Vorsicht Thiel!

ThielSchlagzeilen und Hintergründe

Wenn man einen Show-Talk macht, wird das Zeitunglesen zur Jagd nach Schlagzeilen. So erging es mir jedenfalls die ganzen sechs Jahre, die ich "Vorsicht! Thiel!" gemacht habe. Dabei kommt es darauf an, wem eine Schlagzeile gilt.


So las ich: "Gusenbauer trifft Schüssel". Das ist eine völlig unspektakuläre Meldung aus Österreichs Politik, also keine Erfolgsmeldung. Ganz anders sieht das aber aus, wenn diese Schlagzeile aus dem Altersheim berichten würde. Da möchte man dem oder der Gusenbauer spontan gratulieren. Bei anderen Meldungen ist es entgegengesetzt. Scheinbar eine Erfolgsmeldung, aber was steckt dahinter? So las ich von der "Wiedereröffnung des Dresdner Hauptbahnhofes", nach sechs Jahren Bauzeit und etwa 250 Millionen Euro Kosten. Zur "Wiedereröffnung" kamen dann Leute mit Namen wie Foster, Mehdorn oder Milbradt, was gemeinhin die Bedeutung noch bedeutender macht. Oder anders formuliert, da musste ich mal gucken gehen. Mir blieb dazu der Samstagabend, die "Lange Nacht des Bahnhofs", da ich zum Festakt (wieder) nicht eingeladen war. Als ich in den Bahnhof kam, kroch in mir ein wohliges Gefühl hoch, was mich immer beschleicht, wenn ich etwas Historisches erleben darf, wie eine "Wiedereröffnung". Damit das wohlige Gefühl keinen Schaden anrichtet, suchte ich eine Toilette auf, da es verboten ist, auf Bahnsteige zu machen. Um diese Zwangssituation wissend, forderte ein Drehkreuz von mir 50 Cent (!) Eintritt für den Austritt, welche ich regelrecht umging. Ich kannte das Drehkreuz schon, es war nämlich nicht wiedereröffnet. Auch das Becken nicht, im Gegenteil, es war schon zu lange geöffnet, was man am Geruch erkannte. Oder hatten etwa die Herren Foster, Mehdorn oder Milbradt nicht gezogen? Jedenfalls fiel es mir kurz darauf wie Kohlen aus der Dampflok, auch die Bahnsteige und Gleise sahen nicht viel anders aus, als sonst. Um es kurz zu machen, diese kleinen Schlingel von der Bahn hatten mitten auf der Baustelle die Bahnhofshalle "wiedereröffnet" und dabei so getan, als sei das schon der ganze Bahnhof. Oder plant man den Börsengang als Back-Shop? Nach dem Gang durch die Halle ist man versucht, sich zu schämen, wenn man keinen Hunger hat. Vielleicht hatte Axel Schulz seine Comeback-Inszenierung von der Bahn? Man nehme heiße Luft, einen großen Veranstalter und einen Fernsehsender, verrühre das Ganze und verkaufe es als Ereignis. Axel hat wenigstens dafür auf die Fresse bekommen.
Da ziehe ich viel eher meinen Hut vor Forschern aus Leipzig! Die sind dabei, die DNA des Neandertalers zu entschlüsseln. Was für ein spektakulärer Erfolg! Das würde bedeuten, wir bekommen die DNA vom Neandertaler eher, als die von Jan Ullrich. Weil wir gerade beim Sport sind: Sachsens Regierung soll angeblich erwägen, ein Sportministerium zu schaffen, mit Geert Mackenroth an der Spitze. Der ist zwar noch Justizminister, aber die Leute in seinem Zuständigkeitsbereich sind so was von körperlich gut drauf, dass er selbst überrascht war. In Sachsens Gefängnissen haben die Insassen nämlich eine Fitness-Aktion gestartet unter dem Motto "Nur mal schnell weg". Dabei versuchen die Teilnehmer schnellstmöglich auf ein Dach zu gelangen oder im Laufduell den Begleitbeamten zu entwischen. Nicht nur, dass man dabei beachtliche Leistungen bewundern kann, man hat damit auch eine größere Medienpräsenz erreicht als mit Bildern friedlicher Dynamo-Fans beim Verlassen eines Stadions. Die interessieren nämlich keine Sau.
Jedenfalls stand der mutmaßliche Gewaltverbrecher Mario M. stundenlang auf dem Dach der JVA und unser Justiz-Mackenroth brauchte kaum weniger als zehn Stunden, um diese nicht ganz normale Situation zu entlarven. Schonungslos analysiert und knallhart den Finger in der Wunde, sprach er die ganze Wahrheit in die wartenden Fernsehkameras: "Das ist eine Panne …" Dafür benötigen wir also erfahrene und besonders gut ausgebildete Beamte aus den alten Ländern, weil das einer von hier sicher nach 20 Stunden noch nicht bemerkt hätte. Vielleicht aber auch, weil der Geert gnadenlos durchgreift und Maßnahmen in der JVA angeordnet haben soll, die so was in Zukunft verhindern. So sollen alle Häuserwände mit Vaseline eingerieben werden, ergänzt durch Hinweisschilder mit einem Dach drauf, darüber steht groß "Nein!". An die Fenstergitter kommen wahrscheinlich Schilder mit "Vorsicht! Frisch gestrichen" und an das Ausgangstor ein Schild mit "Ich muss drin bleiben". Um den Ernst der Lage zu unterstreichen, soll überall darunter stehen: "Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis bestraft!" Mal ehrlich, nicht nur, dass es einigen Medien nicht zu blöde war, stundenlang den Mann auf dem Dach zu zeigen, was schon an ein Standbild erinnerte. Nein, während ein ganzes Volk dachte, "Los, spring!", brachte man dem Gefangenen Decken und heißen Tee. In was für einer Gesellschaft leben wir, dass wir einem ausgebüchsten Gefangenen auf dem Dach Decken bringen, aber scheinbar kein Problem damit haben, ein weißes Reh oder einen Bären abzuschießen, weil sie nicht in unser Schema passen?
Dazu gleich noch eine Frage an die christlich-demokratischen Sachverständigen unserer Landesregierung: Wenn ich gelegentlich zum Inder essen gehe, einen Italiener fahre, im Urlaub sogar mal in der Türkei war und beim Asiaten manchmal Obst kaufe, bin ich dann schon eine Multi-Kulti-Schwuchtel? Ich will ja nur sicher gehen, dass ich kommendes Jahr noch ins hiesige Schema passe …
In Vorfreude, ciao, Euer Mario

"Vorsicht! Thiel!"
läuft bzw. lief zum letzten Mal am 14. Dezember im Kabarett Breschke und Schuch, Gäste sind bzw. waren mëdlz, verantwortlich 2 HOT, Holger und Thiel. Das Ganze ist bzw. war ausverkauft. Eventuell zurückgegebene Karten unter 4904009.

www.vorsicht-thiel.de
 
Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade