| Dr. Winters Kolumne |
Liebe Freunde, es entzieht sich meiner Kenntnis, welche Personen ich dem
Leserkreis dieser monatlich zu Papier gebrachten Hirngeburt zuordnen darf.
Vielleicht ist es der schnelle, im Vorbeieilen einen Kaffee genießende
Restaurantbesucher oder der sich die Zeit bis zum Filmbeginn vertreibende
Kinogänger, möglicherweise auch der während seiner Fahrt Zerstreuung suchende
Bahnreisende, ich weiß es nicht. Manchmal stelle ich mir vor, ich besäße den
einen oder anderen exotischen Leser, einen Froschmann beispielsweise oder eine
Bauchtänzerin oder einen Dompteur, der sich noch einmal an meiner Kolumne
erfreuen möchte,
bevor
er den riskanten Gang in die Manege antritt. Gewissheit wird mir diesbezüglich
nie zuteil werden, immerzu werde ich mit Spekulationen vorlieb nehmen müssen,
allerdings hoffe ich, dass sich mindestens zwei, drei Teenager meiner
Leserschaft zuordnen lassen. Ihnen habe ich den heutigen, voller Mitgefühl und
Erbarmen verfassten Text geweiht. Denn ganz entgegen der landläufigen Meinung,
wonach für einen Menschen die Zeit zwischen dem 13. und 19. Jahr die beste
seines Lebens darstellt, bin ich durch geschickte Feldversuche und akribische
Studien zu der Auffassung gelangt, dass gerade diese von enormen Umwälzungen
geprägte Zeitspanne zum Furchtbarsten, Entsetzlichsten gehört, was ein Mensch
durchzumachen hat. Der in jener Dekade zu bewältigende, grauenvolle Vorgang der
Pubertät bringt es mit sich, von einer Peinlichkeit in die andere zu stolpern.
Alles ist peinlich, wenn man 13, 14 oder 18 ist, alles fatal. Ist es etwa nicht
peinlich, zu einem unförmigen, haarigen Wesen zu mutieren, das plötzlich über
all die biologischen Aspekte seines Körpers Bescheid wissen, mit ihnen umgehen,
sie sogar akzeptieren muss? Ist Stimmbruch nicht peinlich, oder Pickel oder, was
nachgerade immer gesetzmäßig der Fall ist, als Junge zu klein, und als Mädchen
zu groß zu sein? Alles ist immer und überall peinlich: Als Punk mit Bierflasche
und Schottenrock seiner Oma zu begegnen, als Grufti nicht ohne seine Diddl-Maus
einschlafen zu können, als Rapper ohne Ghetto zurechtkommen zu müssen.
Familienfeiern sind peinlich. Der Vorsatz, niemals so werden zu wollen, wie
seine Verwandten und letztendlich haargenauso zu werden, sogar die selben
Gesichtszüge wie sie zu besitzen, ist überaus peinlich. Es ist einem peinlich,
irgendwo zusammen mit seinen Eltern gesehen zu werden, und dann ist es einem
wieder peinlich, dass es einem peinlich war. Das Benehmen der Eltern ist in
dieser schweren Phase unseres Erdendasein ohnehin durchweg katastrophal. Wenn
sie wüssten, wie peinlich es für ihre Kinder ist, von ihnen ermuntert, unter
Druck gesetzt zu werden, die Anordnung zu erhalten, sich doch nun endlich einmal
zu verlieben ("Na, hast du denn auch schon eine/n Freund/in?"), und wie peinlich
es ist, ihr mit durch und durch abgeschmackten Bemerkungen wie "Schmetterlinge
im Bauch" einhergehendes Verständnis für das den bemitleidenswerten Teenager
überrollende Gefühlschaos ertragen zu müssen. Alles ist peinlich, peinlich,
peinlich. Vollkommen idiotische Musik von gecasteten Bands zu mögen ist
peinlich, "Tanzmäuse" genannte Tanzgruppen aus pummeligen Mittelschülerinnen
sind peinlich, rebellisch zu sein ist peinlich, angepasst sein ebenfalls. In
Freibädern herumzugrölen ist peinlich, auf Schulhöfen dämlich zu kichern
mindestens ebenso. Ein Konsumsklave zu sein ist peinlich, Mädchenzeitungen,
kitschige Poster und das Doktor-Sommer-Team sind peinlich. Romantisch zu sein
ist peinlich, verzweifelt zu sein auch. Einigen mag es als Trost erscheinen,
dass es sich bei der Pubertät um eine vorübergehende Erscheinung handelt, die
innerhalb von zehn Jahren abgeklungen ist, andere finden in dieser Feststellung
nur wenig an Erbauung. Nun ja. Jeder Teenager sollte bestrebt sein, rapide zu
altern, und so schnell wie möglich 20 zu werden. Mit diesem leicht zu
befolgenden Rat verabschiede ich mich für heute und verbleibe bis zum nächsten
Mal
Euer Doktor Jade Maybelline Clearasil Winter
|
| Wort: Dr. Winter / Bild: Uwe Herzog |
|