Köstritzer Spiegelzelt

Kunst zum Knutschen

Dass das Köstritzer Spiegelzelt in Weimar steht, wissen inzwischen alle. Die vierte Saison läuft von 3. Mai bis 17. Juni. Auf dem Beethovenplatz der Klassikerstadt werden dann erneut Kunst und Kulinarisches serviert.


Nessi TausendschönWir greifen direkt ins Programm und weisen auf einige Höhepunkte unter Höhepunkten hin. Dabei lernen wir etwas über Blumen, Blasmusik und Buscaglione - unter anderem.
Nach einer Blume hat sich die ausgebildete Zierpflanzengärtnerin Nessi Tausendschön benannt. Das klingt hübsch und macht neugierig. Die Künstlerin wird's wissen - sie kann mit Worten umgehen. Und singen. "Restwärme" gibt sie Euch am 9. Mai, der Untertitel lautet "Akustischer Honig". Und Tausendschön erklärt: "Es wird beschrieben, wie Frauen klammern, der Mond wird besungen ... und natürlich auch das ewige Thema, die Liebe. Alles Themen von bestürzender Positivität, die emotionale Frustbeulen an der Taille packen und so lange schütteln und sie dann an den Rand des Abgrunds tanzen, bis sie wie Seifenblasen im Wind an den Klippen der Herrlichkeit zerschellen." Nessi Tausendschön wurde Global Krynernin Hannover geboren und lebt heute in Köln.
Der Oberkrainer Sound - benannt nach einer Landschaft - kommt aus Slowenien. Sein "Vati" heißt Slavko Avsenik. Letzterer ist vor allem Freunden der Volksmusik bekannt. Aber auch den Global Krynern! Die kommen aus Österreich und sagen: "Wer erinnert sich nicht an Slavko Avsenik und seine Original Oberkrainer? Wie viele waschechte Österreicher haben dereinst geflucht, dass dieser goldene und vergoldete Sound von Slawen und nicht 'Berggermanen wie ihnen' kreiert wurde. Doch man schloss sie ins Herz - die Oberkrainer." Und die Global Kryner? Sind angetreten, dies Genre "aus der Bierzeltseligkeit in ein seriöses World-Music-Genre zu übersetzen" und "zu beweisen, Konrad Beikircherdass jedes Lied, jede Melodie aus Pop, Jazz und Klassik verkrainert werden kann". Zu erleben ist das am 10. Mai im Spiegelzelt.
Bleiben wir in den Bergen: Konrad Beikircher stammt aus Südtirol und trägt aus seiner dort verlebten Jugend die Liebe zur Musik im Herzen. Mit "Ciao, ciao Bambina" (6. Juni) zollt er der Tribut und würdigt vor allem Fred Buscaglione, einen italienischen Unterhaltungsmusiker der 1950er Jahre. "Im Schuljahr 1958/59", erinnert sich Beikircher, "hatte ich meine erste Freundin ... Wir saßen in der Bar Moser oder in der Loreto Bar: Dort gab es dunkle Knutsch-Ecken und die Wurlitzer ... Natürlich warfen wir Fred Buscaglione ein." Peter Kraus war verpönt.
Nach dem Abitur ging Beikircher, der spätere Gefängnis-Psychologe und Rheinländer, zunächst nach Wien. Dort hatte H.C. Artmann 1958 einen Gedichtband veröffentlicht, "der die Wiener Mundart-Dichtung schlagartig verändert hat ... Anna Kubindie bis dahin die Dialektdichtung beherrschende 'Wiener Gemütlichkeit' mit einer poetischen Kraft vom Tisch fegte, die heute noch ihresgleichen sucht". Konrad Beikircher vertonte etliche Artmann-Gedichte und präsentiert sie am 7. Juni in Weimar. Ein Chanson-Ereignis!
Ein weiteres dieser Gattung haben die junge Schauspielerin Anna Kubin und ihr Trio Grand Cru in eine Blaue Stunde verlegt. Ars Vitalis"L' heure bleue" heißt die Hommage an die großen jüdischen Komponisten und Chansonniers der Goldenen Zwanziger (u.a. Friedrich Hollaender). Termin hier ist der 25. Mai.
Zuguterletzt Ars Vitalis, drei reife Herren mit neuem Programm ("Fernwehen", 14. Juni), Musik, Absurdem und Sprachspielen. "In stoischer Altersabwesenheit schreiten sie voran auf ihrem schönen Weg durch die Unbillen des Vorgefundenen und entdecken in größter Verzückung Dinge, die andere nie finden wollten." Das klingt vielversprechend, und alles ist klar.

www.koestritzer-spiegelzelt.de
 
Wort: Bastian Cramer /
Bild: Achim Kröpsch, Makoto Kemmisaki, Harald Hoffmann, P.D.