Kommen vom selben Stern: Ich + Ich

Ich + IchPop für Generationen

Das ungewöhnlichste Duo der deutschen Pop-Landschaft, soviel ist klar. Ich + Ich bestehen aus Annette Humpe und Adel Tawil.


Annette Humpe, eigentlich die berühmtere der beiden Humpe-Schwestern (die andere wohnt in der 2Raumwohnung), ist Jahrgang '50. Sie und ihre Band Ideal standen 1980 ganz vorne, als (west)deutsche Bands deutsche Texte für sich entdeckten. Sie gehörten zu den Initiatoren der Neuen Deutschen Welle, und ihre ersten beiden Alben von '80 und '81 mit Songs wie "Berlin", "Eiszeit" oder "Blaue Augen" standen immer turmhoch über dem Schrott, der später unter diesem Markenzeichen veröffentlicht wurde. Nach Ideal tummelte sich Annette in verschiedenen Projekten und begann in den 90ern zu produzieren: Die Leipziger Prinzen verdanken ihren Erfolg zu einem guten Teil Humpes feinem Gespür für die Essenzen, die einen guten Pop-Song ausmachen.
Als Annette Humpe begann, sich in die Annalen der deutschen Pop-History einzuschreiben, war Adel Salah Mahmoud Eid el Tawil als Sohn arabischer Einwanderer gerade geboren. Ende der 90er sammelte er musikalische Erfahrungen in der Boygroup The Boyz und war danach Sänger für verschiedene Studioproduktionen. Hier wurde Annette 2002 auf ihn aufmerksam, entdeckte den richtigen Sänger für die Songideen, die in ihr schlummerten.
Alles lief ganz locker, Annette Humpe muss sich und anderen nichts mehr beweisen. Das erste Album erschien 2004; sie haben ihr Ding einfach angeboten ohne sich allzu große Illusionen zu machen - zu gewagt schien einfach der Ansatz. Im Schlepptau der beiden Top-Ten-Singles "Du erinnerst mich an Liebe" und "Dienen" kletterte die Scheibe 2005 dann tatsächlich ganz hoch in den Charts.
Die Fakten und vor allem das Gefühl sprachen deutlich für die Fortsetzung des Ich + Ich-Projektes. "Der Entschluss weiterzumachen, kam nicht von Donnerstag auf Freitag", meint Annette. "Das war ein Prozess. Doch irgendwann waren wir uns sicher, dass unsere Songs bei den Leuten was ausgelöst haben."
Immer wieder wurden und werden sie natürlich auf ihren Alterunterschied von fast 30 Jahren angesprochen - doch von der Generationengeschichte will Annette Humpe nichts hören. Auch für Adel ist die Zusammenarbeit etwas ganz Normales: "Im Download-Zeitalter hat man halt ständigen Zugriff auf alle Bands der letzten Jahrzehnte, eine Verfügbarkeit, die sicher dazu beitragen wird, dass viele Kids heute generationsübergreifend Musik hören und auch konsumieren."
Wie schon auf dem ersten Album ist der Grundsound beim neuen Album "Vom selben Stern" ein stark soulhaltiger. Was nicht heißt, dass sie afro-amerikanische Vorbilder imitieren: "Ich bin weiß wie ein Brot", lächelt Songschreiberin Annette Humpe, "dennoch arbeite ich in die gleiche Richtung". Vor allem geht es ihr um die Hörbarmachung von Emotionen: "In meiner Musik sind Gefühle ein zentrales Anliegen", erklärt sie. "Dabei geht es immer darum, die Klippen des musikalischen Kitsches zu umschiffen. Doch nachdem sie in den letzten Jahren alle angefangen haben, explizit über Liebe zu singen, wollte ich etwas anderes machen. Aber es geht immer um Gefühle. Eine Party-Platte könnte ich gar nicht machen."
Adel profiliert sich noch mehr als auf dem ersten Album als überzeugender Performer am Mikro. Die Zusammenarbeit mit einer der wichtigsten deutschen Pop-Produzentinnen ist für ihn die Chance seines künstlerischen Lebens, das weiß er. Als Song- und Textschreiberin holt Annette tatsächlich alles aus ihm raus. Schon auf dem vorherigen Album musste er bei dem Song "Dienen" massive Hürden in seinem eigenen Ich überwinden. Ergebnis ist ein wunderbar tiefer Popsong. Diesmal ging er bei "Wenn ich tot bin" bis an die Grenzen: "Der Song hat mich schon Überwindung gekostet", gibt Adel zu. "Das war das Härteste, was ich jemals gesungen habe."
Ich + Ich sind von einem lockeren Experiment zur festen Größe geworden, guter Pop ist eben doch keine Generationenfrage.


Termin:
19.08. Dresden, Open Air vor der Semper-Oper
 
Wort: Frodo Wawrzyniak / Bild: P.D.