| Freiheit und Fortbewegung |
Über
Stock und Stein -
Parkour in Dresden
Wir treffen uns an einem Sonntag am Rande einer Industriebrache in der Stadt.
Etwa 15 junge Männer und eine Frau sind dabei, anfangs ist das Klima eher kühl,
vom Medieninteresse sind die Parkour-Aktivisten alles andere als begeistert.
Seit die Bewegungskunst in James-Bond-Filmen oder Madonna-Videos auftaucht, ist
ein regelrechter Hype entstanden, die Sportler werden zu "Superhelden"
stilisiert. "Was man dort sieht, nennt sich außerdem 'Free Running', bei dem die
Show im Vordergrund steht", erklärt Stabil. Mit Parkour habe das wenig zu tun.
Bei der von dem Franzosen David Belle entwickelten Bewegungskunst geht es nicht
um spektakuläre Stunts, sondern einzig und allein um effiziente Fortbewegung vom
Punkt A zum Punkt B. Der Traceur, so die korrekte Bezeichnung für die Aktiven,
überwindet dabei alle Hindernisse, ohne diese zu verändern. Das kann bedeuten,
dass er eine Hauswand hochklettert, über ein Geländer springt oder sich an einem
Vorsprung nach oben ziehen muss. Alles ohne Hilfsmittel, immer nur durch eigene
Kraft und Geschicklichkeit.
Die, die hier trainieren, sind keine Profis, Parkour ist ihr Hobby. Seit
vergangenem Oktober haben sie sich in einer Gruppe zusammengefunden. Einer hat
eine Website eingerichtet, über die sie ihre Gedanken zum Thema austauchen und
sich informieren, wann und wo das nächste Treffen stattfindet. Einen
"Gruppenzwang" oder eine Hierarchie gibt es nicht. Jeder trainiert nur das, was
er selbst will. Die Traceure helfen sich untereinander, geben Tipps und weisen
einander auf Fehler hin. "Das ist sehr wichtig", erklärt Hauke. "Im Internet
sind zwar die Bewegungen beschrieben und man kann sich Videos anschauen, doch
von anderen lernt es sich viel effektiver. Außerdem inspirieren wir uns
gegenseitig zu neuen Tricks." Dabei wird von niemandem erwartet, dass er in
einem bestimmten Zeitraum eine Übung beherrschen muss. "Jeder fängt dort an, wo
er steht, und macht das, was er kann." Wie in jeder Sportart geht es dabei nicht
ganz ohne Verletzungen ab, wie Stabil aus eigener, leidvoller Erfahrung weiß:
"Ich wollte zu viel in zu kurzer Zeit. Das Resultat: Ich muss eine Weile
aussetzen!" Sich selbst und seine Fähigkeiten richtig einschätzen zu können, ist
das A und O beim Parkour.
Ebenfalls wichtig: Die Selbstüberwindung! "Am Anfang habe ich mir viele Sachen
gar nicht zugetraut, die ich heute kann", erzählt Max. Die "geistige Reife", die
richtige innere Einstellung halten alle Aktiven für die entscheidende
Komponente. Dass heißt nicht nur, dass man den inneren Schweinehund besiegt und
sich selbst motiviert, sondern auch, dass man keinen Wert darauf legt, andere zu
beeindrucken. Den Gedanken an eine Parkour-Weltmeisterschaft halten die Traceure
deshalb für absurd. "Man kann die Leistung nicht von außen messen", ist die
einhellige Meinung. Nur der eigene Weg ist der richtige. Das hat nichts mit
Egoismus zu tun, sondern vielmehr mit einem Bewusstsein für die eigenen Stärken
und Schwächen.
Eine in sich geschlossene Philosophie des Parkour gibt es nicht, jeder
Beteiligte hat da andere Vorstellungen. Freiheit spielt eine ganz wichtige Rolle
ebenso wie Selbstfindung, Körperbewusstsein und nicht zuletzt der Spieltrieb der
Akteure. Mitmachen kann jeder; erfahrungsgemäß trennt sich recht schnell die
Spreu vom Weizen. Denn neben einem Mindestmaß an körperlicher Fitness ist
Ausdauer von entscheidender Bedeutung. Querfeldein laufen und ab und zu ein paar
Liegestütze oder Klimmzüge machen, sind die ideale Vorbereitung für den
Parkour-Sport. "Wichtig ist der Wechsel der Belastungen", erklärt Stabil. Statt
auf körperliche Höchstleistungen nach dem Prinzip "Viel hilft viel" kommt es
vielmehr auf die richtige Dosierung an. Für die teils spektakulären Sprünge gibt
es eine einfache Faustregel: Richtig gut gelungen sind sie erst, wenn man sie
kaum hört. Knallt es ordentlich bei der Landung, ist das meist nicht gut für
Muskeln, Sehnen und Knochen.
Wer sich das erste Mal bei einem der Treffen sehen lässt, muss sich keine
Gedanken um sein Äußeres machen. Weder gibt es szenetypische Kleidung, noch muss
man irgendwelche Marken kennen. Normale Klamotten, in denen man sich gut bewegen
kann, ein Schweißband vielleicht, um die Handgelenke an scharfen Kanten zu
schützen und ein paar vernünftige Schuhe - mehr brauchen die Traceure nicht.
Nicht zu vergessen den anspruchsvollen "Parkour", auf dem sie sich ausprobieren
können. Davon hält die moderne Stadt einige bereit, täglich werden wir mit
zahlreichen Hindernissen wie Geländern, Mauern oder dergleichen konfrontiert.
Wer Parkour trainiert, nimmt diese Hindernisse anders wahr. "Das ist für mich
auch ein Stück Freiheit", erklärt Max. "Ich muss nicht ringsherum gehen, wenn
ich das nicht will." Und Stabil ergänzt: "Neben dem Bewusstsein für die eigene
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit habe ich eins gelernt, das mir auch
im Alltag zugute kommt: Die Dinge brauchen Zeit zum Reifen."
www.parcour-dresden.de
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| Wort: Ullrich Bemmann / Bild: Tobias Kade |
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