Dr. Winters Kolumne

Liebe Freunde,
wenn ich an so manchem melancholischen Herbstabend leicht fröstelnd durch den Stadtpark spaziere und mich die Blinden im Vorübergehen grüßen, geht mir so einiges Erwägenswertes durch den Kopf, steigt sozusagen das nach oben, was die gesamte Woche als nebensächlich, unbedeutend, nicht wichtig verdrängt wurde. Wieso fragt es dann häufig in mir, wieso eigentlich funktioniert unser Gemeinwesen auf eine nahezu problemlose Weise, wieso läuft unser Leben Tag für Tag in mehr oder weniger geordneten Bahnen, wieso kann man mit Fug und Recht von bestenfalls verschwindenden, geringfügigen Störungen sprechen, wo es doch allen Anlass gibt, das Gegenteil zu erwarten, wo es doch alles andere als selbstverständlich anmutet, dass kein Chaos herrscht, kein heilloses Durcheinander angesichts der unüberschaubaren Menge an Unwägbarkeiten und Risikofaktoren. Hierbei geht es mir weniger um technische Mängel, als vielmehr um das in jeder Stadt beheimatete gefährliche Potenzial an Sonderlingen und Spinnern. Überdies: Kann sich überhaupt irgendein Bürger unserer Stadt mit einer völlig makellosen geistigen Gesundheit brüsten? Sind sie nicht überall zu entdecken, die schrulligen Erfinder, die wie am Fließband völlig sinnlose Apparate konstruieren, hauptsächlich wohl vollautomatische Eierschalenentferner, Schnürsenkelschleifenbinder und sich auf Knopfdruck ausrollende Gartenschlauchsprenkelvorrichtungen, aber auch diverse spatenähnliche Erdaushubmechaniken beziehungsweise hochsensible, in einem Holzkarren leicht zu transportierende Gedankenleseapparate. Tag und Nacht grübeln sie in ihren Kellern und Hobbyräumen, suchen nach der ultimativen, unserenDr. Winters Kolumne Alltag sensationell revolutionierenden Maschine, nie gehen ihnen die Ideen aus, immerzu stehen sie, ihren baldigen internationalen Durchbruch als Genie erwartend, unter allerhöchster kreativer Spannung. Oder denken wir an die Hypochonder, die, soviel ich weiß, zu 80 Prozent aus Symptomen und zu 20 Prozent aus Wasser bestehen, und deren größtes Unglück es ist, von keinerlei Unbehagen geplagt zu werden. Wie oft wurde mir auf meine vorsorgliche Frage nach dem Wohlbefinden eines solchen Menschen, "Geht es dir heute etwas besser?", die vollkommene physische Zufriedenheit widerspiegelnde Antwort "Glücklicherweise nicht!" gegeben, wodurch ich jedes Mal innerlich gelöst, beinahe frohgemut meines Weges ziehen konnte.
Schulen sind seit jeher eine Art Auffangstation für spleenige, mit einer leichten Macke geschlagene Mitbürger gewesen, die wenigsten Pädagogen können für sich in Anspruch nehmen, im Besitz einer absoluten geistigen Klarheit zu sein. Zwei Beispiele sollen dies auf anschauliche Weise illustrieren: Da wäre zum einen jener Sportlehrer zu nennen, der sich aufgrund seines niederschmetternd schlechten Gedächtnisses nicht den Namen eines einzigen Schülers merken konnte und diese deshalb mit den auf ihrer Sportkleidung aufgedruckten Firmennamen anredete. "Springe höher, Adidas!" oder "Höre auf zu zappeln, Buffalo!" oder "Nun ist es aber genug, Puma!" Der andere, mit einem leichten Sprachfehler geschlagene Lehrer hieß Schulz hieß, sprach seinen Namen aber wie "Schulbz" aus. Und wenn man "Herr Schulbz" zu ihm sagte, antwortete er kategorisch: "Ich heiße nicht Schulbz, ich heiße Schulbz!"
Die Frau von gegenüber, die ausschließlich im Regen Wäsche aufhängt, die andere, die ihren viel zu schweren Hund durch die Stadt trägt, der Mann, der sobald sich etwas in seiner Nähe bewegt, seinen Hut lüftet, jemand, der im Unterhemd am offenen Fenster auf seiner Posaune übt, sie alle beherbergen das Chaos, die Anarchie und trotzdem funktioniert unsere Welt auf eine erstaunlich unspektakuläre, normale Art und Weise. Das ist wunderbar, großartig, faszinierend, aber wieso sie das tut, kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Und Ihr? Mit dieser aus lediglich zwei Worten bestehenden Frage verabschiede ich mich für heute und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Düsentrieb Pfeiffer Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC