Krissi trifft Anne

AnneZwei Bohnen in der Bar

Ich hasse Unpünktlichkeit! Wirklich. So sitze ich also an diesem nicht mehr ganz so warmen Montagabend Ende August auf der Fensterbank vorm Sushi-Laden in Erfurt und warte. 15 Minuten.


Während ich meinen Weißwein im Glas schwenke, leicht genervt meine Zigarette durchziehe und jedem vorbeifahrenden Auto erst euphorisch entgegenblicke, um dann wieder den "Dannhaltdochnicht"-Blick Richtung Glas zu senken, gehe ich im Kopf noch einmal meinen Fragenkatalog für das bevorstehende Interview durch. Genau in dem Moment cruist ein schwarzer Mini-Cooper mit unüberhörbarem Sound an mir vorbei, ein kurzer Blick aufs Kennzeichen "WE-IB …"! Weib! Ja nee, is' klar, dass muss sie sein! Und tatsächlich das Weib ist Anne!
"Na, zu überhören bist du auf jeden Fall nicht", freue ich mich, dass sie hergefunden hat. "Ich bin die Krissi!" Und vor mir steht, wirklich beschämt, dass muss ich ihr lassen, die Anne. Jeder RadioTop40-Hörer kennt sie und ihr Lachen, immerhin versüßt uns die "Sounddealerin" seit unfassbaren sieben Jahren täglich den Nachmittag! Täglich?! Nein! Nicht täglich, denn vor nicht allzu langer Zeit nahm sich die Quasselstrippe vom Dienst mit der herzergreifenden Lache eine Auszeit. "Ich bin dann mal raus!" so die Ankündigung ihrer bevorstehenden Weltreise. Sieben Monate, vom Dezember letzten bis Juli diesen Jahres zog sie von Kontinent zu Kontinent und ließ uns Daheimgebliebene vorm Radio hockend in "Anne guckt dir die Welt" wöchentlich an ihren Erlebnissen in Fernost, -süd & -west teilhaben. Doch können wir jetzt endlich alle aufatmen! She is back! Die Anne lacht sich wieder über den Äther, und wir freuen uns alle mit.
Und da ich mich besonders freue, dass das Weib von New York, der letzten Station ihrer Tour, nach Weimar zurückgefunden hat, hab ich sie gleich zum Interview eingeladen. So kommt es, dass sich Anne Voigt, 26 Jahre jung und garantiert echte Erfurter Puffbohne (Originalzitat: "Ja! Ich bin eine von Euch!") und ich, Krissi, 28 Jahre jung und ebenfalls echte Bohne, an diesem Abend alles andere als interviewkonform verhalten. Das klassische Frage-Antwort-Spiel entfällt auf Grund sofort aufkeimender Sympathie, und acht Weißwein und drei Stunden später sitzen zwei Mädchen in einer Bar, lachen, lästern und quatschen.
"Anne? Dass so ein Trip in die weite Welt spannend, intellektuell ungeheuer wertvoll und teuer ist, dass kann sich sicherlich jeder vorstellen, nur warum zur Hölle, macht man so was? Und auch noch allein?" versuche ich mein staunendes Unverständnis ob ihrer Wahnsinnstat zum Ausdruck zu bringen. "Ich musste mal raus!" so der Versuch einer Erklärung. "Weißte? Das musste sein. Das war mein Ziel, auf das ich fünf Jahre hingearbeitet und auch gespart habe", überlegt sie kurz und erzählt weiter. "Ich bin halt so ein Ehrgeizbolzen. Von dieser Reise hab ich schon immer geträumt, umso erschreckender ist es, wie schnell man am Ende wieder zu Hause ist!" Ich versuche zu verstehen und frage sie, ob sie ihr Leben jetzt, quasi danach, für komplex hält. "Nein! Mein Leben ist nicht vollkommen. Irgendwas kommt auf mich zu, ich weiß nur noch nicht, was es ist."
Komisch! Und ich dachte immer, dass einem Menschen, der täglich erst ab um zwei arbeiten darf, eine eigene Radiosendung hat und dazu noch mit den angesagtesten Prominenten im grünen "Sounddistrict" auf Du und Du ist, eigentlich pausenlos die gelbe Sau ausm Popo scheinen müsste. Tut sie aber nicht. Anne weiß ganz genau, dass auch diese Zeit irgendwann vorbei sein wird. "Mit 40 noch der Jugend die Mugge anmoderieren? Nee, das geht doch nicht." Aber was dann? "Auf jeden Fall werde ich nie die Hits der 80er, 90er und das Beste von Heute anmoderieren!" Nun ja, zu irgendetwas muss ja ihr Bachelor in Kommunikations- und Medienwissenschaften nützlich sein. Und wenn's am Ende die Schreiberlingkarriere beim Hamburger Politmagazin "Der Spiegel" ist ... Doch Gott sei Dank ist ja noch ein bisschen Zeit für diese, nächste Wahnsinnstat. Und ich bin mir sicher, einmal in den Kopf gesetzt, wird dieses Weib garantiert sein Ziel erreichen. Wie singt Annes Lieblingsband Olli Schulz & Der Hund Marie so schön?: "Nur der Moment, der besser ist als alles andre, das du kennst, der Augenblick, an dem du stehen bleibst und nicht mehr wegrennst ..."
Also, liebe Anne, ich weiß, Du wärst mit Deiner mädchenhaften Schuhgröße von 46 tatsächlich schneller wieder weg als es uns allen lieb ist, doch vielleicht findet sich ja der ein oder andere Augenblick, der Dich für viele Momente hier in Thüringen und vor allem im Radio gut hörbar für alle verweilen lässt.
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Wort: Kristina Hentsch / Bild: P.D.