Dr. Winters Kolumne

Liebe Freunde, schade, der Sommer nimmt schon wieder seinen Hut, der Urlaub liegt längst in unerreichbarer Ferne, und die Leute rennen in einem derartigen Tempo durch die Straßen, dass sie nicht einmal mehr die Zeit finden, sich noch umzusehen. Das ist eine Tatsache. Seht Euch doch einmal um, und Euch wird auffallen, dass sich niemand mehr umsieht. Würde man sich noch umsehen, müsste man schließlich bemerken, dass man sich nicht mehr umsieht, und dass dieses Sich-Nicht-Mehr-Umsehen der Auslöser dafür ist, dass man die über uns hinweg schwappende neue Welle nicht bemerkt.Dr. Winters Kolumne
"Welche Welle? " werdet Ihr fragen. Nun ja , wenn Ihr Euch ein wenig öfter umgesehen hättet, wüsstet Ihr von welcher Welle hier die Rede ist. Aber was hätte es für einen Zweck, nur weil Ihr Euch nicht umseht, Euch über die Welle im Unklaren zu lassen. Nein, Ihr sollt alles über die Welle erfahren, wirklich alles. Möglicherweise handelt es sich bei dieser Welle ja auch nur um eine Strömung, aber jemandem, der einmal hierhin und ein anderes Mal dorthin blickt, fällt auf, dass die Leute sich hierzulande nur noch mit Essen zu beschäftigen scheinen. Immerzu geht es nur ums Essen, um Essen und Kochen, und darum, das Gekochte dann wieder zu essen. Essen hat sich mittlerweile seuchenartig ausgebreitet. Nahezu jeder tut es. Die Leute sind geradezu wild darauf. Wer nicht isst, wird diskriminiert. Man tut gerade so, als ob essen lebensnotwendig sei. Zeitschriften und Fernsehsendungen beschäftigen sich zu 98 Prozent mit Essen. Kochshows ziehen Millionen vor den Bildschirm. An dem Sendeplatz, wo vor nicht allzu langer Zeit das "Literarische Quartett" seine scharf geschliffenen Klingen im Streit um die besten Bücher kreuzte, zeigen heute vier lustig vor sich hin brutzelnde Biedermänner, wo sich die Innereien einer Mastgans befinden. Wo es früher "Born To Be Wild" hieß, heißt es heute" Born To Cook"! Wer die Medien aufmerksam verfolgt, muss den Eindruck gewinnen, dass in unserem Land pausenlos gegessen wird. Essen heißt die neue Ideologie, und Köche sind mittlerweile das, was früher Rockstars waren: Idole, Helden, Götter. Kein Mensch weiß, wie viele Teenager heutzutage in ihren Kinderzimmern davon träumen, auch ein solcher durch und durch aufgedunsener, beim Abschmecken widerlich schmatzender, die Qualität seiner Zutaten beschnüffelnder Superstar sein zu können! Was ist da passiert? Was hat sich da plötzlich zugunsten dieser spezifischen Innung fleißiger Handwerker getan? Denn es ist noch nicht lange her, da waren Köche dick, trugen weiße Mützen, die wie umgestülpte Mehltüten aussahen, und wischten sich ihre fettigen Hände an ausgeblichenen karierten Schürzen ab. Manche von ihnen, die ganz Mutigen, steckten sich noch einen hölzernen Kochlöffel in den Hosenbund, jeder von ihnen musste mit einer Bratpfanne einen Eierkuchen durch die Luft wirbeln und ihn mit derselben auch wieder auffangen können. Köche wurden wie Sklaven behandelt, führten ein Schattendasein in rauchigen Katakomben und rührten mit stoischem Gleichmut in großen Töpfen herum, deren Inhalt der Stillung des Hungers in der Welt zu dienen hatte. Das ist vorbei. Heute sind Köche Lichtgestalten, die über solch enorme Fähigkeiten verfügen, wie einen Topf Kartoffeln zu kochen, Gurken in kleine Scheiben zu schneiden, Tomaten zu schälen, ein Ei abzuschrecken, Butter in einer Pfanne zu zerlassen, einen Teig umzurühren. Und auch wenn ich das nicht verstehe, scheint sie das zu Giganten zu machen, scheint ihnen dafür Respekt zu gebühren, scheint man sich genau das wieder und wieder ansehen zu wollen. Es leben die Köche! In ihre Hand sollten wir unsere Zukunft legen! Mit diesem Rezept möchte ich mich heute von Euch verabschieden und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Bocuse Mälzer Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC