Florida

FloridaNonstop ins Paradies

"Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wir uns in Ostflorida über die erste interkontinentale Flugver-bindung freuen", schwärmt Diana M. Flett, Marketing-Managerin des Melbourne International Airports. Ab November wird LTU wöchentlich nonstop von der Cape Coast nach Berlin-Tegel starten. Bisher verfügte der kleine Flughafen der kurzen Wege lediglich über eine internationale Verbindung auf die Bahamas. "Wir werden alles dafür tun, dass Immigration und Customs zügig und unproblematisch vonstatten gehen", setzt Diana hinzu. Wer die katastrophalen Zustände von Miami International kennt, wird diese Ankündigung zu schätzen wissen.


Die Space Coast in Zentralflorida ist von deutschen Touristen weitgehend unentdeckt. Immerhin kennt jeder den Weltraumhafen der NASA in Cape Canaveral, der dem Landstrich um Melbourne zu weltweiter Aufmerksamkeit verhalf. Unweit der Landebahn für das Space Shuttle bietet das Informationszentrum des Kennedy Space Centers aufregende Einblicke in den Raumfahrtbetrieb. Die Besucherrundfahrt geht tief in die Sperrgebiete hinein zu den Startrampen für Raketen und Shuttle. Am 20. Juli 1969 starteten von hier aus Neil A. Armstrong und Edwin E. Aldrin, um Tage später als erste Menschen ihren Fuß auf den Mond zu setzen. Verblüffend ist die Einbettung des Raumfahrtgeländes in ein 56.700 Hektar großes Naturschutzgebiet mit vielen Wasserflächen, Vögeln und Alligatoren.
FloridaMit der Shuttle Launch Experience wurde das Space Center eben um eine Attraktion reicher: Zunächst muss ich meinen Rucksack und sogar den Inhalt meiner Hosentaschen in einen Garderobenschrank packen. Dann besteige ich ein Space Shuttle, genauer einen originalgetreuen Nachbau des legendären Raumgleiters. Nach dem Anschnallen wird der Start der Triebwerke hörbar. Auf in die Fenster eingelassenen Bildschirmen wird dem Auge das Abheben des Raumschiffs suggeriert. Die Geräuschkulisse wie der Ausblick, das Rütteln und eine starke Neigung der Kabine machen den Flug und die Landung verblüffend authentisch.
Im angeschlossenen Erfahrungs-Camp können kleine und große Kinder Astronaut spielen: Nach dem Training der Schwerelosigkeit und einem Spaziergang auf den Mond setze ich mich in das Cockpit eines Space Shuttles. Über den Kopfhörer erteilt mir der Commander Anweisungen für die bevorstehende Landung des Raumschiffs auf der Landebahn von Cape Caneveral. Ob nun Ungeschicklichkeit oder mangelnde Englischkenntnisse, im Eifer des Gefechts ziehe ich den Steuerknüppel Floridascharf an und versenke folgerichtig die Raumfähre in den Atlantik. "Shit", seufzt der Commander in mein Ohr.
Träge bewegt sich der Indian River ein paar Meilen nördlich des Kennedy Space Centers auf den Atlantik zu. Waschbären, fliegende Fische und eine ungewöhnliche Vielzahl von Vogelarten machen sich bei Sonnenuntergang bemerkbar. Laura Lee erklärt mir den Gebrauch des Ruders, bevor wir mit dem Kajak in die Sümpfe stechen. Alligatoren? Nein, die gäbe es hier nicht, versucht mich die quirlige Mittsechzigerin zu beruhigen. Was ihr nicht gelingt. Noch am Vormittag hatte mir der Führer im Kennedy Space Center den FloridaÜbergang zwischen Binnengewässern und Ozean als deren idealen Lebensraum angepriesen. Mittlerweile ist das letzte Licht des Tages verloschen, da wird in den nächtlichen Mangroven ein Naturwunder offenbar: Mikroorganismen sondern im Stressfall eine chemische Substanz ab, die im Wasser fluoresziert. Jeder Zug meines Paddels hinterlässt im pechschwarzen Indian River einen hellen Schweif.
Seit der Ära der Hippies in den Sechzigern ist Surfen rund um Melbourne angesagt. Morgens gegen sieben stehen die Guys am Pier von Cocoa Beach und gleiten der aufgehenden Sonne entgegen. Am Lande sieht alles so einfach aus: In den Räumen von Surf & Ski Water Sports erklärt Jeff, wie ich mich im Meer aus der Horizontalen auf das Surfbrett stellen soll. "It's your wave!" Wie eine Robbe peitsche ich das Floridawarme Ozeanwasser, um das Brett vor der nahenden Welle zu beschleunigen. "Stand up", ruft mir der junge Student hinterher. Mechanisch folge ich ihm.
