| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
eine vor wenigen Tagen durch die Presse publik gemachte, die Weltöffentlichkeit
schockierende Eilmeldung, wonach das Furchtbarste, der Super-GAU eingetreten
ist, und ein Eichhörnchen zwei Spaziergänger angegriffen, drangsaliert,
schließlich schwer verletzt hat, und nur durch das vorbildliche Eingreifen eines
beherzten Invalidenrentners, der die wildgewordene Kreatur mit seiner Krücke
erschlug, Schlimmeres verhütet wurde, veranlasst mich, die folgenden Gedanken zu
Papier zu bringen. Möglicherweise sind es ja nicht einmal Gedanken, sondern
neuronale Zuckungen, meines sich in allerhöchster Alarmbereitschaft befindlichen
Gehirnes, dem es die größte Mühe bereitet, das Unfassbare in sein Weltbild zu
integrieren. Wie weit ist es denn gekommen, wenn nun schon Eichhörnchen den
ihnen angeborenen Respekt vor unsereinem verlieren! Dass ihn Telefonaquisiteure,
Versicherungsvertreter
und Politiker vermissen lassen, ist man ja gewohnt. Aber Tiere! Jene putzigen
Geschöpfe, wie man sie freitagabends im Fernsehen bei "Elefant, Tiger und Co"
bewundern darf, und die in ihrer Drolligkeit nur noch von ihren Pflegern
übertroffen werden! Ich weiß tatsächlich nicht, wen ich lieber füttern würde,
Jörg Gräser oder seine Erdmännchen! Wieso um alles in der Welt dreht so ein
Eichhörnchen plötzlich durch? Und es sind ja nicht nur die Eichhörnchen!
Stündlich erreichen uns neue Meldungen über ausrastende Vierbeiner,
Kamikaze-Fische und schonungslose Insekten! Am allerschlimmsten treiben es, und
das schon seit Jahrhunderten, Jahrtausenden, als Vorreiter sozusagen, die
Fliegen, jene nervenstarken Kleinstmonster, die mich Nacht für Nacht mit ihren
unerträglichen Brummgeräuschen in den Wahnsinn treiben. Dabei ist es völlig
gleichgültig, ob es sich nun um Schmeiß- , Fleisch- oder Stubenfliegen handelt.
Keine von ihnen nimmt Rücksicht, keine besitzt auch nur ansatzweise den Anstand,
mich wenigstens hin und wieder zu verschonen! Überdies belästigen uns Fliegen
nicht nur phonetisch, auch physisch setzen sie alles daran, uns Menschen die
Kräfte zu rauben. Wie dieses vonstatten geht, möchte ich nicht mit meinen,
sondern mit den Worten des in den Räumen über meiner Praxis tätigen
Anästhesisten Justus M. wiedergeben, eines Mannes, der es im Betäuben zu einer
wahren Meisterschaft gebracht hat, Worte, welche er mir zuraunte, nachdem er
einen kräftigen Schluck grünlich anmutender Milch aus einer Flasche, die sich
schon seit mehreren Wochen unter seinem Schreibtisch befand, genommen hatte:
"Hygiene, mein Lieber! Hygiene ist alles! Die einzige Strategie, den Anschlägen
de Fliegen zu entkommen, besteht in bedingungsloser Hygiene! Man muss sich nur
einmal vorstellen, dass es sich eine solche sechsfüßige Bestie zuerst auf einem
Hundehaufen bequem macht und bereits Sekunden später in der Lage ist, aufgrund
ihres hochentwickelten Flugapparates mein frischgeöffnetes Marmeladenglas
aufzusuchen! Sollte ich nun in einem Zustand von Geistesabwesenheit mein
Frühstücksbrötchen mit dieser besudelten Süßspeise bestreichen, kommt es
innerhalb kürzester Frist zu Krankheitsübertragungen vermittels des berühmten
parasitären Hautmilbenfraßes, der bis zum heutigen Tage nicht wenigen zum
Verhängnis geworden ist! Nur Hygiene verspricht hier Rettung! Der
verantwortungsvollste Umgang mit Nahrungsmitteln, deren unablässiges Reinigen,
die höchste Sorgfalt in der Auswahl unserer Speisen!"
Nach einem weiteren Schluck aus der sich in ihrer Farbgebung weiter
verdunkelnden Flasche verstummte er allerdings, und vereitelte so mein Anliegen,
ihn nach dem Schutz vor Eichhörnchen, Erdmännchen oder Jörg Gräser zu fragen.
Möglicherweise ist auch hier Hygiene von nicht unerheblichem Nutzen, zumal ja
nicht immer und überall ein Invalidenrentner zur Stelle sein kann, der das
Problem mit einigen gezielten Krückenschlägen aus der Welt schaffen kann.
Euer Doktor Brachycera Diptera Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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