| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
vermutlich wartet man schon seit Wochen, um nicht zu sagen, Monaten auf dieses
Geständnis. Viele hatten bereits eine diesbezügliche Ahnung, wurden von
Vermutungen gequält; wirklich hässliche, jeglicher Grundlage entbehrende
Gerüchte sind in der Zwischenzeit aufgekommen, und ich gebe zu, was diesen Punkt
betrifft, unverhältnismäßig lange geschwiegen zu haben. Aber jetzt, vor den
Sommerferien, will ich endlich mein Gewissen erleichtern und gestehen: Ich dope.
Es tut mir entsetzlich leid, Euch das sagen zu müssen, aber ich und meine
Berater waren sich einig, mit diesem gezielten Schritt nach vorn das einzig
Richtige zu tun, und sämtlichen ins Kraut schießenden Spekulationen einen Riegel
vorzuschieben.
Ja,
ich dope, dope, dope. Jetzt tut mir den einen Gefallen und klappt Euren
Unterkiefer wieder nach oben! Du lieber Himmel, was ist denn schon groß dabei?
Habt Ihr in mir tatsächlich die große Ausnahme vermutet? Habt Ihr wirklich
gedacht, ich wäre der einzige, der ständig Spitzenleistungen bringt und dabei
völlig ohne Hilfsmittel auskommt? Nein, nein, nein, was für ein Unsinn! Hört auf
zu träumen! Wie jeder andere Radfahrer bin auch ich immer gedopt. Wenn ich Rad
fahre, lasse ich mir jedes Mal, bevor ich mich in den Sattel schwinge, eine
Spritze voller die Fahrfreude fördernder Chemikalien setzen, mir einen die Kraft
und Ausdauer vervielfachenden Cocktail aus Hustensaft und Testosteron durch die
Kanüle jagen, einen meine Fahreigenschaften veredelnden Zaubertrank unterjubeln.
Aber natürlich, was denn sonst! Anders geht das doch heutzutage überhaupt nicht,
ohne diese glorreiche Substanz sähe ich mich absolut außerstande, die im
Straßenverkehr geforderte Mindestgeschwindigkeit zu erreichen, verfügte über
keinerlei Reserven zur Beschleunigung, könnte nicht, wie bisher, Porsches,
Ferraris und Maseratis an der Ampel stehen lassen, wäre ein Verkehrshindernis,
ein Störfaktor, eine untragbare Belastung für meine an ungebremster Mobilität
interessierte Umwelt. Ich verstehe die Aufregung nicht. Gedopt werden doch die
meisten absolut teilnahmslos und in völliger Unwissenheit. Nur ein Beispiel an
dieser Stelle: Wie schnell zieht man sich in unserer Sportart schmerzhafte
Verletzungen zu, fährt sich den Wolf oder erleidet ähnliche mit einer guten
Salbe aus der Welt zu schaffende Verwundungen! Ist es etwa unsere Schuld, wenn
diese Spezialcreme dann zwei-, dreihundert verbotene Substanzen enthält? Ja?
Dann sollte doch die Frage erlaubt sein, wie viele der Millionen sich um das
Wohlergehen ihrer Haut sorgenden, tagtäglich mit ein, zwei Tuben Sonnenöl den
Rücken einfettenden Mitbürger darüber im Bilde sind, ob dessen Ingredienzen
eventuell Supermannkräfte auszulösen imstande vermögen? Eine verschwindend
geringe, in Richtung Null tendierende Anzahl, wage ich zu behaupten, sozusagen
niemand! Natürlich ist das Erstaunen dann groß, wenn man feststellt, plötzlich
unverwundbar zu sein oder im nächsten Schaltjahr so mir nichts, dir nichts eben
mal die Olympischen Spiele gewinnt. Aber direkt ärgern muss man sich darüber
doch nicht, oder? Doping erleichtert so vieles, macht schmerzunempfindlich,
lässt einen die Sinnlosigkeit eines tagelangen Bergfahrens vergessen, sich über
das Anlegen eines gelben Trikots freuen. Also, worüber regt Ihr Euch eigentlich
auf?
Ach so, Euch geht es um sauberen Sport! Was um alles in der Welt meint Ihr denn
damit? Zwei, drei Meter große Basketballspieler? Turmspringer mit Schnappatmung?
Boxer mit Killerinstinkt? Irgendwann geht es halt nicht schneller, weiter,
höher, irgendwann ist die natürliche Grenze menschlicher Belastbarkeit erreicht,
wer trotzdem nach einem Weltrekord Ausschau hält, muss sich eben was einfallen
lassen, und, wenn ich das so jovial formulieren darf, die bittere Pille
schlucken. Dem Risiko, mit verdächtigen Eigenblutkonserven im Rucksack entdeckt
und für zwei Jahre gesperrt zu werden, kann, wie mir meine Berater glaubhaft
versichern, immer noch durch ein strafverschonendes, sauberes Geständnis
zuvorgekommen werden! Ich wünsche Euch viel Spaß auf Euren sommerlichen
Radtouren, und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Erik Jan Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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