Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters KolumneLiebe Freunde,
was sind wir Menschen doch für seltsame, verschrobene, unserer Umgebung geradezu unzumutbare Kreaturen! Ich werde nie verstehen, weswegen sich Haustiere zu uns hingezogen fühlen, wieso sie uns trotz der uns mit elementarer Zähigkeit anhaftenden unzähligen Marotten, Spleens und Auffälligkeiten die Treue halten! Was treiben wir beispielsweise für einen Aufwand mit unserer Zukunft, auf welch eine durch und durch ungesunde Art und Weise sind wir permanent um unser Wohl besorgt, mit welcher Penetranz suchen wir nach Möglichkeiten, den Lauf der Dinge beeinflussen, kontrollieren und korrigieren zu können! Gerade in der Zeit zwischen dem Ende des alten und dem Beginn des neuen Jahres fragen wir uns mit einer an Borniertheit grenzenden Hartnäckigkeit, ob nicht irgendwo ein Anzeichen, ein versteckter, an Deutlichkeit nichts fehlen lassender Hinweis zu finden wäre, der uns einen Ausblick auf die kommenden Wochen und Monate zu geben imstande sein könnte, nehmen Zuflucht zu esoterischen Ratgebern, hoffen auf eine günstige Konstellation der Planeten, suchen unser Heil in telemedialer Betreuung. Kein Tier benimmt sich so affig, jedes Huhn, selbst der struppigste Vierbeiner legt eine größere Coolness an den Tag, wenn es um seine Zukunft geht, aber wir wollen unser Leben planen, bestimmen, es selbst in den Händen halten. Immer wieder staune ich über die Fülle, über die stattliche Anzahl diesbezüglicher nach wie vor praktizierter, seit Jahrhunderten erhalten gebliebener Bräuche und Sitten, als Beispiel sei an dieser Stelle das nur mit einem Höchstmaß an interpretatorischer Begabung funktionierende Bleigießen genannt, aber auch der Versuch, am Weihnachtsmorgen beim Überziehen des Strickpullovers den Kopf durch die Ärmelöffnung zu zwängen, oder die schöne Angewohnheit, pünktlich um Mitternacht ein Plastikmesser aus dem Fenster zu werfen, winzige Buchstaben aus Tageszeitungen auszuschneiden, um sie anschließend zu bemalen, oder mit zusammengekniffenen Augen durch das Wohnzimmer zu humpeln, gehören in diese Kategorie. Was, zumindest bei den letztgenannten auf den ersten Blick nach einer Paarung frühkindlichen Erinnerns mit Anzeichen klinisch attestiertem Irrsinn anmutet, erweist sich schon bald als ein bereits den Höhlenmenschen bekanntes Ritual, sich das Schicksal gefügig zu machen, sich bei ihm einzuschmeicheln, für gute Stimmung zu sorgen, wenn man so will. Welches Resultat sich unsere Vorfahren von dergleichen Bemühungen versprochen haben, kann man nur vermuten. Eine schönere Höhle vielleicht, ein schmackhaftes Mammut, einen nicht ganz so hässlichen Lebensgefährten. Diese Punkte stellen in einer etwas modifizierten Form durchaus auch heutigentags die Säulen unserer an das Leben gerichteten Erwartungen dar, bilden das Fundament unseres unendlichen Bedürfnisses nach Glück und erfülltem Dasein. Wenn uns dabei das Gefühl kategorischer Unsicherheit zu intensiv plagt, nehmen wir Zuflucht zu Horoskopen. Es ist schon merkwürdig: Jeder giert danach, alles zu erfahren, dabei wäre es besser, nichts zu erfahren, alles zu wissen. Obwohl es weit eher angebracht wäre, nichts zu wissen. Jeder will hören, dass alles besser wird, obwohl es noch nie besser geworden ist, jeder hofft auf eine Veränderung zum Guten hin, dabei wäre schon viel erreicht, wenn sich nichts ändern, das bestehende Niveau erhalten bleiben würde, jeder will reich werden, obwohl die Wahrscheinlichkeit arm zu werden, viel größer ist, jeder, jeder will irgendwann zu den Gewinnern gehören, obwohl die Verlierer eindeutig in der Mehrzahl sind ... Nichts stiftet größere Verwirrung als Horoskope. Nehmt Euch, was die Zukunft anbelangt, einfach ein Beispiel an Euren Haustieren: Ein wenig mehr Coolness und Vertrauen in das Leben reichen völlig aus. Ich wünsche Euch allen eine schönere Höhle, ein schmackhaftes Mammut, einen nicht ganz so hässlichen Lebensgefährten, und auch sonst alles erdenkliche Gute für das neue Jahr und verbleibe bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Neandertal Troglodyt Winter
 
Wort: Dr. Winter / Bild: Ernie LC