Dr. Winters Kolumne

Liebe Freunde,

man mag mir zustimmen oder nicht: Ich halte es jedenfalls der Erwähnung wert, zu bemerken, dass ich mich heute beim Herabschreiten der Kellertreppe durch einen vorbeihuschenden Schatten derartig erschrocken habe, dass mir ein oder zwei Stunden lang das Herz stehengeblieben ist, und ich von einer schrecklichen, nichts Gutes verheißenden Blässe heimgesucht wurde. Nun braucht man sich über eine solchermaßen übersteigerte Schreckhaftigkeit nicht zu wundern, wenn man bedenkt, welch negativer Reizüberflutung wir stündlich, Dr. Winters Kolumneminütlich, ja sekündlich ausgesetzt sind, dass wir von frühester Jugend an mit allen erdenklichen Formen menschlichen Elends, mit widerlicher Kriminalität und der Schilderung der abartigsten Verbrechen konfrontiert werden, dass uns aus den Medien das trübsinnigste Szenario eines durch und durch kaputten, moralisch entgleisten Erdballes entgegenhallt, dass uns durch die Presse, den Rundfunk und nicht zuletzt durch das Fernsehen der Eindruck suggeriert wird, jeden Moment könnte das Allerschlimmste, das Unfassbare, das Entsetzliche passieren. Vor allem das alle unsere Sinne ansprechende, jedes andere Medium dominierende Fernsehen spielt hierbei eine äußerst verhängnisvolle Rolle. Seit dem Augenblick, an dem es mir zum ersten Mal gelungen ist, meine Augen zu öffnen, musste ich fernsehen, weil einfach jeder fern gesehen hat. Man hat mir keine Wahl gelassen. Fernsehen war das Fenster zur Welt, und die Welt war grausam, unmenschlich, böse. In den spärlichen Momenten selbstständigen Entscheidens habe ich den Fernseher ja ausschließlich ausgeschalten, meinem Gefühl nach noch vor dem Einschalten ausgeschalten, weil ich es nicht ertragen konnte, nach dem Einschalten sofort wieder ausschalten zu müssen, da mich die Bilder nach dem Einschalten dermaßen in Angst und Schrecken versetzt haben, dass mir das Ausschalten wesentlich lieber gewesen ist. Ich bin, wie viele andere auch, ein typischer Vertreter einer ganzen Generation von Film-und-Fernsehgeschädigten. Das Fernsehen hat mir das Vertrauen in die mich umgebende Welt genommen, jede konsumierte Sendung raubte mir ein Stück Lebensmut. Dabei spreche ich an dieser Stelle nicht etwa von den berüchtigten Edgar-Wallace-Verfilmungen wie "Der Frosch mit der Macke", "Der Häcksler" und "Neues vom Häcksler" oder "Der Picklige von Soho", die in erster Linie vom durch klinischen Irrsinn gespeisten Genius Klaus Kinskis lebten und mir für lange Zeit flüsternde Männerstimmen unerträglich machten, sondern von kindgerechten Sendungen wie "Der rosarote Panzer" oder "Bombi", die ich nur mit geschlossenen Augen und zugehaltenen Ohren über mich ergehen ließ, weil mir, entgegen meinem Wunsch nach sofortigem Ausschalten, das Anschauen derselben angeordnet, befohlen, aufdoktriniert wurde. Meine ganze Hoffnung, mich auf eine normale Weise entwickeln zu können, klammerte sich einzig und allein daran, dass irgendwer irgendwann ausschalten würde. Wie hätte ich das übliche Samstagabendprogramm, beginnend mit der "Schwarzwildklinik", welcher "Ein Schloss am Mördersee" folgte, worauf sich "Der Mord zum Sonntag", und "Das aktuelle Mordstudio" anschloss, ohne bleibende Schäden überstehen können, wenn ich nicht vorsorglich ausgeschalten hätte? Nein Ausschalten war die Devise, ausschalten, ausschalten. Ich wünschte, dies auch bei "Eukalyptus Now" oder "Natural Born Köhlers" praktiziert zu haben, jener in spätabendlicher Runde gesichteten Blutorgien, die mir selbst den letzten Funken positiver Weltsicht ausgetrieben haben, so dass ich heute bestenfalls noch "Das perfide Dinner" anzusehen vermag, ohne mich auf eine schlaflose Nacht voller Schweißausbrüche einstellen zu müssen. Schützt Eure Psyche! Schaltet aus!
Euer Doktor Thoma Pleitgen Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC