| Michael Nyman |
"Ich
wollte mit der Dresdner Philharmonie arbeiten"
Zwei Künstler, ein Filmemacher und ein Komponist, fanden ihren Stil aus
dem Geist der Auflehnung. Dziga Vertov opponierte gegen die bürgerliche Kunst zu
Zeiten der Oktoberrevolution und avancierte zum bedeutendsten Regisseur und
Filmtheoretiker seiner Zeit. Michael Nyman verstummte als Komponist in den 60er
Jahren zunächst - angesichts der Orthodoxie der Neuen Musik und zog es vor, als
Musikwissenschaftler und Kritiker tätig zu sein, entwickelte dann aber seinen
Stil, der auf Melodik, prägnanter Rhythmik und akkuratem Ensemblespiel basiert.
Karen Kopp sprach mit dem Komponisten.
BLITZ!: Sie haben sich der "orthodoxen" Ästhetik der mitteleuropäischen
Avantgarde in den 60er Jahren nicht angeschlossen. Was war der Grund dafür?
Welche Ziele und ästhetischen Positionen verfolgen Sie als Komponist?
M.N.: Ich habe die Musik jener Zeit - ich stand Stockhausen, Birtwistle, Maxwell
Davies und Alexander Goehr in den späten 60er Jahren sehr nahe - als Hörer und
Kritiker erlebt und halte ihr Konzept und ihre Kompositionsverfahren auch nach
wie vor für interessant. Klanglich hat sich diese Musik meiner Meinung nach aber
von den Hörern entfernt und wirkte auf mich zunehmend ermüdend. Als ich dann
1976 wieder zu komponieren begann, entdeckte ich, dass der Minimalismus mir die
Möglichkeit gab, einerseits den von mir bevorzugten Rahmen der traditionellen
Harmonik nicht zu verlassen und gleichzeitig Strukturen zu finden, die absolut
zeitgenössisch waren und nichts mit einer wie auch immer gearteten Nostalgie zu
tun hatten - ausgenommen dort, wo dies sinnvoll war.
BLITZ!: Welche Rolle spielt das Komponieren von Filmmusik in Ihrem
Gesamtschaffen?
M.N.: Es hat zweifellos eine sehr große Rolle für meine Kreativität gespielt und
ist auch heute noch entscheidend dafür, wie das Publikum mich als Komponisten
wahrnimmt. Aber es ist eben nur ein Teil meiner Identität als Komponist. Jene
Musik, die ich nicht für den Film geschrieben habe und von der vieles auf meinem
eigenen CD-Label MN Records veröffentlicht wurde, sagt - glaube ich - viel mehr
über mich aus.
BLITZ!: Was reizt Sie denn an Filmmusik?
M.N.: Der Film fasziniert mich als Komponist, da ich hier mit Künstlern zu tun
habe, die mit dem Ablauf von Zeit, mit Bildern, Erzählformen und Klang arbeiten.
Musik, die eher auf eine Leinwand "projiziert" als live gespielt wird sowie die sozio-kulturellen Zusammenhänge, die der Film thematisiert, sind für mich viel
interessanter als die Oper. Der Film stellt geringere und gleichzeitig höhere
Ansprüche an einen Komponisten, da die Vorlieben des Regisseurs und manchmal des
Produzenten eine bestimmte Musik "bedingen" - um es einmal ganz vorsichtig
auszudrücken.
BLITZ!: Macht es einen Unterschied, ob man für einen Film wie "Das Piano" oder
einen Dokumentarfilm komponiert?
M.N.: Beim "Piano" musste ich das soziale und psychologische Profil der
Hauptfigur herausarbeiten, bevor ich überhaupt eine einzige Note schrieb.
Dergleichen ist bei einem Dokumentarfilm normalerweise nicht der Fall.
BLITZ!: Wie haben Sie den "Mann mit der Filmkamera" für sich entdeckt und was
interessierte Sie daran?
M.N.: Ich hatte eine Partitur für ein japanisches Videospiel geschrieben, "Enemy
Zero", und dachte ein paar Jahre später, dass sie sich auch für den "Mann mit
der Filmkamera" eignen würde - einen Film, über den ich damals viel gelesen, den
ich aber noch nicht gesehen hatte. Der Soundtrack des Videospiels wurde dann
überarbeitet, um zu Vertovs Film zu passen. Es war also eher eine Art neuer Film
als eine neue Musik.
BLITZ!: Was hat Sie bewogen, aus dieser Partitur für Ihre Band nun eine Version
für großes Orchester zu schreiben?
M.N.: Der Grund war ganz klar: Ich wollte mit der Dresdner Philharmonie arbeiten
und diesen bemerkenswerten Film einem größeren Publikum vorstellen - einem
Musikpublikum zumal! -, als ich es mit der Michael Nyman Band erreiche.
BLITZ!: Was sind Ihre nächsten Projekte?
M.N.: Ich habe soeben einen Liederzyklus auf erotische Texte von Pietro Aretino
(1492-1556) vollendet sowie Lieder auf Texte von Charlotte Salomon und ein Stück
für die Michael Nyman Band aus Anlass des Great North Runs, eines in England
berühmten Marathon-Festivals, und plane im Moment weitere Opernprojekte - neben
vielen anderen Dingen …
Termin:
20.10., 19.30 Uhr, Kulturpalast
Michael Nymans "Der Mann mit der Filmkamera" (Uraufführung der Orchesterfassung)
und Sergej Prokofjews Suite "Leutnant Kijé"
Dresdner Philharmonie
Brad Lubman, Dirigent
Tickets:
Ticketcentrale im Kulturpalast am Altmarkt
Telefon: (0351) 4 866 866
ticket@dresdnerphilharmonie.de
Schüler und Studenten: 9 Euro (bereits im Vorverkauf)
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| Bild: Dresdner Philharmonie |
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