| Sambia |
Das
echte Afrika
Wo liegt eigentlich Sambia? Ich glaube, diese Frage muss jeder beantworten,
der sich für eine Afrikareise fernab von Safaris oder Strandkörben am Mittelmeer
entschieden hat. Sambia liegt im südlichen Afrika, und bis auf die Tatsache,
dass Sambia in der Liste der 50 ärmsten Länder der Welt einen Logenplatz inne
hat, handelt es sich um ein der Weltöffentlichkeit weniger bekanntes Land.
In
unserem katastrophengeprägten Afrikabild hat Sambia wenig Nachrichtenwert. Die
dramatischen Probleme in den Bereichen Wirtschaft, Bildung und Gesundheit
gleichen denen anderer Entwicklungsländer und sind somit ein Stück Normalität im
Weltgeschehen. Eine kostbare touristische Bedeutung fällt Sambia dennoch zu, da
die weltberühmten Viktoria-Wasserfälle ganz im Süden des Landes liegen.
September 2006: Das Abenteuer beginnt! Und das steht auch als erster Satz im
Reisetagebuch. Verschiedene Überlegungen regten mich zu einem vier Monate
dauernden Aufenthalt an. Zunächst ist da das Praktikum bei einer kleinen
ehrenamtlich arbeitenden Nicht-Regierungs-Organisation. Ferner treibt mich eine
Sehnsucht nach dem unmittelbaren Erfahren einer andersartigen Lebenswelt - auch
die Suche nach Antworten auf Fragen, die keine Antworten zu haben scheinen.
72 Prozent der Sambier leben unter der Armutsgrenze, jeder siebte ist
HIV-positiv. 100.000 Menschen sterben pro Jahr an HIV/AIDS. Folglich leben über
600.000 Waisenkinder in einem Land mit knapp acht Millionen Einwohnern.
Zwischenwelten: Ich werde vom ersten Tag an warmherzig und hilfsbereit von
meiner Gastfamilie in die Arme geschlossen. Trotzdem stellt sich zunächst ein
kleiner Kulturschock ein. Unzählige Bücher, Dokumentationen und Filme sind keine
Entsprechung für das übermannende Gefühl, wenn man das erste Mal durch ein
"Compound" (Armenviertel) in Lusaka geht. Alle fünf Sinne sind augenblicklich
gefordert. Es riecht nach Fäkalien, gerade zubereitetem Essen und frisch
gekohltem Holz. Die Sonne beißt einem in die Augen. Man springt mehr, als dass
man läuft, um den kleinen Rinnsalen und großen Schlaglöchern auszuweichen. Ein
ohrenbetäubender Lärm für europäische Ohren - Motorhauben werden zu Gartentoren
oder Metallschrott zu Kochtöpfen und Eimern verarbeitet. Es wird gehämmert,
geschmiedet und geschweißt. Jeder kleine aufkommende Wind weht Staubpartikel in
den trockenen, offenen und staunenden Mund.
Lusaka ist die Hauptstadt Sambias und ein Großstadtmoloch, wie er im Buche
steht. Jeder Mensch zwischen drei und sechzig geht irgendeiner Beschäftigung
nach: Steine sieben und verkaufen oder Wasser schleppen und in auf dem Kopf zu
balancierenden Plastikkanistern nach Hause transportieren. Hinter jeder
Straßenecke wartet ein Marktstand mit Gemüse und Waren des täglichen Bedarfs -
Coca Cola, Colgate-Zahnpasta und Benzin aus Plastikflaschen.
Bis zu meiner Abreise werde ich mich an die afrikanische Großstadt nicht so
richtig gewöhnen, obgleich ich mich recht gut mit ihr arrangiere: Minibusse mit
17 Fahrgästen und ich mittendrin. Heerscharen von Kindern, die "Muzungu" rufen.
Das heißt "weißer Mann". In Lusaka ist man nie allein und in gewisser Weise
überfordert vom schnellen und chaotischen Rhythmus der Stadt.
"Das echte Afrika": Mit diesem Slogan wirbt das sambische Tourismusministerium
und meint damit die großen Nationalparks am Rande der Nord-Süd-Tangente, in
denen sich die afrikanische Wildnis in einem fast unberührt anmutenden Zustand
bewundern lässt. Einige Abstecher führen mich aber in ein anderes "echtes"
Afrika, beispielsweise in den kleinen Ort Kanchomba in der Nähe des auf halber
Strecke zwischen Lusaka und Livingstone gelegenen Provinzstädtchens Monze.
Endlos weite Buschlandschaften und kleine Maisfelder. Frei umherziehende Kühe -
und Frauen, die am offenen Feuer "Nshima", einen Maisbrei, zubereiten. Durch
mein Praktikum lerne ich viele Menschen kennen. Die Lebensfreude und
Herzlichkeit ist atemberaubend, ich erkenne, dass das ihre Art ist, mit all den
Unwägbarkeiten umzugehen. Pessimismus und Niedergeschlagenheit tragen nicht zur
Lösung der Probleme bei, die ohnehin präsent genug sind. Es fehlt an
medizinischer Infrastruktur gerade bezüglich HIV/AIDS, und die soziale
Verschiebung - ausgelöst durch die enorme Anzahl von Waisen und Witwen - wirkt
brutal in die Alltagswelt hinein.
Atemraub: Später hatte die Regenzeit gerade erst begonnen und der Sambesi führte
zu wenig Wasser, um beim Besuch der Viktoria-Wasserfälle ein Postkartenpanorama
zu liefern. Ein fesselndes und imposantes Schauspiel stellt der Einklang von
Regenbogen, Sonne und Wasser dennoch dar. Die Bootsfahrt auf dem Fluss mit
schwimmenden Elefanten und gähnenden Krokodilen ließ einen Hauch von
Entdeckerromantik aufkommen. Es hieß, Abschied nehmen von einem wunderschönen
Land mit tollen, offenherzigen Menschen. Einem Land, das in vielerlei Hinsicht
ein Teil vom "echten" Afrika ist - sei es nun beim Beobachten von Nashörnern
oder beim Erkunden der Pfade abseits der touristischen Halsschlagadern.
www.philipp-in-afrika.blogspot.com
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| Wort und Bild: Philipp Seitz |
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