| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde,
es ist mir ein inneres Anliegen, unseren Blick über die Grenzen unserer
Heimatstadt hinaus zu weiten auf unbekannte Landstriche und entlegene Gestade,
auf sonderbare Gebräuche und beachtenswerte Errungenschaften, deren
Kenntnisnahme uns den Alltag auf eine feine, unaufdringliche Weise zu bereichern
verspricht. So sollte, wenngleich uns auch die Freude beschieden ist, in einer
der ansprechendsten Ansiedlungen westlich des Urals leben zu dürfen, es unser
Schaden nicht sein, mit nie erlahmendem Interesse das Treiben in anderen
Populationen zu verfolgen. Gerade heute, während umtriebiger Recherchen in
Reisebüros und Taxiunternehmen, fiel beim Durchblättern eines
Neckermann-Kataloges mein von unstetem Herumschweifen nicht wenig getrübtes Auge
auf das in Irland gelegene Städtchen Limerick.
Nun
wäre über jenes Limerick nicht allzu viel zu sagen, analog anderer irischer
Ortschaften verfügt es wohl über eine ansehnliche Menge an Pubs und darf sich
gleich einer Unzahl ähnlicher Städte mit dem Vorhandensein besonders grünen
Grases und unaufhörlichen Regens brüsten, aber sein eigentlicher Ruhm rührt
daher, dass ihm die Welt die Herkunft des Limericks verdankt. Für den Fall, dass
dem einen oder anderen noch nie ein Limerick untergekommen sein sollte, will ich
an dieser Stelle ein paar Worte darüber verlieren, was wir unter diesem Begriff
zu verstehen haben. Der Limerick ist ein kurzes Gedicht, ein Fünfzeiler, dessen
Reimwort der ersten und zweiten Zeile sich in der letzten Zeile wiederholen
muss, darüber hinaus sollte der Limerick im Bereich des Nonsens angesiedelt
sein, und über einen möglichst witzigen Schluss verfügen. Ein typisches Beispiel
für einen Limerick ist das folgende, der äußerst beliebten Limerick-Sammlung "Mother
Goose's Melody" entnommene Werk: "Hickory, dickory, dock! The mouse ran up the
clock. The clock struck one, the mouse ran down. Hickory, dickory, dock!" Welch
köstliche Kanonade sprühenden Witzes uns da entgegenlacht! Nun ja. Nicht alle
Limericker sind von vornherein des Limericks mächtig gewesen. Hierzu bedurfte es
eines kühnen Geistes, eines Engländers namens Cosmo Monkhouse, der Anfang des
19. Jahrhunderts die Massen mit seinen selbstverfassten Reimen zur Raserei
brachte.
Da bereits das Aussprechen des seltsamen Namens dieses Mannes einen gewaltigen
Schub ungebremster Heiterkeit bei mir auszulösen imstande war, überkam mich ein
starkes Verlangen, es Herrn Monkhouse gleichzutun, und selbst einen Limerick
herzustellen. Meine Bemühungen waren nach zwei Stunden starken Grübelns von
einem kleinen Erfolg gekrönt. Hier das Ergebnis: "Es traf dereinst ein Flügel
auf einen Kleiderbügel. Der Flügel war gestimmt, der Bügel war gekrümmt und
diente auch als Prügel." Zunehmender Enthusiasmus erfasste mich, ein Ehrgeiz, es
noch besser machen zu wollen, welcher schließlich in folgendem Vers kulminierte:
"Nach einem Regenguss trieb irgendwas im Fluss. Da fragten zwei Passanten: Warum
willst du nicht landen? Weil ich halt treiben muss!" Angespornt durch das
Gelingen der beiden ersten, eher allgemein gehaltenen Limericks schien mir die
Zeit reif zu sein, die Handlung mit ein wenig politischer Brisanz zu würzen:
"Herr Bush beim Sonnenbaden bekam 'nen Hitzeschaden. Er sprach: Kopfschmerzen
hab ich. Die Wärme war arabisch. Die Schuld trägt nur Bin Laden!" Jedem sei es
geraten, sich selbst in dieser spezifischen Kunst des Reimeschmiedens zu
versuchen, möglicherweise erreicht Ihr damit die selben Resultate, wie der im
folgenden Limerick beschriebene junge Herr: "Blitz-Leser Hilmar Lück brachte
mein Schriftstück Glück. Für seine Auserwählte gab es nur eins, was zählte: Ein
guter Limerick!" Mit diesem möchte ich mich für heute verabschieden und
verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Ogden Nash Winter
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| Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC |
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