeresrauschen mit den elegischen Melodien eines einheimischen
Gitarrenspielers. Ein paar Straßen weiter kann der neugierige Tourist in
russische Hochkultur eintauchen - 1898 hatte sich Anton Tschechow in Jalta
niedergelassen. Auch Puschkin oder Tolstoi gehörten zu den berühmten Besuchern
der "russischen Riviera". In seiner Weißen Datscha schrieb Tschechow
Theaterstücke wie "Der Kirschgarten" oder "Drei Schwestern", empfing Gorki und
andere berühmte Besucher. Die älteren Damen im Museum sind reizend bemüht um
jeden, der ihre Begeisterung für den russischen Meister teilt.
Weltweit machte Jalta während des Zweiten Weltkrieges Furore: Im Februar 1945
beschlossen hier Roosevelt, Churchill und Stalin die Neuaufteilung der Welt. Die
sowjetischen Truppen hatten die Wehrmacht gerade erst unter schwersten Verlusten
von der Krim, Hitlers "Gotenland", vertrieben. Heute gehören die prachtvollen
Paläste Voroncov und Livadija, in denen einst Roosevelt und Churchill
residierten, zum touristischen Pflichtprogramm. Umgeben von üppigen Parks und
ausgestattet mit einem fantastischen Blick auf das Schwarze Meer, liegt der
Vergleich mit der Riviera auf der Hand.
Unweit von Livadija führt eine Seilbahn österreichischer Herkunft mit der
längsten Spannweite Europas zum Felsplateau des Aj-Petri. Das Gebirgsmassiv im
Hinterland von Jalta hält einerseits die kühlen nordischen Winde fern, bietet
andererseits von seinen 1.500 Meter hohen Gipfeln dramatische Ausblicke. An den
Südhängen reift der Wein, der um Massandra zu dem berühmten Krimsekt verarbeitet
wird. Neben der Bergstation bereiten Krimtataren auf dem Grill Schaschlik vom
Hammel für die übliche zweistündige Rast auf Aj-Petri zu.
Die Zahl ausländischer Besucher in Jalta ist gegenüber Sowjetzeiten auf ein
Zehntel gesunken. Dabei ist die touristische Infrastruktur mittlerweile gut und
das Preis-Leistungs-Verhältnis ist es auch. Die meisten internationalen Urlauber
kommen weiterhin im Sommer. Doch in jüngster Zeit bringen Flieger im Winter
türkische Männer auf die Krim. "Sex", murmelt der Taxifahrer und rollt mit den
Augen …
www.tour.crimea.com (deutsch)
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| Wort und Bild: Uwe Schieferdecker |
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