| Elia van Scirouvsky |
Nicht nur von Grufties gelesen
"Mir tut es weh, wenn jemand Lyrik vorträgt, als wäre es die
Gebrauchsanleitung für einen Kühlschrank", sagt der kleine, schwarz gekleidete
Mann und verzieht das Gesicht, als würde allein dieser Gedanke ihm Schmerzen
bereiten.
Wenn Elia van Scirouvsky liest, tut es auch manchmal weh. Nicht, weil der
Vortragsstil des 36jährigen an Küchengeräte erinnert, sondern, weil er die Texte
lebt und seinem Publikum erlebbar macht: Anstelle des Wasserglases stehen Kerzen
auf dem Tisch, manchmal ein Glas Rotwein. Anstatt zu sitzen, geht er auf und ab,
mal schnell, mal langsam. Er schreit, flüstert, rezitiert ohne Zettel eigene
oder fremde Texte. Lyrik von anderen Leuten liest Elia erst, seitdem er eigene
Bücher schreibt. Zuvor arbeitete er als Automateneinrichter in seiner
Heimatstadt Marienberg, als Fliesenleger, ungelernter Verkäufer und gelernter
Schweißer. Dann begann er, seine Gedichte, mit dem Nadeldrucker vervielfacht, im
Bekanntenkreis zu verteilen. Seit 1992 druckt der Angela Hackbarth Verlag Elias
Bücher: "Gesänge der Finsternis", "Einsamkeit", "Vergänglichkeit" und
"Rückkehr".
Die Titel klingen mächtig "schwarz" oder zumindest dunkler, als man dem
zufrieden lächelnden Mann zutrauen würde. "Ich fühle mich in dieser Szene sehr
zu Hause, sie passt zu meiner Grundstimmung", bestätigt er. "Aber ich habe
festgestellt, dass es auch schöne Sachen gibt und werde den Weltschmerz wohl
nicht bis sechzig ausleben. Auch jetzt werde ich nicht nur von Grufties
gelesen." Erfolgreich tourt van Scirouvsky durch Sachsen, aber auch über Landes-
und Bundesgrenzen hinaus. Sein Rekord liegt bei 250 Besuchern, erreicht im
tschechischen Usti nad Labem. Elia war Mitveranstalter der Kunst- und
Literaturtage im Erzgebirge und trug seit 1997 fast jährlich bei den "Marienberger
Kulturversuchen" dazu bei, ein Kunstprogramm mit Lehrern und Schülern zu
organisieren. Seit vier Jahren lebt er in Leipzig, studiert Lehramt für Deutsch
und Ethik an Gymnasien und leitet seit 2005 die Autorenlounge des East Ends. Er
liest in der Villa, im 1880, im Helheim und demnächst auch "Eiroudsches" in der
Poetengruft, einem Kellergewölbe in der Bornaischen Straße 56 unterm
"Waldfrieden". Am 29. Dezember, ab 21 Uhr, stellt er dort unter anderem sein
soeben erschienenes zweites Heft der "Edition für ein geteiltes Kopfkissen" vor.
"Je älter man wird, desto prosaischer - aber bis ich alt bin, wollen noch ein
paar Gedichtbände gedruckt werden" und sollen ein paar Schüler ab 2008 lernen,
dass man Lyrik auch anders lesen kann als Gebrauchsanleitungen für Kühlschränke.
www.elia-van.de
Termin
29.12. Waldfrieden, Poetengruft
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| Wort: Katrin Merten / Bild: Ernie Le Coq |
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