Vorsicht Thiel!

Vorsicht Thiel!Das Geld fließt durch den Gulli ab

Der sächsische Landtag ist eine der lustigsten Truppen, wo gibt. Da hat neulich ein CDU-Abgeordneter sinngemäß gefragt, ob der Ex-OB der Stadt Dresden, Ingolf Roßberg, der seinen "Doktor" in Ostrava (Ausland!) gemacht hat, sich nun auch zu Recht "Doktor" nennen darf.


Endlich fragt das mal jemand! Der Abgeordnete hat sicherheitshalber Sachsens Kulturministerin beauftragt, dieses für ihn herauszufinden. Na klar, ehe die gar nichts macht. Außerdem, wer weiß, vielleicht? Nicht auszumalen, wenn Ex-OB Ingolf Roßberg sich gar nicht Doktor nennen dürfte! Dann könnte es sein, dass die Stadt Dresden über ein Jahr lang nicht von einem Nicht-Doktor regiert wurde. Dabei ist das Fehlen von Ex-OB Roßberg eine Katastrophe für Dresden! Uns ist dadurch das Feindbild verlorengegangen. Früher konnte man immer auf ihn draufhauen, ob Postplatz, Treppe am Landhaus oder die Zeitung, die früh um sechs noch nicht im Briefkasten war. "Roßberg, das Schwein!", war eine beliebte Dresdner Redewendung. Das Schöne war, man konnte diesen Roßberg schon für kleine Beträge hassen und für mittlere Beträge verhaften. Und heute? Heute werden Millionen aus dem Fenster geworfen und keiner weiß, wen man dafür beschimpfen soll. Der amtierende OB heißt Vogel … Also kann der nicht das Schwein sein. Eine Sau, die fliegt, oder was?
Das ganze Dilemma zeigte sich, als dieser amtierende Vogel seinen Kopf in den Sand stecken wollte und den Stadtrat fragte: "Wollt ihr mich noch?" Da sind die Stadträte erschocken und haben gerufen: "Na klar, einer muss doch der Arsch sein!" Dafür hat man ihm im Gegenzug Kritiklosigkeit zugesichert. Die Eishalle wird etwa 30 Prozent teurer. Ups! Der Kulturpalast wird für knapp drei statt zwei Millionen nur brandsicher gemacht. Obwohl der nächstes Jahr komplett saniert werden soll, steht noch nicht so ganz fest, als was wir ihn danach nutzen werden. Ob als Schwimmhalle, Florian-Silbereisen-Gedenkmoschee (bezahlt von einer MDR-Stiftung) oder als CDU-Heiligenhalle, in der die Bilder von Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt (natürlich an verschiedenen Wänden!) hängen; und die Sachsen dürfen dankbar huldigend daran vorübergehen und die Heiligenbilder berühren. In Dresden fließt das Geld scheinbar durch den Gulli ab, um dann am Wiener Platz endgültig zu versickern. Wir sind wieder spitze! Hier wird inzwischen mehr Geld sinnlos verschleudert, als Akten beim Verfassungsschutz geschreddert werden können. Und die können ganz schön viel schreddern! Allerdings gibt es auch eine Menge Akten. Darum: Das sächsische Innenministerium sucht dringend Teilzeitschredderer auf Honorarbasis. Bedingungen werden kaum gestellt. Es genügt absolute Hörigkeit gegenüber Vorgesetzten kombiniert mit der Fähigkeit des kompletten Abschaltens der eigenen Gehirnströme während der Dienstzeit. Bildung ist nicht erwünscht. Bei gleicher Eignung werden Legastheniker und Blinde bevorzugt. Dem Innenministerium ist nämlich aufgefallen, dass viele verurteilte Verbrecher nur verurteilt wurden, weil es Akten und Beweise gegen diese gab. Ergo, keine Akten und Beweise - keine Verurteilung. Besser noch, nicht mal ein Verfahren. Nun gab es ja diese schlimmen Gerüchte und Verleumdungen gegen Juristen, Politiker und andere von Geburt untadelige Personen, was in der Presse schon als Sachsen-Sumpf tituliert wurde. Da hatte die sächsische Justiz die Wahl, diese zu widerlegen oder zu schreddern. Sachsen hat sich für das Schreddern entschieden, weil es neben der Erleichterung der Arbeit der überlasteten Behörden eben auch Arbeitsplätze schafft. Ein in meinen Augen richtiger Ansatz, Probleme zu lösen und späteren Ärger zu vermeiden. Wenn man sich überlegt, wie dämlich der CIA ist, seine Akten über 20 Jahre und mehr zu archivieren, nur um sie dann irgendwelchen Wahrheitsfanatikern zeigen zu müssen. Da ist Sachsen doch viel weiter! Schaut doch bitte mal, ob das Zeug über den Bau der A 72 noch existiert. Wenn ja, dann findet bitte einen unverantwortlich handelnden einzelnen Angestellten, der das Zeug schreddert. Paunsdorf? Nie gehört! Sächsische Landesbank? Schreddern! Kann mal jemand nach meiner Steuererklärung schauen? Dummerweise hat das Finanzamt scheinbar keinen Reißwolf …
Aber mal ehrlich, für Dresden wäre das die Chance. Hallo Regierungspräsidium, sorry, der erste Brückenentwurf wurde aus Versehen geschreddert. Dresden könnte dann eine andere Brücke bauen oder einen Tunnel oder eine Schwebebahn oder verlegt die Parkeisenbahn durch die Elbe, die dank Klimakatastrophe bald ausgetrocknet sein wird. Ach so, von Bahnverkehr war ja bei der Brücke keine Rede. Wir behielten vielleicht den Welterbetitel, der für Dresden so wichtig ist, wie die BILD für das Prekariat. Theoretisch ginge es auch ohne, aber irgendwie gehört man zusammen. Allerdings muss ich allen Träumereien einen Dämpfer versetzen. Der Trick mit dem Datenschwund ist leider keine sächsische Erfindung. Die Bundeswehr, besser gesagt, deren "Fachpersonal", hat schon 2005 einen Test durchgeführt, wie viele Daten verloren gehen, wenn man sie von A nach B speichert. Und ausgerechnet die Informationen über die geheimen Auslandseinsätze von 1999 bis 2003 gingen dabei verloren. Das ist total schade und tut allen Beteiligten super leid, zumal man gerade dabei war, im Fall Kurnaz zu recherchieren. So ein Pech aber auch. Als Leitspruch für den Sommer fällt mir darum der allwissende Herr Markwort ein: "Schreddern! Schreddern! Schreddern! Und immer an die Updates denken!"
Bei der Arbeit,
ciao, Euer Mario
 
Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade