| Vorsicht Thiel! |
Was ist wichtiger als die CDU in Sachsen?
In Leipzig war Buchmesse, und die ging wieder mit Rekorden zu Ende.
Das
verwundert in einem Land, dessen Sprache für SMS zu kompliziert und zum Sprechen
zu schwierig ist. Da habe ich ans Lesen noch gar nicht gedacht. In diesem Land
erreicht eine Buchmesse Rekordzuspruch?
Na klar, es gibt ja Hörbücher, Comics, Bildbände und Kochbücher! Mal ehrlich,
wer liest noch freiwillig ganze Romane, wenn die eh verfilmt werden? Und wer
kennt neben den Klitschkos weitere osteuropäische Autoren aus Hamburg? Manche
fragen sich vielleicht gerade, wie viel PS ein "Autor" haben könnte. Ich
persönlich lese alles, was mir in die Hände kommt und entscheide erst dann, ob
ich fertiglese oder gleich wieder aufhöre. Oft sind es nur kurze Geschichten,
wie neulich, als mir zwei Texte von Arnold Vaatz gereicht wurden. Dieser junge
unbekümmerte Autor schrieb ein paar Gedanken auf, unter dem Titel "Die
totalitären Eliten" und kurz darauf noch einen Offenen Brief an die
"Unterzeichner des Demonstrationsaufrufes - Welterbe erhalten: Jetzt!". Seine
beiden wunderbaren Texte gehören unmittelbar zusammen und richten sich mit
warmherzigen Worten an die Blockadeelite oder auch Definitionselite, also die
UNESCO und die Grünen, jedenfalls die Linken bzw. alle, deren "Hass-Salven und
verbale Stalin-Orgeln" sich gegen die "hunderttausenden Dresdner" wenden. Der
liebe Dresdner weiß Bescheid, es geht um die Waldschlösschenbrücke. Vielleicht,
vielleicht auch nicht. Denn, der in Literaturkreisen noch unbekannte Autor Vaatz
hat sich gedacht, wenn ich schon mal schreibe, dann kann ich gleich alle meine
persönlichen Probleme ansprechen. Schließlich ist Schreiben auch eine Form der
Therapie. So sitzt da noch tief in ihm etwas, was ihn die hassen lässt, die
bereits damals "über das Privileg eines Reisepasses verfügten" (Künstler!). Und
weil er sowieso gerade über die DDR (ehemaliger Staat auf dem Gebiet der neuen
Bundesländer) schrieb, gleich noch die Frage, was die UNESCO eigentlich gegen
die Sprengung der Sophienkirche unter Walter Ulbricht getan hat. Toll! Da hat
der Autor endlich ein Thema eingebracht, was schon lange nicht mehr ignoriert
wurde. Zum Glück hatte die heutige Bundesregierung damals keine
Entscheidungsgewalt über die UNESCO. Die hätten sonst Kampfflugzeuge nach
Dresden geschickt … Natürlich nur zur Aufklärung. Klingt komisch? Wieso? In
Afghanistan kann man aus der Luft die Taliban von den Normalos unterscheiden.
