| Georgien |
Wo
Prometheus einst büßte
Viel ist in letzter Zeit über Georgien berichtet worden. Der Streit mit
Russland überschattet die schönen Seiten eines Landes, das zwischen Schwarzem
Meer und Großem Kaukasus touristisch einiges zu bieten hat. Nach dem Sturz des
ehemaligen sowjetischen Außenministers und georgischen Präsidenten Eduard
Schewardnadse vereinfachte sich mit dem Wegfall der Visapflicht auch für
westliche Touristen das Reisen.
Und die erwartet eine fröhlich hupende, quicklebendige und abgasstickige
Hauptstadt. Tbilissi bietet vor allem kulturelle Vielfalt. Zwischen Russland und
der Türkei gelegen, als wichtiger Handelsplatz in der Geschichte, ist das
Zentrum von Tbilissi ein Zeugnis jahrhundertelanger Begegnungen und Kriege
östlicher und westlicher, nördlicher und südlicher Kulturen. So stehen Kirchen
der verschiedensten Glaubensrichtungen nebeneinander, daneben Synagoge und
Moscheen. Über der Stadt thront die Burgruine aus dem 4. Jahrhundert. Wie viele
der Hauptstädte der ehemaligen Sowjetrepubliken verfügt auch Tbilissi über ein
riesiges Denkmal der Landesmutter auf einem Hügel über der schroff
eingeschnittenen Kura. Keinesfalls sollte ein Besuch der Heilquellen im
türkischen Bad versäumt werden.
Neben dem westlich geprägten Schmelztiegel Tbilissi verfügt das Land über eine
Reihe weiterer Reize. Auf der Reise nach Kutaissi, der zweitgrößten Stadt des
Landes, sind mindestens zwei Orte sehenswert. Das als UNESCO-Weltkulturerbe
anerkannte religiöse Zentrum der georgisch-orthodoxen Kirche befindet sich im
3.000 Jahre alten Mzcheta unweit von Tbilissi. Eine Autostunde später erreicht
der Reisende mit Gori den Geburtsort Stalins. Wenn es einen Ort auf der Welt
gibt, an dem die Zeit nicht existiert, dann diesen. 50 Jahre nach dem Tod des
Diktators ist der Stalinismus hier noch erlebbar. Neben einem Denkmal, das den
Platz vor der Regionalverwaltung dominiert, ist es vor allem das dem
Metaphysikus eigens gewidmete Museum. Es umfasst eine ansehnliche Menge
streitbaren Materials. Neben einem panzerstählernen Eisenbahnwaggon erwartet den
Besucher unter anderem die Geburtshütte, die Totenmaske und die völlige
Abwesenheit jeder kritischen Reflektion ...
Mit seinen 200.000 Einwohnern wirkt Kutaissi beinahe kleinstädtisch. Ein Ausflug
in die auf einem Hügel über der Stadt befindliche Klosteranlage lohnt. Die
Kirchenruine aus dem Jahre 1003 bietet einen schönen Blick. In der Ferne winken
die schneebedeckten Gipfel des Großen Kaukasus. Alte Tonfässer im Boden zeugen
von der reichen Weinkultur Georgiens, die neben dem Teeanbau das Land weltweit
berühmt gemacht hat. Auf einem gegenüberliegenden Hügel erstrahlt das berühmte
Kloster von Gelati.
Lohnenswert
sind Tagesausflüge in den Großen Kaukasus. Ein zeitiger Start über die Große
Georgische Heerstraße sichert die besten Plätze, denn oft genug hüllen sich die
Berge - an denen einst Prometheus büßte - ab Vormittag in dicke Wolken. Allein
die Fahrt durch Schluchten und über steile Serpentinen ist die Reise wert.
Vorbei am Staudamm des Aragwi mit versunkenen Städten und Dörfern, an
farbenfrohen Mineralquellen säumen historische Wachtürme den Weg. Angekommen in
Kasbegi lockt das hoch oben liegende Bergkloster, von dem der atemberaubende
Blick verzaubert. Es mag wohl das Gefühl der allumfassenden Macht Gottes
angesichts der Natur, der unermesslichen Dimensionen und der Abgeschiedenheit
gewesen sein, das Mönche hier siedeln ließ. Über der bizarren Landschaft thront
der auch sommers schneebedeckte Kasbeg (5.033 Meter) mit seiner
unverwechselbaren Gestalt, umkreist vom Beuteflug des Steinadlers.
Für einen weiteren Ausflug empfehlen sich die Höhlenklöster von Udapno/Davidgaretsche.
Abgelegen im steppigen Grenzgebiet zu Aserbaidschan, besiedelt seit der
Bronzezeit. Schildkröten nutzen die wenig frequentierte Strecke zu
Verkehrssicherheitsübungen. Für das Kloster von Davidgaretsche haben Mönche die
Höhlen des schrägen Fels ausgehauen und so bewohnbar gemacht. Zu den legendären
Höhlenzeichnungen ist es ein kurzer, aber beschwerlicher Weg über den Bergkamm.
Einmal oben, begeistert nicht nur der Ausblick. Die schier unendliche Steppe
erstreckt sich faszinierend weit. Die Jahrhunderte alten Felszeichnungen künden
vom mönchischen Leben mit Gott. Russische Soldaten ritzten ihre Namen auf die
historischen Gemälde ...
Auf dem Rückweg lohnt ein Stopp an einem der zahlreichen Weinstraßenverkäufe.
Wein ist nicht nur eines der Exportschlager, sondern auch Zankapfel zwischen
Georgien und Russland. Als Georgien im Frühjahr 2006 mehr Unabhängigkeit vom
großen Bruder verkündete, fanden sich sofort hygienische Einwände gegen den
georgischen Wein und ein Handelsverbot.
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| Wort und Bild: Mick Ten |
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