Le Parkour

Le ParkourAnstrengung und Befreiung zugleich

Neben den stadttypischen Fortbewegungsmethoden der Auto-, Bus-, Bahn- und Radfahrer gibt es weitere. Klar: Fußgänger. Und Leute, die anderes praktizieren. Norman und Ronny zum Beispiel bahnen sich ihren Weg aus eigener Kraft. Und dies immer so schnell und direkt wie möglich. Da heißt es, Treppen und Geländer zu überspringen, Mauern zu erklimmen und sogar von Dächern zu springen. Am liebsten sind ihnen "viele Ecken und Kanten und abwechslungsreiche Architektur, es muss unregelmäßig und verwinkelt sein, Unruhe in sich tragen". Genannt wird diese waghalsige Fortbewegungsart Le Parkour.


Für alle, denen das bisher kein Begriff gewesen ist, hier ein kurzer geschichtlicher Exkurs: Als Kind lernte der Franzose David Belle von seinem Vater, welcher im Vietnamkrieg diente, eine Art der Bewegung, die darin bestand, sich im Einklang mit der Umwelt durch und über deren natürliche Hindernisse zu bewegen. So fand die heute als Le Parkour bekannte Extremsportart in den Wäldern Nordfrankreichs ihren Anfang. Ende der 1980er übertrug Belle das von ihm erlangte Können spielerisch auf die Architektur der französischen Kleinstadt Lisses. Von Lisses, einem Vorort von Paris, aus verbreitete sich der Sport quer durch die ganze Welt. Bis Ende 2000 war Le Parkour, obwohl weltweit betrieben, dennoch weitestgehend unbekannt. Erst durch Filme wie Luc Bessons "Ghetto Gangz" und "Die purpurnen Flüsse 2" wurde der Parkour einer breiteren Masse zugänglich gemacht.
Norman war von einer Verfolgungsszene in "Den purpurnen Flüsse 2" so fasziniert, dass er beschloss, das Ganze selbst auszuprobieren. In seinem Schulfreund Ronny fand er schnell einen Verbündeten. Seit April 2006 treffen sich die beiden heute 18jährigen in der Turnhalle Leubsdorf zweimal die Woche zum Training, stets darauf bedacht ihre Technik an Kästen und auf Matten bis ins kleinste Detail zu verbessern.
"Zum Training gehören vor allem das Üben der Grundtechniken wie Abrollen, Abfedern und Hindernisüberwindung verschiedenster Art. Aber genauso wichtig ist das Krafttraining und Balanceübungen sowie das Trainieren der eigenen Präzision. Dies üben wir immer und immer wieder. Auf der Straße gibt es kein Netz und keine Matte, die einen auffangen. Da muss man sich seiner Sache sicher sein."
Im Gegensatz zu den im Free-Run, einer parkourähnlichen Sportart, üblichen Spins und Salti, entsagen die Jungs jeglicher Show und beschränken sich bei der Ausübung aufs Nötigste. "Es geht bei Parkour darum, schnellstmöglich, kraftsparend und mit flüssigen Bewegungen von A nach B zu kommen", erklärt Norman. Das enorme Verletzungsrisiko sollte jedoch nie unberücksichtigt bleiben und einem allgegenwärtig bewusst sein.
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"Parkour fordert ein Höchstmaß an Konzentration." Daher warnen die beiden davor, unbedacht und überhastet selbst loszuziehen und sich auszuprobieren. "Die meisten überschätzen sich selbst und meinen schon zu Beginn mit großen Hindernissen und Höhen klarzukommen, aber das kann böse enden. Für den Anfang sollte man sich lieber von erfahrenen Leuten beraten lassen, an niedrigen Hindernissen und in Hallen üben."
Im Januar dieses Jahres kamen Norman und Ronny in den Genuss, von namhaften Größen der Szene, wie dem Österreicher Andreas Kalteis, trainiert zu werden. Während des in Berlin durchgeführten Workshops "PSP The Way – Art of Movement", dem zweitgrößten Parkour-Treffen der Welt, wurden sie professionell beraten und lernten neue Techniken kennen. Solche Großversammlungen gehören jedoch bislang zur Seltenheit. Mittlerweile veranstalten einige Sport- und Jugendorganisationen verstärkt Parkour-Workshops im Rahmen von Sportmessen, Werbeaktionen oder Workshoptouren in ganz Deutschland. So veranstaltet beispielsweise ein Sportgetränkehersteller eine Tour, bei der sich sowohl Laien als auch Fortgeschrittene unter der Leitung professioneller Traceure ausprobieren können. Weiterhin ist für dieses Jahr eine Neuauflage der im letzten Jahr sehr erfolgreich gelaufenen "PSP The Way"-Tour angekündigt, die in Ulm, Essen und Berlin Halt machen wird.
In unserer Regionen finden sich nur schwer Gleichgesinnte. In Chemnitz organisierten Norman und Ronny übers Internet bereits drei Parkour-Treffen. Allerdings waren stets nur sie die treibende Kraft und die Kontakte zu anderen Interessierten schliefen auf Grund mangelnden Interesses und Durchhaltevermögens schnell wieder ein. "Parkour ist keine Sportart, in die man mal schnell reinschnüffelt. Da muss man dranbleiben. Auch für uns war es zuerst ein Schock, die eigene Begrenztheit wahrzunehmen. Aber mit dem Üben kommt Vertrauen und damit der Blick fürs Mögliche. Hier ist, wie man so schön sagt, der Weg das Ziel."
Für die jungen Chemnitzer ist jedoch nicht nur die körperliche Beanspruchung ausschlaggebend für ihre Hingabe zum Sport. Die damit verbundene Philosophie spielt eine ebensogroße Rolle. "Parkour ist das beste Ganzkörpertraining, das du bekommen kannst. Man bleibt fit und bekommt Ausdauer. Aber es geht auch darum, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Sich seiner Umwelt anzupassen, sie zu nehmen, wie sie ist, und Hindernisse aus eigener Kraft zu überwinden. Da ist vollste Konzentration oberstes Gebot. Man steht die ganze Zeit komplett unter Spannung. Der ganze Stress mit der Schule fällt einfach hinten weg, man vergisst alles drum herum, da kein freier Gedanke mehr bleibt. Parkour ist Anstrengung und Befreiung zugleich."
"Es muss immer weiter, höher, schneller und tiefer werden. Das Ziel ist, sich immer weiter an den eigenen Grenzbereich heranzutasten, und ist dieser erreicht, ihn zu überwinden." Hierbei versteht sich Parkour jedoch nicht als Wettkampfsport, sondern "vielmehr als Wettkampf gegen sich selbst, bei dem es darum geht, seine Bewegungen und den Bewegungsfluss zu perfektionieren."
Norman und Ronny geben gerne Tipps zu Techniken und Locations und freuen sich über Anregungen. Wer also Interesse hat, am Training teilzunehmen oder eine Frage loswerden möchte, kann sich über ihre Website melden.
www.parkour-chemnitz.de.ms
www.myparkour.com
www.psptheway.com
 
Wort und Bild: Jan Soldat