Dr. Winters Kolumne

Liebe Freunde,
man kann es drehen und wenden, wie man will, aber es ist und bleibt eine Tatsache, dass wir in diesem Jahr wirklich extrem arm dran sind, wenn es um das feierliche Andenken bedeutsamer Berühmtheiten geht! Das vergangene Jahr konnte sich mit einer Unzahl von Jubiläen und Gedenktagen enorm wichtiger Personen des Weltgeschehens nur so brüsten. Wolfgang Amadeus Mozart, Bertolt Brecht, Robert Schumann, Gottfried Benn, Henrik Ibsen! Welch klangvolle Namen lagen damals allenthalben in der Luft, welch trostreiche Ansammlung kultureller Großtaten wurde uns in jenen Tagen von den Medien mit unvergleichlichem Schwung um die Ohren gehauen! Ganze Fernsehabende hindurch war es möglich, sich den biografischen Nuancen dieser sich um das Weltkulturerbe verdient gemacht habenden Herren zu widmen, man konnte sozusagen gemeinsam mit einem hysterisch lachenden Mozart, einem Zigarre paffenden Brecht oder einem sich im Rhein ertränken wollenden Schumann den Feierabend verbringen. In diesem Jahr ist das Brüsten wesentlich schwieriger geworden, tatsächlich brüstet sich kaum noch jemand, weil es auf den Dr. Winters Kolumneersten Blick nichts zu brüsten gibt. Mit wem erschiene es denn auch gerechtfertigt, sich zu brüsten, wenn nicht ein einziges Genie zu finden ist, dass sich der Mühe unterzogen hat, vor ein-, zwei- oder dreihundert Jahren geboren zu werden? Hierin ist eine ärgerliche Nachlässigkeit der dafür zuständigen Familien erkennbar, eine bedauerliche Unmotiviertheit, die uns Heutige dazu zwingt, die belanglosesten Feste zu feiern. Andererseits muss man die Leute von damals auch verstehen. Vielleicht hatten sie ja schon ein Genie zu Hause, und wollten kein zweites. Der Umgang mit Genies soll schließlich nicht vollkommen unproblematisch sein. Genies sind anmaßend, egozentrisch, launisch, sensibel, unberechenbar, verrückt. Viele von ihnen rudern mit den Armen, rollen mit den Augen und stoßen unartikulierte Laute aus. Oftmals kann es ja als Glücksfall bezeichnet werden, wenn ein Genie als ein solches erkannt wird, bevor man es wegen schwerer geistiger Gebrechen in Verwahrung nimmt. Genies verfügen über ungewöhnliche Einfälle und eine absolut unorthodoxe Sicht auf die Welt, wodurch ein normales Miteinander naturgemäß auf das Empfindlichste gestört werden kann. Viele von ihnen bilden sich doch tatsächlich ein, sie wären etwas Besonderes, manche halten sich sogar selbst für Genies, was sich für alle Beteiligten zu einer enormen Belastung ausweiten kann. Unter diesen Umständen vermag man sich ja eine ungefähre Vorstellung davon machen, was bei Genies zu Hause so los ist. Tatsächlich brüsten sich die wenigsten Familienangehörigen von Genies mit ihnen. Im Gegenteil. Sie sind ihnen peinlich, unangenehm, lästig. Nur uns fehlen sie Jahrhunderte später in erster Linie der Gedenktage und des Fernsehprogramms wegen. Aber vielleicht ist es ganz gut, dass wir in diesem Jahr von ihnen verschont bleiben und stattdessen ein so schönes Jubiläum wie den 100. Gründungstag der Pfadfinder begehen dürfen. Jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen, ist doch ein wesentlich würdigerer Grund zu feiern, als jeden Tag einen exzentrischen Ausbruch erleiden zu müssen! Man sieht, das diesjährige Ausbleiben spektakulärer Jubiläen ist längst kein Grund, den Kopf hängen und die Tage in stillem Hader verstreichen zu lassen! Im Gegenteil, solange uns konstante Gedenktage wie der Weltblutspendetag (14. Juni), der Weltkatzentag (8. August) oder der Weltputzfrauentag (8. November ) die Möglichkeit eröffnen, ihrer mit einer respektablen Orgie zu gedenken, besteht nicht der geringste Grund zu Verzweiflung und Klage. Mit diesem optimistischen Ausblick verabschiede ich mich für heute und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Strawinsky
Orff Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC