Vorsicht Thiel!

Vorsicht Thiel!Alles, nur kein Stadion

Ich weiß nicht, wie das Wetter sein wird, wenn Ihr diese Kolumne lest, aber ich finde es, egal wie, nicht normal. Kaum habe ich mich daran gewöhnt, dass der Januar durchschnittlich 15 Grad warm ist, schneit es und die Temperatur fällt nachts auf 20 Grad unter Null.


Das macht mir Angst! Ist das schon ein Zeichen für die kommende Klimaerkältung? Werden ganze Alpendörfer von Wandergletschern bedroht werden? Und noch beim Einpacken der nagelneuen Carving-Ski steigt das Thermometer wieder, und ich frage mich: Welche Gletscher? Aber selbst dieses Wetterchaos ist, verglichen mit dem Stadion-Hickhack in Dresden, total berechenbar! Käme jemand auf die Idee, George W. Bush als Greenpeace-Chef vorzuschlagen oder Angela Merkel das PDS-Parteiprogramm schreiben zu lassen? Nein! In Dresden ginge so etwas. Da beauftragte man mit Finanz-Hartmut einen Vorjohann damit, den Vertrag für den Bau eines Stadions auszuhandeln. Ich meine, das ist ein Mann, der mit Fußball und Dynamo Dresden so viel am Hut hat, wie Putin mit zuverlässigen Öllieferungen. H. war der Erste, der im Zoo Tiere einschläfern lassen wollte, Kindergärten schließen und Schulen abreißen, weil durch den Bau des Stadions die Stadt finanziell ruiniert werden würde. Mit wie viel Enthusiasmus wird diese Sportskanone wohl ans Werk gegangen sein? Ich werde mich hüten, irgendwem etwas zu unterstellen, aber wieso ging es erst schleppend, um dann so schlecht zu sein, dass es beim Regierungspräsidium durchfiel? Oder war deren guter Wille zum Stadionbau auch so groß wie ein Siemens-Manager ehrlich? Mir scheint, wir haben nicht nur den Bock zum Gärtner, sondern eine ganze Herde von Böcken zu Stadionbauern gemacht! Oh, Entschuldigung, natürlich haben die Entscheidungsträger ihr Bestes für ein neues Dresdner Stadion getan.
Wenn das aber schon das Beste war, dann sind sie leider unfähig und sollten den Herren Magath und Heynckes folgen. Das ganze Land fragt sich inzwischen, wie intelligent man sein muss, ein Stadion nicht bauen zu können. Selbst Magdeburg (3. Liga) hat das geschafft! Dabei muss die Frage richtig heißen: Wie intelligent muss man sein, den Vertrag für den Bau eines Stadions nicht hinzubekommen? Einfache Geister denken nun vielleicht, man hätte ja mal woanders gucken können. Zumal im ganzen Land Stadien gebaut wurden, weil hier nämlich eine Fußball-WM stattfand. Okay, an Dresden lief auch dieses Ereignis vorbei … Inzwischen kann es zum finanziellen Ruin führen, auf den Bau des Stadions zu wetten, zumal unklar ist, wer für wen und warum zuständig oder dafür ist.
Nehmen wir den Neu-Dynamo-Fan Georg Milbradt. Wofür steht er? Nachdem er lange vor lauter Fußball-Euphorie den Konflikt gar nicht bemerkt hat, wurde er von einem offenen Brief von Ulf Kirsten wachgerüttelt. Er hat ihn natürlich sofort beantwortet... Nur dummerweise vergessen, etwas reinzuschreiben. Er sei nicht wirklich zuständig, aber wünsche Dresden und Dynamo alles Gute. Danke, Georg! Von ihm kommt noch eine andere Aussage: Da Dresden schuldenfrei ist, muss man hier besonders sensibel mit dem Geld umgehen. Heißt das, wenn wir noch Schulden hätten, könnten wir bauen? Ein Mann, der eine Laudatio an Hans-Dietrich Genscher vom Zettel ablesen muss, erteilt anderen Leuten Ratschläge? Wo waren denn diese besorgten Beamten beim Bau der A 72? Oder als auf der Bodenbacher Straße das verkleinerte Modell einer Multifunktions-Arena errichtet wurde anstatt die Arena selbst. Zur Handball-WM sah man im Fernsehen, was richtige Hallen sind, mit mehreren tausend Zuschauern. Selbst Magdeburg hat eine! Ach ja, Sachsen-Anhalt und natürlich Magdeburg haben so viele Schulden, dass man dort beruhigt bauen kann. Interessanterweise würden diese Kleingeld-Advokaten beim Bau einer Brücke in Dresden bei der 30fachen (!) Summe nicht mal mit der Wimper zucken. Was für eine großartige Szene war das, als der Fußballkaiser der ganzen MDR-Fernsehwelt sagte, Dresden hätte alles, nur kein Stadion. Selbst der Kaiser hat das bemerkt, und der kommt aus einem Bundesland, welches seit Jahrhunderten von Edmund Stoiber regiert wird bzw. wurde. Und die Stadionverhinderer saßen in ihren Logen und grinsten. Heuchler!
Ihr benehmt Euch, wie die Bayern-CSU! Mal ehrlich, der Stoiber tat mir (fast) leid. Kaum hatten seine Parteischleimer ihm ihre volle Unterstützung zugesagt, war er ein politisch toter Mann. Was noch viel schlimmer für ihn gewesen sein musste: Als er mit großer Geste seinen Amtsverzicht verkündete, berichteten die Medien trotzdem zuerst über den Sturm Kyrill. Fragte sich der Eddi sofort: Hat Kyrill mehr Schaden angerichtet als ich? Jedenfalls hat Kyrill den Eddi vom CSU-Chefsessel weggeblasen. Im Gegensatz zu Peter Hartz: Der hat wegblasen lassen. Man muss sich das mal überlegen: Der VW ist sinnlos teuer, weil die Produktionskosten zu hoch sind. Die VW-Mitarbeiter müssen mit Stellenabbau rechnen, weil die Produktionskosten zu hoch sind. Und warum sind die Produktionskosten zu hoch? Weil Leute wie dieser Hartz sich auf Firmenkosten ihre Komplexe aus dem Rückenmark saugen lassen. So etwas hätte vor vielen Jahren als Grund für eine Steinigung hergehalten. Und es hätten Wartelisten für Steinewerfer eingerichtet werden müssen, weil die Nachfrage so groß gewesen wäre. Und was passiert heute? Er bekommt eine Bewährungsstrafe, weil er so ausführlich ausgesagt hat. Stellt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Fortschritt …
Lieber Franz Beckenbauer, ich muss Sie leider korrigieren: Dresden hat nicht nur kein Stadion, sondern seit fast einem Jahr auch keinen Oberbürgermeister! Der hat übrigens auch Bewährung bekommen. Nur sechs Monate weniger als Peter Hartz. Nein, er hat sich nicht selbst bereichert. Nein, auch Prostituierte arbeiteten nicht im Rathaus. Zwei Millionen? Quatsch, Hunderttausend. Warum dann trotzdem so viel? Ich befürchte, den haben sie wegen Doofheit verknackt. Zu doof, einen Deal mit der Justiz zu machen! Oder, weil er in Dresden wirklich ein Stadion bauen wollte …
Stinksauer, Euer Mario
 
Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade