| Toulouse und Bordeaux |
In
ewiger Konkurrenz
Toulouse ist in. Wenn sich die Abendsonne hinter der Stadt verfängt und die
Ziegelfassaden in rosarotes Licht taucht, trifft sich die Jugend an der Garonne.
Auf den alten Kaimauern zu flirten macht Spaß. Umfragen unter Studenten sehen
Toulouse als beliebteste französische Großstadt.
Caroline studiert Kunstgeschichte. Sie stammt aus der pfälzischen Provinz und
genießt den Lebensstil der Franzosen. Airbus und Geschichte, Toleranz sowie
energiegeladene Lässigkeit fallen ihr spontan als Schlagworte über ihre neue
Heimstatt ein. Die 21jährige führt im Auftrag des Fremdenverkehrsamtes deutsche
Touristen durch Toulouse. Ich treffe sie am alten Schlachthof Abbatoire. Der Bau
aus roten Klinkern entstand 1872 in der Form einer Kirche. Nach erfolgtem Umbau
reihen sich im "Kirchenschiff", in den Seitenschiffen und der Krypta
Ausstellungsräume aneinander. Gerade bereitet sich Toulouse auf das Festival "Le
Printemps de Septembre" vor. Nichts für deutsche Logiker: Der Frühling im
September wird in Toulouse alljährlich von Ende September bis in den Oktober
veranstaltet. Dazu wartet das Museum für zeitgenössische Kunst mit wechselnden
Ausstellungen auf. Auch neu für Caroline, so dass wir uns zögerlich an die
argentinische Videoprojektion "A morir" oder die "Broken Lines" über Chaos und
Ordnung herantasten. Ausstellungen und Aufführungen, Performances sowie
Kino-Konzerte gehören zum Programm an den zehn Austragungsorten von "Le
Printemps de Septembre".
Am Abend taucht die Kunststudentin mit ihren Freunden auf dem künstlerischen
Parcours der Soirée Nomade am Ufer der Garonne auf. Sehen und gesehen werden
lautet das Motto: der Eintritt bei vielen Veranstaltungen ist frei. Doch alsbald
zieht es Caroline über die Pont Neuf und den Quai Daurade zum Place St. Pierre,
dem Szenetreff der Studentenschaft. Eine Installation zeichnet die Gebäude und
Brücken entlang der Garonne mit grellbunten Lichtfetzen.
Airbus. Keine französische Metropole kann sich mit der Dynamik von Toulouse
messen. Die Stadtväter verzeichnen ein jährliches Wachstum von 12.000
Einwohnern. Die Menschen hier bangen, dass die aktuellen Blessuren des
europäischen Konzerns lediglich vorübergehender Natur sind. Viele deutsche
Ingenieure arbeiten am Stammsitz des Konzerns. "Bist du dienstlich in Toulouse?"
fragt Caroline. Niemand kommt auf die Idee, ich könne Tourist sein.
Dabei ist Airbus - allen Unkenrufen zum Trotz - die touristische Attraktion
schlechthin. Nordöstlich von Toulouse in Blangnac werden eineinhalbstündige
Touren durch das gigantische Werksgelände angeboten. Der Ansturm auf "Airbus
Visit" ist groß.
Unangefochtete
Attraktion ist der Riesenflieger A 380. Im nachgebauten Testraum verfolgt der
Besucher per Monitor den Erstflug des Kolosses. "Cent pourcent par tous!" rief
Pilot Claude Leley am 27. April 2005 in sein Bordmikrofon.
Entwicklungsingenieure und 50.000 Schaulustige verfolgten gebannt das Aufheulen
der Triebwerke. Sekunden später geschah das Wunder: leicht wie eine Feder hoben
560 Tonnen bei 270 Stundenkilometern ab in die Lüfte.
Weiter geht der Rundgang. Aus 50 Meter Höhe fällt der Blick in die größte
Aeronautikhalle der Welt: Allein die Tore haben schlappe 90 Meter Breite, genug,
damit sich der 80 Meter breite A 380 ohne Schrammen zur Startbahn bewegen kann.
Der erste A 380 geht im kommenden Herbst an Singapore Airlines. Der um zwei
Jahre verzögerte Start brachte den Konzern EADS zum Strudeln. Das Grundkonzept
aber stellt niemand in Zweifel. Passagierzahlen von 555 bis 800 werden möglich
sein. Der gewaltige Flugzeugrumpf - seine Dimensionen lassen sich anhand einer
Replik am Besuchereingang erahnen - wird dem Reisenden ein völlig neues
Raumgefühl, ähnlich wie in einem Schiff, vermitteln.
Antoine de Saint-Exupéry - ja, der mit dem kleinen Prinzen - unternahm bei
Toulouse die ersten französischen Flugversuche überhaupt. Heute widmet sich hier
die "Cité de l'éspace" auf beinahe vergnügliche Weise Themen des Fliegens und
der Raumfahrt. Im IMAX-Saal stockt mir der Atem, als ich in der 3D-Darstellung
das Andocken eines Space Shuttles und einer Sojus-Rakete an die internationalen
Raumstation ISS verfolge. Es sind Echtaufnahmen, wenn ein Astronaut eine Tüte
Popcorn ungeschickt öffnet und sich der Inhalt virtuell über den Zuschauerraum
verteilt. Attraktion des Freigeländes mit über 250 Ausstellungsstücken sind ein
Nachbau der Ariane 5 sowie der sowjetisch/russischen Mir-Station.