Man kann ja von der amerikanischen Mentalität halten, was man will. Bei meinen ersten Surfversuchen mache ich bestimmt eine lächerliche Figur. Und doch strahlt Jeff mich vor dem nächsten Versuch an und schreit: "Wunderbar, nur den rechten Fuß etwas weiter nach außen!" Das hört sich im Moment besser als alle pädagogischen Ermahnungen an. Und siehe da: Beim vierten Versuch komme ich doch tatsächlich zum Stehen. Ganze zwei Sekunden nur, aber immerhin - ich bin auf der Welle geritten! Eineinhalb Stunden Surfkurs sind schnell vorüber, dann schmerzen meine Rippen. Surfen ist wohl mitnichten so easy, wie es auf den Werbefotos wirkt …
Sascha Schwarz wohnt seit zwei Jahren in Florida. Nach dem erfolgreichen Abschluss einer Flugschule gewann der gebürtige Stuttgarter in der Green-Card-Lotterie eine Arbeitserlaubnis für die USA. "Fasten your seat belts", ruft uns der 30jährige an Bord der achtsitzigen King Air 100 zu, bevor wir zum Start nach Freeport rollen. Zum Abendessen auf die Bahamas - das ist wohl der Gipfel der Dekadenz. Der Florida vorgelagerte Archipel der Bahamas ist für die Amerikaner vor allem ein elitäres Hochzeitseldorado. Nur eine Flugstunde von Melbourne locken die 700 Eilande mit kilometerlangen Stränden zum Schnorcheln oder in die Casinos.
Die Inselgruppe untersteht trotz ihrer Unabhängigkeit weiterhin ihrer Majestät, der Queen, was auf den ersten Blick durch den Linksverkehr deutlich wird. Das Steuerparadies mutierte in den vergangenen Jahrzehnten zum Wohnsitz einkommensstarker Amerikaner. Sascha hingegen schwärmt von den einsamen Buchten und bunten Korallenriffen, den kolonialen Bauten und alten Märkten. Strahlende Sonne, türkisfarbenes Meer und tiefblauer Himmel machen die Bahamas von Januar bis Dezember zum Touristeneldorado.
FloridaZurück in Florida, habe ich mich mit Johnny verabredet. Der 62jährige mit Rauschebart und poppigem T-Shirt kam vor 30 Jahren in den Sunshine-State. Breit grinsend wirft er sein Airboat an. Der ohrenbetäubende Lärm von 450 Pferdestärken bricht in die paradiesische Stille. Es sei doch sein Fluss, der Johnny River, bemerkt er mit einem Augenzwinkern. Die Old Faishoned Airboat Rides bringen den Touristen zu den Alligatoren - "Guys, das sind keine Krokodile!"
John deutet in der Ferne auf einen dunklen Fleck im Fluss und unterbricht die Zündung. Geräuschlos gleiten wir zum Fotoshooting auf einen Alligator zu. Der liegt träge am Ufer und fletscht wie gähnend sein Maul. Die Auslöser unserer Digitalkameras schnappen, dann verschwindet das Reptil in die Tiefe des Johnny Rivers. Als wir offenbar genügend Exemplare abgelichtet haben, erwacht im Bootsführer der Jagdinstinkt. Ungebremst hält er sein Airboat auf die Alligatoren zu. Doch die kennen ihn wohl und tauchen rechtzeitig ab. Ob es hier Schutzzonen für die Tiere gibt? Verständnislos quittiert John meine Frage: "Alligatoren hat Florida im Überfluss!" Im Gegensatz zum mir aber tragen sie keine Ohrschützer …
Ostflorida lockt mit preiswerten Motels ab 25 US-Dollars. Am Atlantik selbst werden jedoch mindestens 75 Dollar fällig. Ein großes Plus ist die Sicherheit: Der Sheriff von Palm Bay erhielt zum dritten Mal einen Orden für die niedrigste Kriminalität in den USA. Hinzu kommt die Gastfreundschaft: Theresa Distefano, Managerin eines Seefood-Restaurants auf der Pier von Cocoa Beach, befragt mich nach den Vorlieben und Eigenheiten der Deutschen. Das erste halbe Jahr nach dem Start von LTU will die Tourismuszentrale um Kalina Subido-Person jede Ankunft von Berlin mit einem Empfangskomitee begrüßen. Neben einem Willkommensgeschenk werden die Urlauber an die Hand genommen und bei der Suche an ihrem Hotel oder Sehenswürdigkeiten der Region unterstützt.
Der LTU-Flug von Tegel nach Florida wird von dem jungen Rostocker Veranstalter M-Touristik gechartert. Flug und Aufenthalt werden ab 999 Euro angeboten und machen einen Urlaub im Sonnenscheinstaat erschwinglich. Im Programm sind neben dem Transfer und sieben Übernachtungen mit Frühstück auch ein Besuch des Kennedy Space Centers enthalten. Weitere Angebote, darunter auch ein Abstecher auf die Bahamas, können zugebucht werden. Und eine Warnung zum Schluss: Bei einem Dollarkurs um die 1,40 gerät der Einkäufer in Florida schnell in einen Rausch.
www.m-touristik.de
www.space-coast.com
 
Wort: U. Schieferdecker/Bild: U.S., F. Grebe