| Michael Schweßinger |
Die Sitten und Gebräuche der Lindenauer
Er sitzt stoisch auf der Bühne und liest aus seinen Papieren vor. Hin und
wieder schaut er hoch und verteilt tadelnde Blicke, wenn Schmunzler zu Lachern
werden, kurz bevor sie wieder im Halse stecken bleiben. Michael Schweßinger
heißt der junge Mann, und das Volk hängt an seinen Lippen.
Vor fast 30 Jahren blickte Schweßinger erstmals verwundert auf seine
Mitmenschen, damals im fränkischen Waischenfels; und dieser interessierte
Ausdruck in seinen Augen blieb bis heute. Über Bäckerlehre, Abitur im zweiten
Bildungsweg und ein Studium der Ethnologie und Afrikanistik in Leipzig hinweg
behielt er sich dieses Staunen bei.
Irgendwann stand ein Studiumsbegleitendes Praktikum an, und Michael zog es in
die Ferne: "Da ich Swahili (eine ostafrikanische Sprache - d.Red.) kann, bin ich
nach Tansania gegangen, nach Mbinga in eine katholische Mission der
Benediktiner, zu dem Geistlichen Ndnunguru. Der hat früh, mittags und abends
Fisch gegessen, mit Schwanz und Gräten. Wir betreuten dort drei Monate lang ein
Ausbildungsprojekt für Jugendliche - eine Kfz-Werkstatt. Leider war das sehr
langweilig. Es gab dort nur ein Auto und zweimal pro Woche für drei Stunden
Strom. Die restliche Zeit haben wir rumgesessen und Zuckerrohr gekaut."
Zurück im hiesigen Menschenpark beschloss er, mit seiner Freundin Kris ins
legendenumwölkte Leipzig-Lindenau zu ziehen, dorthin, wo archaische Sitten und
jahrtausendealte Gebräuche noch frisch wie zu Zeiten Alexanders sind. Er fand in
Oliver Baglieris Edition PaperONE einen mitmachenden Verlag, schrieb "Gedanken
an die Dämmerung" und nun "In darkest Leipzig - von den seltsamen Sitten und
Gebräuchen der Lindenauer". Ein Ethnologe, mittendrin lebend im Objekt seiner
Beobachtung, penibel aufzeichnend und charmant und respektvoll berichtend.
"Ich beschreibe zum Beispiel wissenschaftlich die Spezies des gemeinen
Straßenlindenauers, wie man ihn vor Supermärkten trifft, oder die
20-Uhr-Türabschließer-Spießer, die Kundenverächter von Marktfrisch und natürlich
die Schnapsdrossel im Spätverkauf am Café Westen, die immer bescheißt - der
Laden ist jedoch auch mittlerweile zu." Lindenau ist ja sowieso ein sich sehr
schnell verändernder Stadtteil, Aki Frisch, der Gemüsehändler - ein Monat offen
und schon wieder geschlossen. Das Lesecafé am Lindenauer Markt - ein Monat offen
und schon wieder geschlossen. "Das ist der Charme der Fluktuation - vanitas
mundi - die Vergänglichkeit der Welt, die in Lindenau besonders gut zu
beobachten ist."
Und diese ist wissenschaftlich aufzubereiten, sozusagen akademisch zu
dokumentieren. Doch so eine Tiefenbohrung birgt auch Gefahren in sich: "Du
veränderst nicht Lindenau, sondern Lindenau verändert dich. Das merkte ich
erstmals, als ich mit Jogginghose bekleidet bei Lidl an der Kasse stand. Da
beschloss ich, meine Feldforschung über Lindenaus Straßen in die Kneipe Hugo zu
verlegen."
Im dunkelsten Leipzig ist viel zu entdecken, soviel, dass schon Buch Nummer 2 in
Arbeit ist. In dem erscheint auch der radelnde Seemann von der
Karl-Heine-Straße, und die Eingeweihten wissen, was ich meine, wenn ich von dem
auf ihm lastenden Fluch Gottes rede ...
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| Wort: Volly Tanner / Bild: Ernie LC |
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