Sean McCaw

Sean McCawMit Jena aufzusteigen, das wäre das Größte

Heute ist ein schöner Tag. Auch die Sonne scheint, das ist doch was! Gegen Mittag kommt Sean McCaw, seines Zeichens Star der Jenaer Pom-Baskets, die gewaltig an die Tür zur Basketball-Bundesliga klopfen, zu uns auf die Promi-Couch nach Erfurt. Nur eins ist schlecht, unsere Interviewmieze Krissi liegt krank im Bett (Gute Besserung!). Was soll's! Dann schnapp ich mir eben den Sean. Hoffentlich ist er nicht enttäuscht. Naja, zumindest ist das Wetter schön.


Sean ist pünktlich. Mann, was ist das für ein Hüne. Zwei Meter und vier Zentimeter groß - so sehen also Basketballer aus. Ich sage ihm, dass er heute leider mit mir ein paar Stündchen verbringen muss. Ob er enttäuscht ist? Vielleicht? Aber zumindest lässt er es sich nicht anmerken. Ich bin beruhigt, und wir kommen schnell und ungezwungen ins Gespräch.
Der lange Schlacks wurde 1973 in New York geboren und hat bis zu seinem 5. Lebensjahr im Stadtteil Queens gelebt. Danach ging's nach Las Vegas - Familienwille, da Mum und Dad wünschten, dass er behüteter aufwächst, als es die Zustände im New Yorker Königinnen-Quartier zuließen. Zudem ist Seans Mutter großer Elvis-Fan. Das passte doch!
Der McCaw-Clan war schnell von der bunten und niemals schlafenden Stadt im amerikanischen Westen begeistert, so dass Sean, bereits talentierter Ballkünstler, bis Ende der High-School in Viva Las Vegas lebte. 17jährig verschlug es ihn erst an die Uni nach Arizona, dann nach Utah, wo er gestützt von einem Stipendium für herausragende sportliche Leistungen im Jahr 1995 seinen Abschluss machte.
Der Basketballer hatte danach eigentlich nur einen Wunsch: Spielen! Und es lagen ihm mehrere unterschriftsreife Angebote aus Europa vor. Also griff er zu und entschied sich schlussendlich für die Österreichische Basketball-Bundesliga, für Kapfenberg. Hä, wo ist denn das? In Österreich eben. Na dann! Sean, wie war das so in Kapfenberg? "Dort konnte ich erste Erfahrungen sammeln. Eigentlich wollte ich auch nicht lange bleiben, aber nach einigen Spielen hat mich ein Schienbeinbruch zurückgeworfen. Ich war acht Monate außer Gefecht. Der Verein ist mir trotzdem treu geblieben und so bin ich noch vier Saisons geblieben und dann innerhalb der Liga nach Traiskirchen gewechselt", erzählt der lange Ami, der verdammt gut deutsch spricht.
Halt! Ami? Da war doch was! Stimmt! Seit 2000 ist Sean Österreicher! Warum das denn? "Irgendwie dachte ich ein Leben lang in Österreich zu bleiben. Außerdem fiel ich somit nicht mehr unter die Ausländerbegrenzung der EU-Clubs." Unter die Begrenzung fällt er seither nicht mehr, aber in Österreich ist er nicht geblieben. Vielmehr verspürte er den Drang, Europa kennenzulernen. So ging die Reise weiter und erst so richtig los: 2000 nach Paris, 2001 nach Madeira, 2002 nach Oldenburg, 2003 nach Leicester und von 2004 bis 2006 nach Genf.
Nun ist er in Jena angekommen, seit August 2006 spielt er für die POM-Baskets. "Ich fühle mich in Jena sehr wohl, trotz anfänglicher Bedenken wegen meiner Hautfarbe. Aber das sind wirklich nur Vorurteile gewesen. Das ist überhaupt nicht so. Meine Vertragverhandlungen liefen auf Hochtouren, und ich habe mich entschieden, zwei weitere Jahre für die Baskets zu spielen. Jetzt kommt auch endlich meine Frau aus Zürich hierher. So würde ich auch gern nach meiner aktiven Laufbahn noch lange in Jena bleiben." Diese Worte aus dem Munde eines Globetrotters laufen einem Thüringer wie mir runter wie Öl. Ach, in Jena lässt sich's leben. Sag ich doch immer!
Doch zurück zu Sean, der hinzufügt: "Es ist mein Wunsch, mit Jena in die erste Liga aufzusteigen. Das wäre die Crown meiner Karriere. Ich habe viel erlebt, bin Meister geworden, Pokalsieger. Aber gerade mit Jena aufzusteigen - das wäre das Größte!" Der Mann meint es ehrlich, dass merke ich. Denn er schwärmt. Er schwärmt von der kleinen Saalestadt und schwärmt von seinem Team. "Hier passt einfach alles. Das Team stimmt total. Die Leute sind sympathisch", so der abergläubische Allrounder der POM-Baskets. "Ja, ich habe auch Rituale. Vor jedem Spiel mit meiner Frau telefonieren, und der Ehering kommt in den Schuh. Wenn's mal schlecht läuft im Spiel, wechsle ich in der Halbzeitpause Unterhemd, Schuhe und Socken. Läuft's gut, wechsle ich nur Unterhemd und Socken."
Bleibt zu hoffen, dass Sean die Schuhe in den verbleibenden Spielen nicht mehr wechseln muss! Denn dann heißt es: Aufstieg geschafft! Erste Liga wir kommen. "Noch denken wir nicht daran, denn es wäre wirklich eine Sensation. Aber ich bin der schlechteste Verlierer der Welt. Für mich zählen nur Siege. Während der Spiele bin ich immer sehr emotional, schreie und schimpfe. Es ist der Ehrgeiz, der mich bis hierhin gebracht hat. Nach dem Spiel ist wieder alles ganz anders. Dann bin ruhig, schnappe mir meinen I-Pod und relaxe. Ich bin ein großer Musikfan."
So packt den Sportler durch und durch auch ab und an die Muse. Neben seiner Liebe zur Musik hat er auch seine Leidenschaft und Begabung für das Schreiben entdeckt. Sean steht kurz vor der Fertigstellung seines ersten Buches, eines Guides für Basketballer in Amerika, die nach Europa wollen. Diesen kann er dank seiner umfangreichen Erfahrungen mit Tipps und Tricks zu Seite stehen. Durch dieses Buch hat Sean selbst gemerkt, was er schon alles in Europa erlebt hat, eine schöne Zeit weitab seiner alten Heimat, der Staaten, die er fast jeden Sommer besucht. Und doch kehrt er immer wieder zurück in seine neue Heimat, eine kleinen Stadt im Schatten der Kernberge ...
www.myspace.com/same_name_different_game
www.jena-baskets.de
 
Wort und Bild: Niklas Hoffa, P.D.