Ich glaube, das hängt mit der Haarfarbe zusammen. Blond - gut. Nix blond - nix
gut. Sonst hätten wir doch keine Tornados hingeschickt. Stimmt's, Herr Vaatz? Er
könnte das sicher erklären, denn er sitzt ja, wenn er nicht als Autor arbeitet,
im Bundestag für die CDU. Aber noch mal zu seinen literarischen Aufgüssen. Er
stellt ganz wesentliche Fragen: Was erlauben UNESCO? Was ist wichtiger als die
CDU in Sachsen? Okay, er nennt es etwas anders. Für ihn hat der Richterspruch
des OVG in Bautzen zur Brücke "hunderttausenden Dresdnern das Vertrauen in den
Rechtsstaat zurückgegeben". War das Vertrauen in den Rechtsstaat nach 17 Jahren
CDU-Regierung in Sachsen etwa verloren gegangen? Nicht der einzige kleine
Ausrutscher …
Vaatz bringt an anderer Stelle gezielt den Begriff Prekariat mit ein, allerdings
etwas schlampig. Da Prekariat von prekär und Proletariat abgeleitet wurde, kann
man den Chef der Kunstsammlungen, des Grünen Gewölbes, Kunstpreisträger,
Theaterintendanten, Wissenschaftler, Musiker und Schauspieler nur schwer damit
in Zusammenhang bringen. Ich denke, da handelt es sich um ein Versehen beim noch
jungen Literaten, dem die Emotionen ein wenig durchgegangen sind. Verzeihen wir
ihm das. Im nächsten Augenblick stellt er nämlich schon wieder die richtigen
Fragen: Woher will diese (Prekariats-)Elite wissen, ob die geplante Brücke schön
ist? Das ist doch gar nicht deren Fachgebiet. Er weiß natürlich etwas darüber,
er hat ja Mathematik studiert. Außerdem liebt er das moderne Dresden und sein
großartiges Entwicklungspotenzial. Damit ist er nicht allein. Hinter oder vor
oder unter oder über ihm steht als Beweis der Richtigkeit aller Thesen "Georg -
der Sachse" mit seiner Kampfeslosung: "Der Verlust des Welterbetitels ist
verkraftbar!" Da hat er Recht, denn warum kommen die Touristen nach Dresden? Sie
wollen die wunderbare Altmarktgalerie (einzigartig!) sehen, auf der Wilsdruffer
(Broadway des Ostens) schlendern und auf dem Postplatz (erlebnisorientiert!)
quietschvergnügt von Bahn zu Bahn steigen. Ja, und der Riegel (einfach nur
schön) zieht nicht zufällig die Architektur-Gurus der Welt samt ihrer
Studentenschaft ins Elbtal, die sich bald auch am Kubus (Vorfreude!) ergötzen
können. Immer wieder werde ich von umherirrenden Touristen aus Australien,
Hoyerswerda oder den USA hilfesuchend angefleht: "Where the fuck ist the
Wood-Castle-Bridge?" (Wo ist denn nun die Waldschlösschenbrücke?). Japaner
interessieren sich eher für den Sächsischen Landtag. In Italien rühmt man die
"Stadt des Hauptbahnhofes mit Wiener Platz". Die Prager gilt vielen Spaniern als
der größte Windkanal der Welt und der Pirnaische ist selbst für Chinesen ein
gigantisches Verkehrskreuz. Natürlich stoßen sie dabei zwangsläufig auf die
Frauenkirche, den Zwinger, die Semperoper oder das Schloss. Und immer wieder die
Frage: "Warum besteht ihr so auf diesem Filzpantoffel-Museum?" Aber, Licht am
Ende des (darf ich das sagen?) Tunnels: Dank wasserdichter Verträge mit der
damaligen Landesregierung sind die Wettiner dabei, sich ihre (?) Sachen
zurückgeben zu lassen, so dass das alte Gelumpe sicher bald weg sein wird. Lohnt
es sich noch, das Schloss fertig zu bauen? Na klar, das bringt bei der
Versteigerung noch mehr Kohle. Aber zurück zu unserem Jungautor Arnold. Er hat
die Eliten, die den Ruf der Kunststadt Dresden ausmachen, mal so richtig auf
Alltagsniveau heruntergeholt (quasi von den Bäumen), er hat sie allen
verständlich gemacht und sie den "hunderttausenden Dresdnern" auf sympathische
Art nähergebracht. Mehr noch, er hat mit seinen Werken so viel Neugier geweckt,
dass man gespannt sein darf auf Vaatzsche Beiträge zu anderen Themen der
Zeitgeschichte: Hatte er Henry Maske auf den Punktzetteln auch vorn? Ist Florian
Silbereisen ein besserer Komiker als Mr. Bean? Was sagt ein Literatur-Rebell zur
intellektuellen Leistung der Dresdner Stadtväter, die sich völlig überraschend
den Kulti vor der Nase schließen lassen? Und warum war Professor Ludwig Güttler
gegen den Wiederaufbau der Frauenkirche? Vielleicht habe ich auch alles nur
falsch verstanden und damit meine Schwächen im verstehenden Lesen offenbart. Na
und? Da wäre ich wenigstens bei einer demokratischen Mehrheit in diesem Lande
dabei, und die zählt mehr als Verstand …
Auf der Suche nach Antworten, Euer Mario
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| Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade |
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