Die Art

Die Art Rückkehr einer Legende

Als am 20. und 21. Dezember 2001 in der ausverkauften Leipziger Moritzbastei die für Publikum und Band gleichermaßen bewegenden Abschiedskonzerte der Post-Punk-Legende Die Art stattgefunden hatten, glaubten alle, dieses Kapitel ostdeutscher Pop-Geschichte nun seufzend für immer zuschlagen zu müssen. Immerhin, der Abschied wurde versüßt durch das Album "Last Live Sequences".


Alle waren gespannt, was die Musiker weiter treiben würden. Sänger Makarios hatte sich ja schon länger in literarischen Gefilden versucht, um seine fiktive Figur des russischen Literaten Pratajev ist bereits ein regelrechter Kult entstanden: Eine immer größer werdende Schar von Jüngern versucht mit echtem Eifer, glaubhafte Fakten eines erfundenen Lebens zu enthüllen. Mehrere Bände mit Pratajev-Texten und Schriften aus der Forschung erschienen bereits, und es fanden sich sogar zwei Bands, die die Poeme Pratajevs mehrere Tonträger lang wacker vertonten. Der Sänger sowohl von Prumskibeat als auch der Russian Doctors - es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden - war bzw. ist Holger "Makarios" Oley.
Schon im letzten Jahr der Art hatten Gitarrist Thomas "Gumpi" Gumprecht und Sänger Makarios das Projekt Wissmut gegründet. Es ging ihnen darum, ihre musikalischen Ambitionen auszuleben und ohne den Erwartungsdruck des Namens Die Art neue musikalische Ufer anzusteuern. Der Stilfindungsprozess erwies sich künstlerisch und personell - beides gehört ja eng zusammen - als ziemlich kompliziert. Es entstanden Tonträger auf Vinyl und CD, schließlich das Album "BI". Die düstere Seite ihrer Musik gewann endgültig die Oberhand gegenüber den punkigen Elementen; Hits wie "Sonne und Mond" werden bleiben. Nachdem nach allerlei Versuchen schließlich Richtung und Besetzung gefunden waren, mussten sie feststellen, dass der neue Name inzwischen doch ein verwirrendes Etikett war. Denn sie waren wieder bei sich selbst angekommen, Wissmut stand Mitte des Jahrzehnts dort, wo Die Art fünf Jahre zuvor aufgehört hatte. Die Besetzung war bis auf das Schlagzeug (der langjährige Art-Drummer Thomas Stephan war nicht zu Wissmut gewechselt) identisch mit der des Art-Abschiedskonzertes. Ihnen wurde mehr und mehr klar: Wissmut macht Art-Musik unter anderem Namen. Und wo Die Art drin ist, da sollte auch wieder Die Art draufstehen. Im April 2007 folgte in Chemnitz dann das offiziell erste Konzert der wiederbelebten Die Art in einem Doppelkonzert mit Makarios' Helden Fliehende Stürme. Danach ging es ins Studio, ein neues Album war fällig: "Alles, was dein Herz begehrt" ist streng gitarrenorientiert, aber doch sehr sanft gehalten. Gumpis charakteristische und eingängige Gitarrenfiguren - neben dem suggestivem Organ von Makarios das Hauptmerkmal des Art-eigenen Soundkosmos' - sind zwar präsent und klar, aber nie aggressiv und verzerrt. Beider jüngste Soloproduktion haben ja bereits erwarten lassen, dass hier kein Aggressionsausbruch erfolgen würde. Die Sicht geht nach innen. Die Texte sind meist deutsch, diese Sprache hat Makarios als das wichtigste Ventil für die Mitteilungen seiner Seelentiefen erkannt. Der Hit des Album? Track 5, "Paradise", vielleicht, für jene, die mehr auf englische Lyrics stehen. Für die Liebhaber heimatsprachlicher Melancholie werden sicher das Titelstück oder der Opener mit dem wunderschönen Titel "Tanzende Schwermut" zu den Favoriten zählen. Besser kann wohl auch die Musik dieses Album kaum beschrieben werden. Die Art sind zurück!
Stichwort Soloalben: Fast zeitgleich mit dem Art-Comeback-Album erschienen Soloalben von Makarios und Thomas Gumprecht. Die Geschichten der Lieder von der "Samtmarie" von Makarios featuring Goldeck beginnen dort, wo einer der berühmtesten Art-Songs endet: In "Das Schiff" schwimmt ein schiffbrüchiger Matrose im weiten Meer, am Kai wartet vergeblich die Liebste. Jetzt geht es weiter: Der Matrose ertrinkt, sinkt hinunter - und statt auf den Grund mitten in die Arme der Samtmarie, einer mystischen Feengestalt zwischen Realität und Traum, Leben und Tod. Seelisches Kraftfutter für die Fans von Makarios' Lyrik.
Das Solo-Album von "Gumpi" dürfte viele überraschen. Hier lässt nicht ein verkanntes Gitarren-Genie endlich mal die Sau raus. Hier gibt's keine verzerrten Riffs und stundenlangen Soli. Gumpi lieferte stattdessen ein ambient-orientiertes Atmosphären-Album ab. Alle Instrumente hat er selber eingespielt, sein Gesang kommt smooth und relaxt. Ein sehr chilliges Album, eher für die stimmungsvollen Abende im Ohrensessel als für die lärmende Party.
www.brachialpop.de


Termine:
12.10. Dresden, Gare de la Lune 16.11. Halle, Steintor-Varieté
21.12. Leipzig, Moritzbastei
22.12. Dresden, Groovestation
 
Wort: FW / Bild: Frank Thiele