Krissi trifft Chapeau Claque

Das Mädchen, das loszog, um zu singen

Krissi trifft Chapeau Claque"Sorry, mein Zug kommt erst 14 Uhr in Erfurt an. Werde also 10 bis 15 Minuten später im Café C sein. Bis gleich!" Das ist also Maria Antonia Paula Schmidt, 20 Jahre jung und Chapeau Claque! Rum wie num, ich beschließe, sie direkt vom Zug abzuholen und so landen wir - keine zehn Minuten nach Eintrudeln ihrer SMS auf meinem Handy - dann doch anders als geplant, im Asia-Imbiss im Erfurter Hauptbahnhof. Sie trinkt Mangosaft, weil sie vom Feiern am Vorabend in Weimar, so gibt sie ein wenig peinlich berührt zu, wahrscheinlich immer noch 1,8 im Turm hat und die Vitamine ihr das Zittern aus den zarten Fingern treiben sollen. Ich, clean wie immer, entscheide mich für Frühlingsrollen mit süßsaurer Soße und Lycheesaft. Und so sitzen wir uns dann gegenüber, noch nie zuvor gesehen, gehört und gesprochen, inmitten dieser stetig geschäftigen, schnellen Welt, wie sie der Hauptbahnhof einer Landeshauptstadt besser nicht zeigen kann.


Ooch! Es tut mir leid, aber ich war gestern seit langem mal wieder bei der Jule und irgendwie, na ja, es war halt ein schöner, lustiger Abend!" Jule, erklärt mir Maria, ist das Mädel, mit dem gemeinsam sie einst die Mädchenminimalelektrokombo Zweieckenkreis aus dem Boden gestemmt hatte. An der Soundmaschine: Jule. Krissi trifft Chapeau ClaqueAls Stimme mit Cello-Einlagen: Maria. Aber irgendwie, das kommt nun einmal vor im Leben junger, heranwachsender Kreativköpfe, geht man auseinander. Die beiden nämlich bemerkten erst, als es hart auf hart kam - in diesem Falle ging es um die Vertragsunterschrift für Zweieckenkreis beim Erfurter Label First Decade -, dass sie eigentlich gar nicht mehr zusammen arbeiten wollen. Freundinnen aber sind sie immer noch! Und das glaub ich ihr angesichts der latenten Augenringe und dem niedlich zerknautschtem Gesichtsausdruck. Unterschrieben hat Maria den Plattenvertrag schließlich allein, als Chapeau Claque.
Wir quatschen so dahin, über Musik, ihr Studium, Erfurt an sich und den Chapeau-Claque-Auftritt mit Northern Lite bei Stefan Raabs Bundesvisionsongcontest mit der Single "Enemy". "Mal ehrlich! Schiss gehabt?" frage ich kurz und knapp. Und Maria antwortet auf ihre eigene, irgendwie liebenswerte Art: "Also, da muss ich dir zuerst meinen Mensa-Komplex erklären!" Ich staune. "Mensa ... was? Ja, nee, is' klar!". Fünf Minuten später weiß ich Bescheid. In Marias Schulzeit am Erfurter Steingymnasium war sie höllisch in einen Typen verknallt. Und jedes Mal, wenn diese Schöpfung Gottes die Mensa betrat, blieb Maria das Essen wie der sprichwörtliche Frosch im Halse stecken, die Luft war weg, sie flüchtete, musste sich beruhigen, um dann Minuten später den gleißend hell ausgeleuchteten Raum, die Mensa eben, erneut betreten zu können - mit gesenktem Haupt. Kennen wir doch alle! Oder nicht? "Ich habe kein Problem damit, vor 4.000 Leuten bei SonneMondundSterne zu spielen, aber so live in 'nem Fernsehstudio (gleißend helles Licht - d.A.), vor einem Millionenpublikum, da wird mir wirklich Himmel, Angst und Bange."
Krissi trifft Chapeau ClaqueSo ist Maria, sie schwärmt von rumänischer und baltischer Folklore im Drum-and-Bass-Mix, von Studienabbrüchen aus rein ideologischer Überzeugung und von der Angst davor, irgendwann irgendwelche Interviewfragen nicht beantworten zu können, weil sie eben nicht TV schaut. "Ich weiß, da muss ich echt an mir arbeiten", kommt kleinlaut über den Tisch geflogen. Und ich frage einfach nur: "Warum?" Wenn Maria keine intellektuell gestellten Fragen zum allgemeinen Fashion-Trend auf MTV beantworten kann, weil sie eben kein MTV schaut, dann ist ihre Antwort doch mehr Statement und Aussage als irgendwelches oberflächlich dahingelabertes Blablabla. Sie ist ein reiner Mensch! Marias Geist ist noch jungfräulich, unverschmutzt von daherwerbenden Marketingstrategien, die täglich auf uns einprasseln. Wie gesagt, noch!
Ihr ist durchaus klar, dass sie sich mit der Veröffentlichung ihres ersten Albums "Hand aufs Herz" am 24. Februar im Erfurter Club Centrum und nicht zuletzt auch mit dem Auftritt beim BuViSoCo, auf den Weg macht bzw. gemacht hat. Das Ziel ist noch nicht eindeutig erkennbar, es schwankt bildhaft irgendwo zwischen einer musikalisch basierten Existenz, dem experimentellen Hintergrundgedanken des großen Ganzen oder doch lieber einer pädagogischen Hilfsaktion für bedürftige Kinder in Laos. Maria! Eben! Ein Mädchen, das loszog, um zu singen. "Einfach Singen, so wie die Mutter, die ihrem Kind ein Lied singt und dabei neun von zehn Noten nicht trifft, ihrem Kind aber trotzdem ein Lächeln ins Gesicht zaubert!" Spätestens als ich mit Maria im Auto saß und sie leise zu den Smashing Pumpkins mitsummen hörte, während sie sich die Augenringe für unser gemeinsames Fotoshooting im BLITZ!-Büro wegschminkte, hatte auch ich ein Lächeln im Gesicht. Danke, Maria Antonia Paula Schmidt!
www.chapeauclaque.net


Termin
24.02. Erfurt, Club Centrum
 
Wort: Kristina Hentsch / Bild: Niklas Hoffa