Toulouses spektakulärer Aufstieg zur viertgrößten Stadt Frankreichs war eng mit
Airbus verknüpft. Das "Auf und Ab" hat Tradition: Im Herzen der Altstadt von
Toulouse erinnert der äußerlich schlichte Sakralbau Couvent des Jacobins an den
Ursprungsort der Dominikanerbewegung. Nach der französischen Revolution von 1789
wurde er von den Militärs als Stall für 300 Pferde zweckentfremdet. Die
beeindruckende Basilika Saint Sernin aus dem 11. Jahrhundert gilt gar als größte
Kirche im romanischen Stil. Der Reichtum der Bürgerschaft rührte vor allem aus
dem mittelalterlichen Pastel-Handel und zeigt sich bis heute in prächtigen
Fassaden der alten Handelshäuser. Seinen Höhepunkt bildet jedoch das Capitol am
gleichnamigen Platz. Der wuchtige Baukörper aus dem späten 18. Jahrhundert
beherbergt heute noch das Rathaus und das Theater.
Die
Garonne verbindet die beiden Städte Toulouse und Bordeaux miteinander. Viel mehr
auch nicht, denn ähnlich
wie Dresden und Leipzig befinden sich die
südfranzösischen Metropolen in ewiger Konkurrenz zueinander. Neben Wein- und
Sklavenhandel begründete die Einfuhr von Indigo den Reichtum Bordeaux' im 18.
Jahrhundert. Und das zu Lasten von Toulouse: Die billigen Importe von Indigo aus
Indien brachten dessen Pastel-Handel zum Erliegen. Beide Rohstoffe dienten der
Herstellung des Farbtons blau, der im Mittelalter von ungeheurem Wert war.
Im Jahr 1811 verzeichnete der Chronist an den Kais von Bordeaux sage und
schreibe eintausend Segelschiffe. Bis heute tragen die Handelshäuser längs der
Garonne kleine Türme. Seinerzeit konnte die Stadt von diesen "Ausgucks" bis zum
nächsten Bogen der Garonne überblickt werden. Seit 2002 sind die Hafenanlagen
und Docks in der Innenstadt außer Betrieb. Eine ausgedehnte Promenade mit einem
riesigen Bassin, in dem sich die barocken Fassaden spiegeln sollen, ist gerade
im Entstehen.
Die mittelalterliche Altstadt entwickelte sich zum Szeneviertel Bordeaux'. Um
die Kirche St. Pierre harren zahlreiche Clubs, Bars und Shops mit trendigen
Angeboten ihrer Besucher. Initial war eine Verkehrsberuhigung, die im
Zusammenhang mit der Einführung hochmoderner Straßenbahnen stand. Clou sind
deren Induktionsschienen im Straßenpflaster, die nur bei der Überfahrt
zugeschaltet werden. Dadurch kommt die elektrische Straßenbahn in der Innenstadt
ohne Oberleitung aus.
Unterhalb der Innenstadt erstreckt sich das weite Viertel der Weinhändler.
Selbst der Flughafen ist von Weingärten umgeben. Zwischen den Rebstöcken tummelt
sich auch Caroline. Gemeinsam mit ihren Kommilitonen verdient sie in der
Weinlese ihr Taschengeld. Im Jahr 56 brachten die Römer die edlen Trauben an die
Ufer der Garonne. Heute bringt es kein Stadtname der Welt unter den Genießern
auch nur annährend auf den Klang von Bordeaux.
Der Kenner unterscheidet auf den
Etiketten zielsicher nach verschiedenen Lagen.
Weinverkostungen sind in Bordeaux längst zu einem Kult geworden. Und die Güter
tragen in Frankreich nicht zufällig den Namen "Chateau". Familie Rothschild und
andere Eigentümer der schlossähnlichen Anwesen betätigen sich heute als
Kunstmäzene. Eintägige Wein-Kunst-Touren werden von Bordeaux aus ab 70 Euro
angeboten. Eine beliebte Station ist das Chateau d'Arsac. Philipp Raoux, ein
wohlhabender Weinhändler und Kunstsammler aus Bordeaux, sanierte das
Barockschloss auf seine Weise. Das Dach trägt jetzt gläserne Ziegel. Im Park
stehen zeitgenössische Kunstwerke, so ein schräger Stahlbalken von 30 Meter Höhe
des Künstlers Bernar Venez. Nach einem Glas Margaux freunde ich mich mit dem
Zusammenspiel von Barock und Moderne an …
www.franceguide.com
www.week-end-toulouse.fr
www.taxiway.fr
(Airbus Visit)
www.bordeaux-tourisme.com
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| Wort und Bild: Uwe Schieferdecker |
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