| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
vor wenigen Minuten bin ich in mein neuerworbenes, sportives, stabiles Schuhwerk
geschlüpft, um eine reformpädagogische Wanderung in das von der herrlichsten
Landschaft umgebene Schnepfenstein anzutreten. Denn die Sonne lockt, der Himmel
ist blitzblank, die Luft warm, die Knospen schießen hervor, allerlei munteres
Getier entfleucht seinen Höhlen, Grotten und Erdlöchern, mit einem Wort: Der
Frühling hat sich eingestellt. Wieder einmal bringt die wonnigste aller
Jahreszeiten, diese alljährlich wiederkehrende sensationelle grüne Ermunterung
Lebensfreude und
Daseinsbegeisterung
in unsere Breiten. Und es wird einem nicht über, zum wiederholten Male die
brillant kolorierten Stiefmütterchenrabatten rings um das Hotel Mercure zu
bewundern und sich am täglich üppiger wuchernden Baum- und Blattwerk unterhalb
des Schloßberges zu berauschen. (Selbst der versteinerte Wald im Foyer des
Tietz-Kulturkaufhauses wirkt derzeit ja nahezu lebendig.) Nein, der Frühling
wird einem nicht über, im Gegenteil, vielen spreche ich ja aus dem Herzen, wenn
ich sage, es sollte öfter Frühling sein, dieses wunderbare Schauspiel, das
Aufwallen der Gefühle könne sich durchaus wesentlich regelmäßiger, innerhalb
weniger Wochen wiederholen. Denn Wiederholungen dieser Art machen glücklich. Wir
Menschen lieben Wiederholungen, wir wiederholen uns gern, wir sind an sie
gewöhnt, weil unser ganzes Leben aus Wiederholungen besteht. Wiederholungen
stellen das Prinzip unseres Daseins dar. Unentwegt, Tag für Tag, 70, 80 Jahre
lang wiederholen wir uns unentwegt, ständig, pausenlos. Wieder und wieder üben
wir Tätigkeiten aus, reagieren mit Reflexen, die, würde man sie nur ein einziges
Mal ausführen, bestenfalls eine halbe Stunde in Anspruch nähmen, so aber
Dekaden, Äonen ausfüllen. Ein Leben lang multiplizieren wir körperliche
Vorgänge, sich verselbstständigende Handlungen. Es beginnt mit
Unscheinbarkeiten, kleinen, unmerklichen Zuckungen, die sich summieren, zu einem
Orkan, einer Überflutung aus Muskelkontraktionen, Vorgängen makroskopischer
Anatomie, neurochemischen Prozessen, höchstwillkommener, erfreulicher
Streckungen und Beugungen ausweiten, und sich schließlich als unser Leben
herausstellen. Immer und immer wieder tun wir dasselbe, funktionieren wir auf
die gleiche Art und Weise und haben Freude daran.
Immer wieder sind wir begeistert von der Möglichkeit, die Nasenflügel zu weiten,
die Kinnlade herunterklappen oder das Nackenhaar aufstellen zu können.
Wiederholung ist alles. Allein, wenn man bedenkt, wie oft man sich im Laufe
seines Daseins hinsetzt und wieder aufsteht und dieses Hinsetzens und Aufstehens
niemals überdrüssig wird, im Gegenteil, am Hinsetzen und Aufstehen einen
derartigen Gefallen zu finden beginnt, dass man nach Möglichkeiten sucht, sich
noch öfter hinzusetzen beziehungsweise aufzustehen, unentwegt nach einem Anlass
Ausschau hält, blitzartig emporzuschnellen, um kurz darauf wieder in sich
zusammenzusinken, erneut aufzustehen, Platz zu nehmen, und so weiter und so
fort. Millionen, Milliarden anderer Beispiele wären an dieser Stelle anzuführen:
Das Öffnen und Schließen von Türen etwa, das Drücken von Knöpfen an
Küchengeräten, Fernbedienungen, Kraftfahrzeugen oder das Phänomen, sich so oft
im Spiegel zu betrachten, bis man feststellt, dass man sich von Tag zu Tag immer
unähnlicher wird. Jede Beschneidung, jede Verringerung unserer diesbezüglichen
Möglichkeiten empfinden wir als Katastrophe, als dramatische Einschränkung
unserer Lebensqualität, sich nicht mehr wiederholen zu können, bedeutet
vollkommen unglücklich, unbeweglich, statisch zu werden. Wie gesagt,
Wiederholung ist alles, und wunderbarerweise wiederholt sich auch dieses, so wie
jedes Jahr der Frühling. Es sollte öfter Frühling sein! Mit dieser Wiederholung
verabschiede ich mich für heute, und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor over and over again Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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